OB-Wahl in Stuttgart 14 OB-Bewerber vor 250 Zuhörern

Von Thomas Braun und Josef Schunder 

Erstmals haben sich am Dienstagabend alle 14 Bewerber um die Nachfolge von OB Fritz Kuhn (Grüne) gemeinsam in der Schleyerhalle der Öffentlichkeit präsentiert. Wir dokumentieren nachfolgend zentrale Aussagen der Kandidaten in der Reihenfolge ihres Auftretens.

Die Zuhörer  mussten bei der offiziellen Kandidatenvorstellung zur OB-Wahl in der Schleyerhalle Abstand halten und eine Maske tragen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 15 Bilder
Die Zuhörer mussten bei der offiziellen Kandidatenvorstellung zur OB-Wahl in der Schleyerhalle Abstand halten und eine Maske tragen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Am Dienstagabend haben sich alle 14 zur Wahl zugelassenen OB-Bewerber erstmals gemeinsam der Öffentlichkeit präsentiert. Corona-bedingt waren statt der 500 ursprünglich zugelassenen Besucher lediglich 250 in die Schleyerhalle gekommen. Hier zentrale Aussagen der Kandidaten in der Reihenfolge ihres Auftretens.

Das Video der Reden können Sie sich hier anschauen.

Kandidat Schreier: Junge Generation muss Verantwortung übernehmen

Marian Schreier (30) Der „parteiunabhängig“ antretende Bürgermeister von Tengen sagte, es sei an der Zeit, dass die junge Generation Verantwortung übernehme. Denn viele Entscheidungen hätten auf 20 oder 30 Jahre Auswirkungen. Er habe den Mut, einen Neuanfang für die Stadt zu wagen, ohne ihre Geschichte zu vergessen. Stuttgart müsse Platz und Wohnungen für alle bieten. Dazu solle ein Teil des Bodens der Spekulation entzogen werden. Die Mobilitätswende solle ganzheitlich gesteuert werden, das Radfahren ungefährlicher werden. Die Verwaltung müsse auf der Höhe der Zeit arbeiten.

Kandidat Nopper: Gegen autofreie Innenstadt

Frank Nopper (59) Gleich mehrfach nahm der Backnanger Rathauschef, der für die CDU ins Rennen geht, Bezug auf den legendären OB Manfred Rommel, der einst über ihn gesagt haben soll: „Den Kerle kenneter nemme.“ Nopper will die Arbeitsplätze in Stuttgart sichern, zugleich Ökonomie und Ökologie versöhnen. Die Autoindustrie müsse zwar „umsteuern“ und umweltfreundliche Antriebe entwickeln. Zugleich sprach sich Nopper gegen eine autofreie Innenstadt aus. Zur Behebung der Wohnungsnot will er in Stuttgart jährlich 2000 neue Wohnungen bauen.

Kandidat Kaufmann: Überzogene Corona-Maßnahmen zurückfahren

Malte Kaufmann (43) Der AfD-Kandidat sprach von einer „Richtungswahl“, um weitere acht Jahre links-grüner Politik zu verhindern. Der Volks- und Betriebswirt – im Rhein-Neckar-Gebiet im Immobilienbereich tätig – möchte mit einem Runden Tisch Stuttgarts gut bezahlte Arbeitsplätze sichern und ausbauen. Die „überzogenen Corona-Maßnahmen“ wolle er zurückfahren. Den Rückbau von Straßen und Parkplätzen, eine autofreie Stadt und Dieselfahrverbote lehne er ab. Das Birkacher Feld will er vor Bebauung bewahren. Außerdem müsse sich jeder jederzeit in Stuttgart sicher fühlen können.

Kandidat Rockenbauch: Ich habe einen Plan für Stuttgart

Hannes Rockenbauch (40) Der langjährige Stadtrat, der für das parteifreie Bündnis SÖS antritt, will Stuttgart zur Modellstadt für Klimagerechtigkeit machen. „Mit mir als OB wird es kein Weiter-so geben“, sagte er und kritisierte das „Durchwurschteln“ der vergangenen Jahre in der Klima-, Verkehrs- und Wohnungspolitik. Zugleich ging er seine Mitbewerber Frank Nopper (CDU) und Veronika Kienzle (Grüne) direkt an: Er wisse nicht, was Nopper wolle „außer weg aus Backnang“. Kienzle sei bei vielen Themen zu zögerlich. Er dagegen habe einen Plan für Stuttgart.

Kandidat Heer: Stadt hat unter der Ägide von Fritz Kuhn versagt

John Heer (54) Stuttgart brauche einen starken und unabhängigen OB, sagte der Einzelbewerber, der im Baugewerbe tätig ist und „Eigentümer mehrerer Vergnügungsstätten“ ist. Die Stadt benötige Veränderung, Transparenz und die Einbindung der Bürger. Das Versagen der Stadt in der Ägide von OB Kuhn bei Verkehrsplanung, Bürgernähe und Stärkung des Einzelhandels sei ideologischen Zwängen geschuldet, der Gemeinderat mitverantwortlich. Nun wollten die Parteien einen der Ihren durchbringen, um so weiterzumachen. Leider hätten die Medien die parteilosen Bewerber benachteiligt.

Kandidatin Miller: Statt Opernsanierung ein Kulturzentrum für alle bauen

Friedhild Miller (51) Die parteilose Dauerbewerberin, die schon bei mehr als 100 Wahlen angetreten ist, kämpft nach eigenen Angaben „für Wahrheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“. Sie versprach, beim Thema Stuttgart 21 Lösungen zu finden, „die alles zum Guten wenden“. Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft müssten in Regress genommen werden. Ihr Gehalt will sie im Fall ihrer Wahl für soziale Zwecke spenden. Die Sanierung der Oper lehnt sie ab, will stattdessen „ein Kulturzentrum für alle“ errichten lassen. Bürgeranliegen will sie im Wege von Eilentscheidungen durchsetzen.

Kandidat Abdul-Karim: Stillstand in der Stadt überwinden

Issam Abdul-Karim (50) Der parteilose Aktionskünstler, seit über 43 Jahren in Stuttgart, lässt sich vom Motto „Einfach machen!“ leiten. Visionen Einzelner seien die Zukunft vieler Menschen. Man müsse Talente fördern, damit die Stadt neue Leitbilder für die nächsten 100 Jahre erhalte. Er setze sich unter anderem für kostenlosen ÖPNV, Sicherheit und Sauberkeit in allen Bezirken und Bürgernähe ein. Er kandidiere, weil er den Wunsch spüre, den „Stillstand“ zu überwinden. Er sei innovativ und zuverlässig, wolle Konflikte lösen und engagiere sich für Kunst, Zivilcourage, Versöhnung und Frieden.

Kandidat Völker: Bürger an allen wichtigen Entscheidungen beteiligen

Marco Völker (42) Der Betriebswirt empfahl sich den Wählern als jemand, der sich nicht von Parteiinteressen steuern lasse. Er kritisierte die Wahlversprechen, die viele Kandidaten abgeben, als Floskeln und Worthülsen. Ein OB könne wenig entscheiden, er habe nur eine Stimme im Gemeinderat. „Mein Schwur lautet: Die Bürger sollen durch Befragungen und Bürgerentscheide an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt werden.“ Er rief dazu auf, Parteipolitiker kritisch zu hinterfragen. So wüssten etwa Stadträte oft gar nicht, was die Wahlberechtigten eigentlich wollten.

Kandidat Körner: Die Stadt zusammenführen

Martin Körner (50) Der Volkswirt und SPD-Fraktionschef im Rathaus nannte es „die vornehmste Aufgabe eines Oberbürgermeisters, das Verbindende zu betonen und die Stadt zusammenzuführen“. Bei den Sachthemen sei in Stuttgart der Wohnungsbau am wichtigsten. Mit einer aktiven Grundstückspolitik der Stadt, Maßnahmen gegen Leerstand und mehr Zusammenarbeit mit Baugenossenschaften möchte er mehr bezahlbare Wohnungen erreichen. So sei auch ein Teil des Pendlerverkehrs zu vermeiden. Ebenso durch das Konzept der Fünf-Minuten-Stadt: kurze Wege zu wichtigen Einrichtungen.

