Oberbürgermeisterwahl in Bietigheim-Bissingen Ein Herausforderer für Jürgen Kessing

Von Susanne Mathes 

Kurz vor Ende der Bewerbungsfrist für die Oberbürgermeisterwahl in Bietigheim-Bissingen sorgt eine überraschende Personalie für Aufsehen: Der Winzer, Gastronom und Freie-Wähler-Stadtrat Stephan Muck tritt gegen den Amtsinhaber an.

Am 8. März entscheiden die Wähler, wer im Bietigheimer Rathaus in den nächsten acht Jahren das Sagen hat Foto: factum/Andreas Weise
Am 8. März entscheiden die Wähler, wer im Bietigheimer Rathaus in den nächsten acht Jahren das Sagen hat Foto: factum/Andreas Weise

Bietigheim-Bissingen - Siebzehn Stimmen hatte Stephan Muck schon bei der Oberbürgermeisterwahl im Jahr 2012 bekommen – obwohl er damals gar nicht auf der Bewerberliste stand. Mit seiner Kandidatur für den Chefsessel im Bietigheimer Rathaus hat der 49-jährige Winzer Stephan Muck jetzt einen Überraschungscoup gelandet. Wochenlang war Amtsinhaber Jürgen Kessing (SPD) der einzige Bewerber gewesen, fast schien es schon, als werde Kessings Name am 8. März – wie vor acht Jahren – als Einziger auf dem Wahlzettel stehen. „Aber wenn Politik alternativlos ist, dann ist das keine Demokratie mehr“, findet Stephan Muck. Und betont: „Ich bin kein Spaßkandidat. Ich will mich nicht profilieren. Ich trete an, um zu gewinnen. Mit 51 Prozent plus.“

Der Herausforderer ist in Bietigheim-Bissingen bekannt wie ein bunter Hund: Der beim Weingut Graf Adelmann ausgebildete Winzer und Gastronom betreibt die Besenwirtschaft „Besa im Städtle“, worin die Erzeugnisse aus dem familieneigenen Steillagen-Weingut ausgeschenkt werden. Eine Verwaltung mit rund 700 Mitarbeitern zu führen, traut er sich dennoch zu. Er verweist auf seine Erfahrung und kommunalpolitischen Kenntnisse als Stadtrat – und seine Connections in der Stadt, in der er groß wurde. „Stephan Muck: 100 Prozent Bietigheim-Bissingen“ heißt sein Wahlslogan.

Der Oberbürgermeister als „Macher, Organisator und Kümmerer“

Vor 20 Jahren wurde Muck für die Grünen in den Gemeinderat gewählt, 2004 wechselte er zu den Freien Wählern. „Das Rathaus hat ein gutes Team mit viel Expertise. Der Oberbürgermeister muss der Macher, Organisator und Kümmerer sein“, sagt Muck. Da sei es kein Beinbruch, wenn er nicht jeden Paragrafen kenne. Das Amt sei jedenfalls so beanspruchend, dass es sich nicht mit aufwendigen Nebenämtern vereinbaren lasse, findet er – ein Seitenhieb auf Jürgen Kessings Engagement als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Wie viel offizielle Unterstützung Muck – von den Freien Wählern abgesehen – erhalten wird, ist noch nicht abzuschätzen. Die SPD steht hinter Jürgen Kessing: „Er macht eine über die Parteigrenzen hinweg anerkannte, gute Arbeit“, sagt Fraktionsvorsitzender Thomas Reusch-Frey. Die anderen Parteien und Vereinigungen warten das Ende der Bewerbungsfrist ab und wollen dann mit den Kandidaten reden. Weder die CDU – sie stellt mit acht Sitzen die größte Gemeinderatsfraktion – noch die Grün-Alternative Liste – die wie die Freien Wähler sieben Sitze hat – schicken eigene Kandidaten ins Rennen. Auch wenn beide mit interessanten Bewerbern im Gespräch gewesen seien, wie Michael Jacobi, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Bietigheim-Bissingen, und Traute Theurer, Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste (GAL), versichern.

Schwierige Kandidatensuche

„Wir verspüren aber keine Wechselstimmung in der Stadt und wollten den sehr guten Interessenten nicht verprellen oder vorführen“, sagt Theurer. Sich gegen einen Amtsinhaber aufzustellen, der fest im Sattel sitze, zu scheitern und dann in geschwächter Position im bisherigen Job weiterzumachen – das überlege sich ein potenzieller Anwärter doppelt gut, sagt Michael Jacobi, der 2004 selbst seinen Hut als OB-Kandidat in den Ring geworfen hatte. Und in Zeiten von Bedrohungen und Shitstorms in sozialen Medien sage sich mancher mögliche Interessent: „Warum soll ich mir das antun?“

Die GAL hat sich noch nicht dazu positioniert, wen sie unterstützen wird, ist aber mit Jürgen Kessings Arbeit weitgehend zufrieden. „Und er hat ein gutes Fundament in der Stadt“, so Traute Theurer. „Wir wollen auf jeden Fall einen OB, der weiß, wie eine Verwaltung tickt, und der Personalerfahrung hat.“

Die CDU beklagt „gepflegte Langeweile und Stillstand“

Anders ist die Stimmung in der CDU. Unter Jürgen Kessing sei Bietigheim-Bissingen nicht mehr innovativ, sondern verharre ambitionslos in „gepflegter Langeweile und Stillstand“, sagt Michael Jacobi. Verkehrs- und Baupolitik kämen nur in Zeitlupe weiter. Der CDU-Stadtverband werde sich deshalb unvoreingenommen anhören, wie sich der Freie Wähler Stephan Muck die Verwaltungstätigkeit vorstelle und mit welchen Ideen er komme. „Dann entscheiden wir, ob wir seine Kandidatur unterstützen.“

Der FDP-Ortsverband heißt es gut, dass es durch Mucks Kandidatur „einen echten demokratischen Wettbewerb um das Amt gibt“, erklärt der Ortsvorsitzende Elmar Schwager. Auch Erwin Weiblen vom Bündnis für mehr Mitwirkung und Demokratie freut sich, dass die Bürger nun eine Auswahl haben. Er findet Mucks Einsatz mutig und wünscht sich „interessante Diskussionen mit Respekt für andere Meinungen.“ Jürgen Kessing will Mucks Kandidatur nicht kommentieren.