Offenes Atelier im Waiblinger Kameralamt Malereien mit Überraschungseffekt

Von Annette Clauß 

Jeder darf kommen, zuschauen und fragen im offenen Atelier der Künstlergemeinschaft Art U Zehn. Die Kreativen haben sich bis zum 18. Januar im Kameralamt Waiblingen eingemietet und erschaffen dort Werke mit Aha-Effekt. Besucher sind immer mittwochs und samstags willkommen.

Ursula Schäfer  arbeitet  an ihrem Triptychon – einem Landschaftsbild der Schwäbischen Alb. Foto: Stoppel
Ursula Schäfer arbeitet an ihrem Triptychon – einem Landschaftsbild der Schwäbischen Alb. Foto: Stoppel

Waiblingen - Aufklappen und staunen: Bei der nächsten Ausstellung der Waiblinger Künstlergruppe Art U Zehn im Kameralamt dürfen Besucher selbst Hand anlegen. Mehr noch – sie müssen es sogar, wenn sie nicht die Hälfte der Bilder verpassen wollen. Denn die 18 Malerinnen und Maler haben als Motto den Begriff „Triptychon“ gewählt. Die Werke, die dieser Tage und noch bis Mitte des kommenden Monats entstehen, und von Ende Januar an im Kameralamt Waiblingen zu sehen sind, befassen sich zwar mit ganz unterschiedlichen Themen, haben aber alle etwas gemeinsam. Sie bestehen aus drei Teilen – einem großen im Zentrum und zwei beweglichen, halb so breiten, an jeder Seite. Klappt man letztere gen Mitte, verdecken die Flügel das Hauptmotiv.

Besucher dürfen Hand anlegen

Bei Ursula Schäfers Gemälde bildet eine liebliche Landschaft mit vielen Hügeln das Zentrum, wobei eine kegelförmige Erhebung besonders hervorsticht. „Das ist der Hohenzollern, vom Dreifürstenstein aus gesehen“, erklärt Ursula Schäfer, die auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und von der Landschaft geprägt worden ist. Rechts und links umrahmen Bäume das Idyll. Ist das Triptychon geschlossen, rückt der Betrachter ganz nah an die Stämme samt ihrer strukturierten Rinde heran. „Das ist die Schale, die das Innere schützt“, sagt Ursula Schäfer.

Die beiden Seitenflügel bestehen auf der Innenseite aus mit Leinwand bezogenen Keilrahmen, von außen haben die Kunstschaffenden dünne Platten aus Lindenholz befestigt, die sie bemalen. Wenn das vollbracht ist, werden die Pinsel weg- und Schraubenzieher ausgepackt und die schmalen Seitenflügel am großen Bild befestigt. „Da schrauben wir noch Klavierbänder dran“, sagt Michael Schäfer, der hofft, dass die Stangenscharniere den Handgriffen der neugierigen Besucher standhalten: „Sonst reparieren wir das halt nach der Ausstellung wieder.“

Gewünscht ist ein Aha-Effekt

Bei der Konzeption der neuen Ausstellung sei sich die Künstlergemeinschaft schnell über eines einig gewesen, berichtet Michael Schäfer: „Einfach nur Bilder an die Wand hängen, ist zu langweilig.“ Gewünscht sei „ein Überraschungsmoment“. Schließlich wissen erfahrene Besucher der Art-U-Zehn-Ausstellungen, dass die Truppe gerne mit ungewöhnlichen Formen und Formaten arbeitet: Mal fertigt sie Kunstwerke auf Tapetenbahnen an, einen Meter auf 4,20 Meter lang, und fordert die Besucher auf, sich ihr Lieblingsstück herauszuschneiden. Oder sie verwandelt Wände und Boden in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Dieses Mal wird, wenn alle Bilder aufgeklappt sind, ein durchgehendes gemaltes Band an allen Wänden entstehen. „Das eine Bild wirkt dann auf das andere, ohne dass wir jetzt schon wissen, wie“, sagt Susanne Thumm, die ihr Triptychon mit verschiedenen Drucktechniken gestaltet: „Was rauskommt, weiß ich noch nicht genau. Aber das macht es gerade spannend.“

Christa Rilling hat bei der Außenansicht ihres Dreiteilers nur den rechten Flügel bemalt. Den linken hat sie mit einem edlen venezianischen Stoff voller Ranken bezogen. Beim Öffnen der Flügel erscheint eine Ansicht der Kirche San Giorgio in Venedig. Umgeben von blauem Wasser steht sie erhaben im warmen Sonnenlicht. Die Innenseiten der Flügel bilden das Kontrastprogramm dazu. Sie zeigen in Schwarzweiß die negativen Folgen des Tourismus, zum Beispiel ein riesiges, bedrohlich wirkendes Kreuzfahrtschiff.

Nach dem Motto „außen hui, innen pfui“ hat Michael Schäfer sein Triptychon gestaltet. Die Außenseite ist mit appetitlich aussehendem Obst vor einem goldenen Hintergrund bemalt. Wer die Flügel aufklappt, staunt – und entdeckt ein ungewöhnliches Stillleben mit fauliger Birne, einem angebissenen Apfel und einer gammeligen Tomate. Da ist er, der Aha-Effekt.

Hier kann man die Arbeiten anschauen

Atelier:
Noch bis zum 18. Januar dient das Kameralamt Waiblingen, Lange Straße 42, den Mitgliedern von Art U Zehn als offenes Atelier. Wer den Malerinnen und Malern bei der Arbeit über die Schulter schauen möchte, kann das mittwochs und samstags von 10 bis 13 Uhr tun – außer an den Feiertagen.

Vorschau:
Die Ausstellung „Triptychon“ wird am 25. Januar um 14 Uhr im Kameralamt Waiblingen eröffnet. Sie läuft bis einschließlich 9. Februar.

Mitglieder:
Eine historische Scheune in Waiblingen-Neustadt ist die Projektschmiede der knapp 20-köpfigen Künstlergemeinschaft Art U Zehn, die aus Kursen der Kunstschule Unteres Remstal entstanden ist. Ihr Name geht auf die Adresse einer Scheune in Waiblingen-Neustadt zurück, in der sich die Gruppe oft trifft: Unterdorf 10.