Obsternte Most hat Tradition, ist aber kein Hit mehr

Von Caroline Holowiecki 

Die Bäume auf den Streuobstwiesen hängen voll. Die allermeisten Früchte eignen sich indes nur fürs Entsaften. Warum wird aus Mostobst kaum mehr Most gemacht?

In der Manufaktur von Oliver Briem wird Obst sortiert, gewaschen, gepresst und der Saft pasteurisiert und abgefüllt. Foto: Caroline Holowiecki
In der Manufaktur von Oliver Briem wird Obst sortiert, gewaschen, gepresst und der Saft pasteurisiert und abgefüllt. Foto: Caroline Holowiecki

Filderstadt/Heumaden - Die Sonne brennt, doch ein Dach aus Weinreben schützt Andreas Linzenmeyer. Er bereitet vor. Bald kommen die Gäste. Seit 2002 betreibt er seinen Besen im Landschaftsschutzgebiet unterhalb von Heumaden, und die große Terrasse neben dem Backsteinhaus ist nicht nur wegen des Blicks ins Tal etwas Besonderes. Neben besentypischer Hausmannskost serviert der 61-Jährige eben jenes Getränk, das seinem „1. Stuttgarter Mostbesen“ den Namen gibt. Milden Birnen- und herben Apfelmost schenkt er aus, gewonnen aus eigenem Obst. Das macht ihn zum Exoten.

Während der Ebbelwoi in Hessen häufig auf der Karte steht, muss man das schwäbische Pendant hierzulande suchen. In Plieningen gibt es den Most- und Weinbesen, doch der pausiert in diesem Jahr aus privaten Gründen. Paul-Otto Unger, der Betreiber, erklärt, dass seine Mischung aus Apfel- und Birnenmost zwar eine gewisse Fangemeinde habe – etwa Studenten wegen des niedrigeren Preises –, die allermeisten bevorzugten jedoch Wein. Paul-Otto Unger erklärt, warum das saure Getränk nicht bei jedem ankommt: „Most fördert die Verdauung, manchen macht das Probleme.“

Einen moderneren Anstrich für den Most

Vergorener Apfelsaft ist traditionsreich, aber kein Hit. „Der klassische Most ist weitgehend out“, sagt Hannes Bürckmann, der Leiter der Geschäftsstelle der Vereins Hochstamm Deutschland, der sich für den Erhalt der Streuobstwiesen starkmacht. Der Geschmack sei streng, das Image angestaubt. Aber es gibt Bestrebungen, dem Most einen moderneren Anstrich zu verpassen.

Der Verband Region Stuttgart fördert ein Marketingkonzept für Most und Saft aus heimischen Streuobstwiesen, das die Stadt Stuttgart und fünf umliegende Kreise initiiert haben. Aus dem „Most-Marketing“ ist vor einem Jahr die Interessengemeinschaft Schwäbischer Cider hervorgegangen, um über eine Erzeugergemeinschaft den Mostabsatz zu beleben, Keltereien und Projekte zu vernetzen – und so den Streuobstwiesen zu helfen.

Denen geht es schlecht. Hannes Bürckmann zitiert eine Studie der Uni Hohenheim, an der er selbst Landwirtschaft studiert hat. Demnach sind im Land die Streuobst-Flächen seit 2009 um mehr als 20 Prozent zurückgegangen.

Eine dreistellige Zahl von Neukunden

Noch gibt es an die sieben Millionen Streuobstbäume im Land, hauptsächlich Mostobst hängt daran. Was passiert mit den Unmengen an Früchten? Einen Teil verarbeiteten Kleinbrennereien, das meiste Obst wird zu Saft. Die Firma Mayer hat unter anderem Annahmestellen in Degerloch und Plieningen, die Mosterei Mack sitzt in Unteraichen. Bei Briem in Sielmingen gibt es einen finanziellen Zuschlag für Obst, das nachweislich aus Filderstadt stammt und unbehandelt ist; laut Hannes Bürckmann eine von etwa 50 Aufpreis-Initiativen im Land.

Das kommt an. Der Chef Oliver Briem spricht von einer dreistelligen Zahl von Neukunden pro Jahr, die eigenes Obst bringen und pressen lassen. „Der eigene Saft ist in, definitiv“, sagt er. Zehn bis 13 Tonnen Äpfel, Birnen und Quitten verarbeitet er pro Tag, der Most-Anteil sei verschwindend gering, „weil es keiner trinkt“.

Allerdings: Lukrativ ist die Handarbeit auf den Streuobstwiesen nicht. Jüngst senkte der erste große Mostobst-Erfasser am Bodensee wegen Absatzproblemen seine vertraglich vereinbarten Bio-Erzeugerpreise von 20 auf 17 Euro pro 100 Kilogramm, andere zogen nach.

Da lohnt sich das Bücken kaum

Noch magerer sieht es laut Hannes Bürckmann bei Nicht-Bioobst aus. Gut sieben Euro gebe es zu Beginn der Saison, da lohne sich das Bücken kaum. „Das sind ein paar Idealisten, die das machen.“ Er spricht von einem massiven Dilemma. Um den Schutz voranzutreiben, hat der Verein Hochstamm die Streuobstwiesen für die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe der Unesco vorgeschlagen. Vom Land gibt es überdies eine Baumschnittprämie für die, die ihre Stückle pflegen.

Für Andreas Linzenmeyer ist im Mostbesen die letzte Arbeitswoche angebrochen. Am Samstag bewirtet er das letzte Mal vor der Winterpause. „Most ist ein Sommergetränk“, sagt er. Auch wenn Apfel- und Birnenwein Nischenprodukte sind, über zu wenig Zulauf kann er nicht klagen. Manche – zumeist ältere – Stammgäste kämen fast jeden Abend. „Die sagen, die haben richtig Durst drauf.“




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