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Österreich Der Hirschflüsterer

Von Nicole Schmidt aus Bad Gastein 

Eine Wildtierfütterung hoch in den Bergen ist ein einmaliges Erlebnis. Im Gasteinertal kann man im Winter dabei an die 100 Tiere beobachten.

Das Rotwild im Gasteiner Tal wird im Winter gefüttert. Besucher können dabei sein. Foto: Schmidt
Das Rotwild im Gasteiner Tal wird im Winter gefüttert. Besucher können dabei sein. Foto: Schmidt

Bad Gastein - Sie nennen ihn „Krebs“. „Seine Geweihenden sehen aus wie krebsartige Scheren. Deshalb. Umgerechnet 90 Jahre müsste er jetzt alt sein. Hoffentlich kommt er zur Fütterung“, sagt Thomas Tscherne und wirft das Schneemobil an. Der Mann fällt auf im Skigebiet des Angertals über Bad Gastein, wo sich Alpinfahrer, Langläufer, Winter-Wanderer und Skitourengeher treffen. Statt Skikleidung wie alle hier trägt er Loden. Schneeflocken verfangen sich in seinem Bart, die Haare trägt er zum Pferdeschwanz gebunden. Ein waschechter Gasteiner, der einer alteingesessenen Hoteliersfamilie entstammt. Und der mit Haut und Haaren Förster und Jäger ist, vernarrt in Hirsche.

Sein Jagdrevier, das er verantwortungsvoll hegt und pflegt, liegt hoch oben am Talschluss auf 1800 Meter Höhe an der Baumgrenze, mitten in der Bergwelt der Hohen Tauern. Dorthin wird er seine Gäste mitnehmen und ihnen zeigen, wie er wilde Rothirsche füttert. Aufsitzen, es geht los. Der Atem dampft. Die Luft ist kalt und klar. Meter für Meter kämpft sich das Schneemobil einen schmalen Forstweg hinauf, den der Schnee schon fast verschluckt hat. Um sie herum ragen Berge in den Himmel. Mächtige Kiefern biegen sich unter der weißen Last. Im diffusen Licht glitzern Eiszapfen an den Ästen. Kurve um Kurve schraubt sich das Gefährt höher, weg von den Menschen, weg von den Orten. Auf einer Lichtung mit einer Vorratshütte hält der Förster an. Es ist niemand da. Und so still, dass man die Schneeflocken rieseln hört. Tscherne schließt die Tür auf. Drinnen duftet es nach Heu.

Ein kapitaler Hirsch!

„Es muss gutes Heu sein, sonst fressen die Tiere es nicht“, sagt er, füllt eine Schubkarre mit Apfeltrester und schiebt sie heraus. Sein 19-jähriger Sohn Thomas, ebenfalls fast immer dabei, „seit ich denken kann“, holt eine Ziehkarre mit Zuckerrüben und schleudert sie wie Bälle von sich. Jetzt, sagen sie, heißt es warten, leise sein, und den Körper an die Wand der Hütte drücken. Zehn Minuten verstreichen, eine Viertelstunde. Nichts. Und dann erscheint aus dem Wald weit oben an einem Hang schemenhaft eine Silhouette. Ein kapitaler Hirsch! Langsam stapft er hinunter. Er scheint allein. Doch dann tritt ein Tier nach dem anderen zwischen den Bäumen hervor, Hirsche in allen Größen, und Hirschkühe mit ihren Kälbern, es mögen mehr als 100 sein! Erst sind sie noch ganz vorsichtig, aber dann werden sie immer zielstrebiger. Als signalisierten sie einander, ist alles in Ordnung. Jeden Tag im Winter ist das so.

