Meeresbrise mitten im Schwabenland: Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen huldigt der Nordsee – mit Kunst und Kluntje. Zu sehen ist die Schau bis zum 8. Juli 2018.

Ludwigsburg: Susanne Mathes (mat)

Bietigheim-Bissingen - Dass die Nordsee selbst harte Punkrocker schwach macht, ist spätestens seit dem 80er-Jahre-Hit „Westerland“ bekannt. „Oh, ich hab’ solche Sehnsucht, ich verlier’ den Verstand“, schmachteten Die Ärzte damals überraschend unkrawallig die Insel Sylt an.

Der Faszinationskraft von Wellen, die sich dramatisch brechen, von Horizonten, die sich ins Endlose ziehen, von schlickigen Watt- oder fragilen Dünenlandschaften ist zurzeit auch ohne lange Anreise ans Meer erlebbar. In der Bietigheim-Bissinger Ausstellung „Im Bann der Nordsee – Die norddeutsche Landschaft seit 1900“ weht zumindest imaginär eine steife Meeresbrise durch die Städtische Galerie.

Kluntje und Wulkje

In erster Linie mit atmosphärisch dichten Gemälden, Grafiken, Zeichnungen und Objekten. Aber auch mit einem Begleitprogramm, in dem zum Beispiel Hausherrin Petra Lanfermann bekennendes Nordlicht, in die Geheimnisse ostfriesischer Teezeremonien mit Kluntje und Wulkje – sprich Kandis und Sahnewolke – einführt.

Nicht nur beim Tee ist die energiegeladene Kuratorin in ihrem Element. Lanfermann spickt die per se sehenswerten Exponate mit kurzweiligen Zusatzinformationen: Ob sie nun die feinen Unterschiede von Schoner, Schaluppe und Tjalk auseinanderklamüsert – für Unbeleckte gibt es im Katalog ein Schiffstypen-Glossar zum Nachlesen – oder ob sie im Schnelldurchlauf ins Genre „Seestück“ einführt, dem der marineverliebte Kaiser Wilhelm II. zum Aufschwung verhalf: 1896 stiftete er eigens eine Professur für Marinemalerei an der Berliner Akademie der Künste und lud Maler auf seine Kriegsschiffe ein.

Die Ausstellung zeigt neben Szenen von bekannten „Brücke“-Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff oder Erich Heckel, die sich in den Küstenort Dangast verliebt hatten, auch entdeckenswerte unbekanntere Maler wie Poppe Folkerts oder Hans Peter Feddersen. Sie hatten Meeresrauschen und Salzluft quasi mit der Muttermilch eingesogen und setzten ihre Heimatlandschaft in ihrer Schönheit, aber auch Bedrohlichkeit plastisch und dynamisch in Szene.

Die Nordsee strahlte indes auch enorme Anziehungskraft auf Maler aus, die nicht von der Küste kamen. Manche verfielen ihrem Sehnsuchtsort so mit Haut und Haaren, dass sie sich gleich ganz dort niederließen, wie der Franke Alfred Depser oder der Rheinländer Hans Trimborn.

Sinn und Irrsinn

Ein Extra-Part der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Bietigheimer Lokalmatadoren Gustav Schönleber. Der spätere Professor für Landschaftsmalerei in Karlsruhe illustrierte in den 1880er-Jahren den Prachtband „Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee“. Filigrane Skizzen und Vorstudien dafür zeigt die Galerie, die 2016 zusätzliche Werke aus Schönlebers Nachlass erhielt, ebenso wie großformatige Ölgemälde. Dass Schönleber ganz Schwabe war, zeigt sich übrigens an der Tatsache, dass er beide Seiten der Skizzenblätter benutzte.

Den Brückenschlag in die Gegenwart zeigen Gemälde, Fotografien oder Schlick-Kunst von Zeitgenossen wie Hermann Buß, der sich mit den Spuren auseinandersetzt, die der Mensch im Küstenraum hinterlässt – etwa wenn er gigantische Kreuzfahrtschiffe durch die extra tiefer gebaggerte Ems Richtung Nordsee schleppt.