Kandidat Ressdorf: Demokratietempel aus Marmor auf dem Birkenkopf bauen

Werner Ressdorf (66) Der Fachbuchautor, gebürtiger Brasilianer, propagiert das Motto: Mit den Bürgern für die Bürger. Er will als Oberbürgermeister tägliche Bürgersprechstunden im Rathaus abhalten. Schließlich komme „Demokratie nicht aus der Steckdose“, sondern müsse vorgelebt werden. Sein Leuchtturmprojekt: Er will spendenfinanziert auf dem Birkenkopf, besser bekannt als Monte Scherbelino, einen „Demokratietempel aus weißem griechischem Marmor“ nach dem Vorbild der Athener Akropolis erbauen lassen. Im Übrigen werde er als OB „für ganz Deutschland“ eine Verfassung und einen Friedensvertrag erwirken.

Kandidat Reutter: Es muss wieder Spaß machen, in Stuttgart zu leben

Sebastian Reutter (40) Der Jurist und Wirtschaftsförderer empfahl sich als überparteiliches und lösungsorientiertes Stadtoberhaupt. Der OB müsse sich auskennen mit Wirtschaft, nahbar und modern und ein Motivator sein und eine Vision für die Stadt haben. Das Auto der Zukunft müsse auch aus Stuttgart kommen. Im Zentrum wünsche er sich weniger Autos, aber nicht durch Verbote, sondern durch Anreize wie ein 365-Euro-Jahresticket für den ÖPNV. Die Radwege möchte er „konsequent ausbauen“, klimafreundliches Bauen voranbringen. Es müsse wieder Spaß machen, in Stuttgart zu leben.

Kandidatin Kienzle: Klimaneutrale Mobilität, Stadtplanung und Wirtschaftsförderung

Veronika Kienzle (58) Die Kandidatin der Grünen freute sich zunächst über Platz eins in der jüngsten Infratest-Umfrage zur OB-Wahl. Die studierte Eurythmistin betonte die Bedeutung der Stadtbezirke für die Gesamtstadt. „Stuttgart kann man nur gemeinsam mit den Stadtbezirken regieren“, sagte sie. Sie wolle ihren Beitrag leisten, um den Klimawandel aufzuhalten, Mobilität, Stadtplanung und Wirtschaftsförderung klimaneutral gestalten und die ökologische Transformation der Produktion vorantreiben. In der Politik sei der weibliche Blick auf die Dinge manchmal hilfreich, betonte sie und nannte als Beispiel Kanzlerin Angela Merkel: „Sie macht es uns in der Krise vor.“

Kandidat Schertlen: Parteilose Rathausspitze für Vernunft und Miteinander

Ralph Schertlen (51) Der parteilose Elektroingenieur und Ex-Stadtrat bezeichnete sich als Fan einer Verkehrsberuhigung auf der B 14, aber erst brauche man Ersatz für wegfallende Verkehrsfläche in einem Tunnel in der Stadt oder einer Umfahrungsstraße. Liegengebliebene Projekte müsse man aufarbeiten, Brunnen wieder betreiben, Schulen sanieren, Personalmangel beseitigen und die Kfz-Zulassungsstelle auf Vordermann bringen. Man brauche dazu eine „parteilose Rathausspitze für Vernunft und Miteinander in der Stadt“. Der OB müsse Mitarbeiter zum Entscheiden statt Verhindern ermuntern.

Kandidat Ballweg: Alle Corona-Einschränkungen sofort beenden

Michael Ballweg (45) Der Unternehmer und Initiator der Proteste gegen die Corona-Beschränkungen will sich für eine Welt einsetzen, in der alle in Frieden und Freiheit leben können. Er kündigte an, als OB monatlich 10 000 Euro seines Gehalts für ein soziales Projekt zu spenden. Er kritisierte die Stadtverwaltung sowie die Regierungen in Bund und Land, die Corona-Grenzwerte willkürlich festgelegt hätten, um überzogene Maßnahmen durchzusetzen. Er tritt für die sofortige Beendigung aller Einschränkungen ein, will auch das Projekt Stuttgart 21 sowie das Dieselfahrverbot kritisch hinterfragen.

Das Video der Reden können Sie sich hier anschauen.




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