Die Tschernes bringen den Tieren ihr Futter, auch wenn es noch so schneit, auch wenn es bitterkalt ist, zahlen all das aus eigener Tasche. Nicht alle finden die Wildfütterung gut. Auch Kollegen aus der eigenen Zunft kritisieren, das sei ein Eingriff in die Ökologie, man solle keine wilden Tiere füttern, sie vermehrten sich dann auch zu stark. „Darauf kann ich nur antworten, die Menschen haben schon mehr als genug eingegriffen und die Tiere so viel Lebensraum verloren, wir haben die Verpflichtung dazu. Wir haben beobachtet, dass die Tiere im Winter kaum noch Futter finden hier oben und sich immer weiter hinunter wagen müssen. Und dann knabbern sie an Stämmen und richten in der Landwirtschaft Schäden an.“

Am Anfang haben die Tschernes nur Phantome gefüttert. Sie begannen damit vor 18 Jahren, nachdem sie das Jagdrevier gepachtet hatten. „Mehrere Winter bekamen wir sie nie zu Gesicht. Zu groß waren ihre Angst und ihr Misstrauen.“ Aber konsequent hat die Familie weiter Heu ausgelegt, erzählt der Hirschflüsterer, „bis einer in 300 Meter Entfernung über den Hügel geschaut hat. Das war der Wahnsinn.“ Es dauerte zwölf Jahre, bis die Tiere ihn schließlich in ihrer Nähe zuließen. „Sie erlauben dir, nah zu sein, und gleichzeitig sind sie sehr unnahbar. Du spürst ihre Ungezähmtheit, das pure Wilde, das bereitet mir immer noch Gänsehaut.“ Plötzlich zucken die Tiere zurück, springen die Anhöhe hinauf zurück in den Wald. Sie nahmen es früher wahr als die Menschen: Eine Lawine hat sich krachend gelöst. Minuten später sind sie zurück. „Sie wissen, an diesem Platz kann ihnen nichts passieren.

„Hirscherl, komm, schau, es gibt was Guts, komm“

Wenn ich ihnen an anderer Stelle begegnen würde, liefen sie panisch davon“, sagt Tscherne. Hier aber scheinen sie sogar auf ihn zu hören: „Hirscherl, komm, schau, es gibt was Guts, komm.“ Und tatsächlich, immer näher wagen sie sich, bis zum Streicheln nah. Auch „Krebs“ ist dabei. Die anderen dulden ihn, lassen ihn mitfressen. Vielleicht gönnen sie es ihm, seinen Lebensabend hier zu verbringen, meint Tscherne und freut sich. Der alte „Krebs“ liegt ihm sehr am Herzen. Er stand immer schon ein wenig im Abseits, „ein Eigenbrötler halt“, aber plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war er in den tiefen Wäldern verschwunden, ganze drei Jahre lang. Und vor kurzem stand er einfach wieder da. „In erbärmlichem Zustand, rappeldürr, das Fell zerzaust. Doch jetzt sieht er wieder gut aus.“ Tscherne kann viele Tiere auseinanderhalten.

Da ist etwa der zwölfjährige „Bernstein“, so genannt, weil er bernsteinfarbene Augen hat. Oder der „Klassensprecher“, ein zweijähriges Prachtexemplar, das immer neugierig vornweg prescht und herumröhrt, wenn das Futter kommt. „Und der dort heißt ,Weini‘“, grinst Sohn Thomas. Das habe etwas mit ihm zu tun. Als Bub habe er nicht immer Lust gehabt, mit den Eltern zum Füttern mitzukommen, weil es so anstrengend war. Da erfand der Vater als Ansporn das Spiel „Abwurfstangen-Meisterschaft“, Hirschgeweihe suchen. „Ich fand aber nie welche und war deshalb schwer angfressen und hab geheult.“ Bis er eines Tages doch Glück hatte und tatsächlich mit einer Stange zurückkam. „Seither weiß ich, Hirsche werfen jedes Jahr ihr Geweih ab, es kann ein Drittel des Körpergewichts ausmachen, aber innerhalb von nur 140 Tagen wächst es wieder nach.“ Da habe auch ihn das Hirschfieber gepackt, genauso wie seinen Vater. Er wird jetzt auch Förster.

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