Oktoberfestattentat Nichts mehr zu holen

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Vierzig Jahre nach dem Oktoberfestattentat in München stellt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen ein. Klar ist immerhin: Der 21-jährige Täter handelte aus rechtsextremistischer Motivation.

Tod und Zerstörung: Das Oktoberfest am Tag des Attentats 1980 Foto: dpa/Frank Leonhardt
Tod und Zerstörung: Das Oktoberfest am Tag des Attentats 1980 Foto: dpa/Frank Leonhardt

München - Es war der verheerendste Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte – und das an einem ihrer, wie man gerne sagt, fröhlichsten Orte. Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest eine Bombe, die mit 1,4 Kilo Sprengstoff, dazu mit Schrauben und Nägeln gefüllt war. Zwölf Wiesn-Besucher starben; etliche der 221 Verletzten tragen körperlich und seelisch bis heute schwer an ihren Wunden. Es starb auch der Attentäter. Und nun, fast genau vierzig Jahre später, hat die Bundesanwaltschaft eine Art Grabstein über alles gebreitet – auch wenn sie einräumt, dass noch immer Fragen offen sind.

Der Attentäter, ein 21-jähriger Geologiestudent, hieß Gundolf Köhler. So viel war von Anfang an klar. Für recht viel mehr haben sich die bayerischen Ermittlungsbehörden damals nicht interessiert. Mögliche Beweismittel verschwanden oder wurden „aus Platzgründen“ vernichtet; sie hätten womöglich die Grundthese der Ermittler, Köhler sei Einzeltäter gewesen, erschüttern können. Nichts erfuhr man damals auch zu den Mutmaßungen, es könnten Geheimdienstler ihre Finger im Spiel gehabt haben. Und heute sieht die Bundesanwaltschaft „alle Erfolg versprechenden Ermittlungsansätze ausgeschöpft“. Folglich, so teilte die Karlsruher Behörde diesen Mittwoch mit, habe sie die Ermittlungen nun definitiv eingestellt.

Hitlerbild über dem Bett

Immerhin hält die Bundesanwaltschaft erstmals fest, Gundolf Köhler habe „aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus“ gehandelt. Nicht einmal das hatte man im Bayern des Franz Josef Strauß damals klarstellen und beim Namen nennen wollen. Köhler, so sagte man, habe die Bombe nach Misserfolgen im Studium und aus Enttäuschung in der Liebe gelegt. Dabei wusste man, dass er Verbindungen unterhielt zur rechtsextremistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ sowie zur NPD, und dass er über sein Bett ein Hitler-Bild gehängt hatte. Auch hatte Köhler, der einen Führerstaat nationalsozialistischer Sorte zurückhaben wollte, im Sommer 1980 mit zwei Freunden darüber gesprochen, man müsse die für Oktober angesetzte Bundestagswahl durch Terroranschläge beeinflussen: Gewünscht war ein Sieg des Franz Josef Strauß (CSU) über den amtierenden Bundeskanzler und Kanzlerkandidaten der SPD, Helmut Schmidt.

Eine gewisse Parallele ist unübersehbar: Auch nach dem 22. Juli 2016, nach den neun tödlichen Schüssen im Münchner Olympia-Einkaufszentrum, hatten bayerische Ermittler die Tat dem privaten Mobbing-Frust des 18-jährigen David S. zugeschrieben. Es dauerte drei Jahre, bis sie von politisch motivierter Kriminalität sprachen – rechtsextremistisch auch in diesem Falle.

Beweismittel vernichtet

Für das Wiesn-Attentat von 1980 konnte auch die Bundesanwaltschaft heute die Einzeltäter-These nicht widerlegen. Hinweise auf weitere Tatbeteiligte oder auf Menschen, mit denen sich Gundolf Köhler zuvor getroffen haben könnte, gebe es nicht, teilt die Behörde mit. Gleiches schreibt sie zu einer möglichen Verwicklung westlicher Nachrichtendienste.

Die Münchner Ermittlungen waren bereits im Dezember 1982 eingestellt worden. Umfangreiche Recherchen vor allem des BR-Journalisten Ulrich Chaussy führten aber dazu, dass sich die Bundesanwaltschaft im Dezember 2014 der Sache erneut annahm und – nach eigenen Angaben – durch das Bayerische Landeskriminalamt seither 770 zusätzliche Spuren bearbeiten, in mehr als tausend Vernehmungen alte und neue Zeugen befragen ließ und mehr als 300.000 Seiten Akten durchforstete. Zusätzlich untersucht wurden Fotos, die Wiesn-Besucher auf Bitten der Ermittler eingeschickt hatten. Man hoffte, auf Schnappschüssen vom Tag der Tat irgendwelche Hintermänner Köhlers zu erkennen. Ohne Erfolg allerdings. Und die Frage, wer mit welcher Motivation in München für die Zerstörung von Beweisstücken verantwortlich war, bleibt ebenfalls ohne Antwort.




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