Oberbürgermeisterwahl in Bietigheim-Bissingen Junger Wilder fordert Elder Statesman heraus

Von Susanne Mathes 

Stephan Muck will Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen werden, Jürgen Kessing will es bleiben. Vor knapp 500 Bürgern machen sie bei der öffentlichen Bewerbervorstellung im Kronenzentrum Werbung in eigener Sache. Auf den Mund gefallen sind beide nicht. Ansonsten unterscheidet sie vieles.

Jürgen Kessing (rechts) will es ein drittes Mal  wissen. Doch auch Stephan Muck möchte ins Rathaus Bietigheim-Bissingen einziehen. Gewählt wird der Oberbürgermeister am 8. März. Foto:  
Jürgen Kessing (rechts) will es ein drittes Mal wissen. Doch auch Stephan Muck möchte ins Rathaus Bietigheim-Bissingen einziehen. Gewählt wird der Oberbürgermeister am 8. März. Foto:  

Bietigheim-Bissingen - In manchem Moment verlässt Stephan Muck die ungewohnte staatstragende Attitüde und seine Spontaneität bricht sich Bahn. Auf die Publikumsfrage „Wie halten Sie es mit den Älteren in Bietigheim?“ antwortet der Winzer und Besen-Wirt dann zum Beispiel: „Ich sorg’ ja auch dafür, dass sie mal ein Viertele und eine Schlachtplatte kriegen“, um dann über sein eigenes Alter zu sinnieren: „Ich bin ja bald 50, da bin ich vom Alter auch nicht mehr so weit weg. Da macht man sich schon so seine Gedanken. Ich wohne im vierten Stock, da gibt’s keinen Aufzug.“ Um dann doch noch auf die Frage zurückzukommen und festzustellen: „Ich unterstütze Seniorenprogramme in jeglicher Art und Weise.“

Faktencheck aus dem Stegreif

Der – trotz nahenden Alters – in Auftreten und Gebaren und mit Wuschelfrisur als „junger Wilder“ daherkommende Stephan Muck (Freie Wähler) auf der einen Seite, der routinierte, zu jedem Thema aus dem Stegreif Zahlen, Fakten und Positionen abrufende Elder Statesman Jürgen Kessing (SPD): Zwischen diesen beiden Antipoden haben die Bietigheim-Bissinger am 8. März die Wahl, wenn der Oberbürgermeister bestimmt wird.

In der Einschätzung von Jürgen Kessing kann das nur einer auf adäquate Weise: er selbst. Eine gute Rathauspolitik werde nicht von Sprunghaftigkeit geprägt. Es zähle eine behutsame Weiterentwicklung des Erreichten, sagt er in seinen 20 Redeminuten. Er warnt davor, „jedem neuen Gedanken sofort hinterherzurennen und jeder verlockenden Versuchung zu unterliegen“. Die Stadt sei mit drei langjährig amtierenden Oberbürgermeistern, die dies beherzigten, gut gefahren. Für seine Appelle bemüht er Sportmetaphern: „Never change a winning team“, rät Kessing, und wirbt dafür, „den Vertrag mit einer kompetenten Kraft zu verlängern“.

Der Oberbürgermeister und sein viel diskutiertes Ehrenamt

Sein eigenes Engagement für den Sport als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes wird ihm von Kritikern immer wieder aufs Butterbrot geschmiert, auch von Herausforderer Muck: Wie viel Zeit genau sich Kessing dafür „abzwacke“, könne er ja nicht sagen, meint dieser. Aber bei ihm sei nach zwölf Stunden im Job „Ende Gelände“. Er könne sich nicht vorstellen, daneben so ein intensives Ehrenamt zu schultern. Für ihn gelte: „100 Prozent von und für Bietigheim-Bissingen, nicht nebenbei, sondern als Kapitän mit der Mannschaft vorangehend“. Kessing dazu: „Dass der Herr Muck das nicht schafft, ist sein Problem, nicht meines.“

Lesen Sie hier: Was Jürgen Kessing als DLV-Präsident zu sagen hat

Sein Amt als DLV-Präsident hindere ihn nicht daran, sich „mit ganzer Kraft“ für Bietigheim-Bissingen einzusetzen, sagt der Amtsinhaber. „Und ich finde es ziemlich schofel, wenn man so was im Ländle des Ehrenamtes permanent vorgeworfen kriegt.“ Mit guter Organisation lasse sich das durchaus hinbekommen. Zu größeren Veranstaltungen gehe er in seiner Freizeit, und außerdem fielen für Bietigheim ja mitunter auch hochrangige Sportereignisse ab. Auf die Frage aus dem Publikum, welche Ressourcen der Stadt er für sein Ehrenamt nutze, entgegnete Kessing knapp: „Internet und Telefon.“

Selbstbewusstsein mal zwei

Inhaltlich hat es der Amtsinhaber qua Background und 16 Jahren Erfahrung vor Ort leichter, mit Fachwissen zu punkten. Diese Trümpfe spielt Kessing aus, zählt Erfolge auf, hebt seine Verantwortung hervor: „Die Stadtverwaltung hat ein Budget von 130 Millionen Euro und über 1000 Mitarbeiter. Die städtische Holding, die Töchter und die Kliniken machen jährlich eine Milliarde Euro Umsatz“, sagt er. Das zu managen, verlange tiefe Kenntnisse. „Die Stadt steht so gut da wie selten in ihrer Geschichte. Lassen Sie uns das nicht aufs Spiel setzen.“

Den Herausforderer schreckt das nicht. „In meinem Betrieb bin ich nicht nur Winzer, sondern gleichzeitig Kellermeister, Marketingleiter, Buchhalter, Verkaufsleiter und Restaurantleiter“, zählt Stephan Muck auf. Seit 20 Jahren im Gemeinderat sei er überdies. Er habe das Talent, sich schnell in neue Sachverhalte einzufuchsen, besitze Weitsicht, Entscheidungsfreude und Mut für neue Ideen: „Gute Grundlagen für einen erfolgreichen Oberbürgermeister“, so Muck. „Und in der Verwaltung gibt’s viele kompetente Mitarbeiter. Die warten nur darauf, als solche anerkannt zu werden.“

Muck schürt Hoffnungen

Was sich die Bewerber auf die Fahnen geschrieben haben? An den Verkehrsproblemen arbeiten, Wohnraum schaffen, den Unternehmen in Zeiten der Transformation Perspektiven für den Produktionsumbau-Prozesse geben, die Sportinfrastruktur „in vernünftiger Balance“ aufwerten – das zählt zu Jürgen Kessings Zielen. Er sei auch offen für einen Jugendgemeinderat.

Stephan Muck will in der verkehrsgestressten Stadt Vorfahrt für den ÖPNV und träumt zur Entzerrung von gestaffelten Schul- und Arbeitsbeginn-Zeiten. Auch strebt er „eine maßvolle, von höchstbietenden Zahlen unbeeinflusste Entwicklung der Gewerbegebiete“ und ein „Identifikationsgebäude für Bissingen“ als Ersatz für das wegfallende Schwimmbad an. Und für den Teilort Metterzimmern, in dem er aufwuchs und der keinen Laden mehr hat, habe er sogar vielleicht einen Bäcker an der Hand. „Er hat jedenfalls signalisiert, dass er sich’s überlegen könnte.“




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie