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Österreich Wenn die Schneedecke wummert

Mit langen Stecken wird ein Verschütteter im Schnee gesucht. Foto: Schaefer
Mit langen Stecken wird ein Verschütteter im Schnee gesucht. Foto: Schaefer

Wer im Winter auf die Berge steigt, muss gut vorbereitet sein. Bei einem Skitourencamp in Bad Gastein lernt man, was im Notfall zu tun ist.

Bad Gastein - Der Mann im roten Anorak sticht wie rasend mit einer Schaufel in den Schnee. Er schaufelt wie ein Berserker, brüllt die anderen an: „Weg mit dem Schnee hinter mir! Schneller! Ich brauch Platz!“ Eben war hier rundum noch Idyll, Winterlandschaft. Jetzt herrschen Hektik und Stress. „Und das Ganze ist noch Kinderkram im Vergleich zu einem Ernstfall“, sagt Gerhard Angerer, der Mann mit dem roten Anorak. „Einer muss Chef sein!“, ruft Angerer und macht es auch gleich vor. Er packt einen an der Jacke: „Du nimmst diese Schaufel!“ Die Menschen um ihn herum sollen ein LVS-Gerät im Schnee finden - im Ernstfall hinge an diesem Lawinenverschüttetensuchgerät ein Mensch dran. Das Gasteinertal ist ein beliebtes Skitourengebiet. Urlaubern und Einheimischen reicht es aber nicht mehr, mit Liften rauf- und auf Pisten runterzufahren, sie wollen zur Gadauner Hochalm oder auf die Hohe Geisl.

Dorthin kommt man nur zu Fuß, mit Skiern und Fellen dran. Damit es möglichst nicht dazu kommt, dass man einen von einer Lawine Verschütteten ausgraben muss, vermittelt ein Wochenend-Camp Basiswissen zum Skitourengehen. In Österreich soll eine halbe Million Skitourengeher unterwegs sein, der Deutsche Alpenverein geht von 300 000 deutschen Skitourengehern aus. Während vor zehn, 15 Jahren Skitourengehen das Wintervergnügen der Bergsteiger war, schnüren heute Skifahrer abseits der Pisten bergauf. Der Unterschied: Bergsteiger hatten Ahnung von den Bergen, von den Gefahren, von Lawinen und Wind und Wetter. Skifahrer dagegen können Ski fahren. Am ersten Abend im Hotel peitscht Bergführer Angerer den Theorie-Teil durch. Schnee- und Lawinenkunde, Gefahrenstellen laut Lawinenlagebericht interpretieren, Tourenplanung, Risiken, Wetterbericht.

„Langsam losgehen ist wichtig“

Am Morgen steht die Gruppe mit ihren Leihskiern - auch das gibt es jetzt für Tourengeher - am Fuße des Geiselkopfes. Der Bergführer verteilt die Lawinen-Piepser, kleine Geräte zum Umhängen in der Größe von Smartphones. Sie werden auf „Senden“ eingestellt und senden dann unhörbare Signale. Sollte jemand in eine Lawine geraten, können die anderen ihre LVS-Geräte auf „Empfang“ stellen und mit der Suche beginnen. Angerer empfiehlt, sich am Beginn der Tour auf die „Energiebereitstellung“ zu konzentrieren. Man solle sich verdeutlichen, was der Tag bringen wird: einen dreistündigen Aufstieg. „Langsam losgehen ist wichtig“, sagt er, aber das hören die meisten schon nicht mehr, weil sie zeigen müssen, was sie konditionell draufhaben. Beim Hochsteigen sinniert Konrad, ein bärtiger Sportler, laut vor sich hin: „Wenn man langsamer ist als die anderen, dann stört einen das nur selber. Für die anderen ist es meistens kein Problem, wenn einer hinterhergeht. Aber einen selber nervt es! Nicht nur, dass es einen sowieso schon anstrengt.

Man wird auch psychisch blockiert, verkrampft sich, fühlt sich schlecht, und dadurch strengt es einen dann noch mehr an.“ Sagt er und zieht davon. Kurze Pause. Bergführer Angerer versucht in der alpinen Realität zu vermitteln, was er gestern am Beamer vorführte. Er lässt die Hangneigung schätzen, weil diese wichtig ist bei der Frage, ob die Schneedecke abgehen könnte. Er fragt nach der Lawinenwarnstufe, nach der Exposition - der Ausrichtung des Hanges und danach, wie nun weitergegangen werden soll. „Die Aufstiegsspur ist die Visitenkarte der Tourengehers“, fügt er an. Irrsinnig steil gilt nicht als eine gute Spur, genauso wenig wie lange Hangquerungen, die die Schneedecke zerschneiden. Bietet Wald Schutz, was ist mit einer Spur entlang eines Baches? Ist es gefährlicher bei Sonne, bei viel Schnee, bei wenig Schnee - im Gehen kommen immer mehr Fragen. „Ihr müsst aufeinander achten“, schärft der Bergführer den Skitourengehern ein, „das Gelände beobachten, auf Alarmzeichen hören - wie das Wummern der Schneedecke.“

Warum sollte man sich das überhaupt antun?

Ein wahrlich gespenstisches Geräusch, das erklingt, wenn sich die Schneedecke setzt. „Hände aus der Stockschlaufe“, sagt Angerer. „Sonst ziehen dich die Stöcke wie ein Anker nach unten.“ Und wenn doch eine Lawine abgeht? „Schussflucht!“, rät der Bergführer. Und wer nicht flüchten kann, solle mit den Händen vor dem Mund eine Atemhöhle bilde, „die kann wertvolle Minuten lang die Überlebenschancen verlängern“. Zeit, die die Suchenden brauchen, bis sie den Verschütteten finden. Je mehr Angerer erklärt, desto mulmiger kann einem werden. Warum sollte man sich das überhaupt antun? Pause an einer Hütte. Altes Holz, eine Bank in der Sonne, wenn alle mal kurz nichts fragen, merkt man, wie ruhig es hier ist. Diese tiefe Winterstille: Nichts, einfach gar nichts ist zu hören. Gegenüber aber, am in der Sonne glitzernden Schoberkogel, führt neuerdings eine hohe Hängebrücke vom Berg weg. Dort sind alle, dort ist Halligalli. Dort ist normaler Skiwinter. Schön ist es, von alldem nichts mitzubekommen. Wie aber lässt sich dieser unglaubliche Touren-Boom der letzten Jahre erklären?

Nach Aussage eines Bergführer-Kollegen von Angerer werden pro Winter in Österreich 80 000 Paar Tourenskier verkauft. Gerhard Angerer glaubt, die Menschen suchten Abenteuer und Naturverbundenheit. Sogar die Snowboarder. Schon vor gut 20 Jahren wurde das Splitboard erfunden - und kein Mensch wollte es haben. Das längs teilbare Snowboard war nicht cool genug. Doch nun sieht man auch auf entlegenen Gipfeln junge Leute in sogenannten Baggypants. Am Gipfel angekommen, ziehen sie die Felle von den halben Brettern, klacken diese mit einem Mechanismus zusammen und steigen in ihre Snowboard-Bindungen. Aber wer traut sich überhaupt noch raus ins Gelände, wenn er so Abschreckendes wie Erzählungen von Lawinentoten gehört, die Bilder von gewaltigen Abgängen gesehen hat? Der Bergführer antwortet, es gebe diese Risiken nun mal, und sie wollten ein Bewusstsein dafür schaffen.

„Aber es ist nicht generell lebensgefährlich, in die Berge zu gehen.“ Man muss nur wissen, was man tut. Nach gut drei Stunden endet die Tour an der Hagener Hütte. Wie schön es hier ist! Über diesen Pass zogen schon die Römer, wenn auch nicht im Winter. Eine Glocke bimmelt. Eine Glocke bimmelt? In einem steinernen Mahnmal hängt eine Glocke. Die läutete der Wind für die Säumer, damit sie sich im Nebel nicht verirrten. Der ungeheizte Winterraum ist geöffnet. Alle zerren Daunenjacken aus den Rucksäcken, Vesperbrote, Thermoskannen. Blick nach draußen auf die Winterlandschaft. Und da ist weit und breit kein Mensch zu sehen, Skitouren-Boom hin oder her. Ach so, und es gibt ja noch einen Grund, diese Aufstiegsmühen auf sich zu nehmen: Nach der Jause wird alles wieder eingepackt. Und draußen vor der Tür gleißt die Sonne. Nichts wie rein in die Skibindungen - und ab geht es durch den Tiefschnee, weit weg von Liften und Pisten.

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