Olympia 2018 Der Geist der Spiele

Von Jürgen Kemmner 

Die Winterspiele in Pyeongchang zeigen, wie der Sport in einer kommerzialisierten Welt immernoch über Grenzen hinweg verbinden und Werte wie Fair Play leben kann.

Simon Schempp umarmt Martin Fourcade. Foto: AFP
Simon Schempp umarmt Martin Fourcade. Foto: AFP

Pyeongchang - Nun also wieder Russland. Dopingfall eins und Dopingfall zwei. Überraschend ist das natürlich nicht. Weder dass im olympischen Sport weiter gedopt wird, noch dass dies speziell auch in Russland der Fall ist.

Da ist sie wieder, die hässliche Fratze des Sports. Doping. Betrug. Die Schlagworte, die Fans und Beobachtern mehr und mehr die Lust am Spitzensport vermiesen.

Das ist aber nicht das Gesicht dieser Spiele. In Erinnerung bleibt vor allem ein anderes. Ein freundliches. Ein sportliches.

Der Sport steht für Respekt, Anstand und Fair Play

Und das ist das Besondere dieser Tage in Südkorea, wo es so viele Momente gab, in denen der Sport zeigte, dass er einen tieferen Sinn hat. Dass er ein schützenswertes und förderungswürdiges Stück Kulturgut ist, weil er für relevante Werte wie Respekt, Anstand und Fair Play steht. Und das beim wichtigsten Ereignis im Leben des Homo sportivus – bei Athleten, die viele Jahre auf diesen einen Moment hingearbeitet haben, um dort Erfolg zu haben. Um jeden Preis?

Es geht bei Olympia um Gold, um nichts anderes. Silber und Bronze mögen ebenfalls noch einen Wert besitzen, doch dahinter kommt nichts mehr. Es existieren keine Plätze, die zur Teilnahme in einer lukrativen Champions League berechtigen.

Rivalität zwischen Erzrivalen wird potenziert? Von wegen

Bei Olympia kann sich ein Athlet einen Namen machen, der noch für Generationen von Sportlern danach einen ausgezeichneten Klang besitzt. Der Ruhm und Ehre mit sich bringt und im günstigsten Fall eine Menge Geld. Weil die Spiele nur ­alle vier Jahre abgehalten werden, ist die Chance eines Triumphes ungleich geringer – deshalb könnte man vermuten, ganz besonders wenn man die Grundeinstellung „Die ganze Welt ist schlecht“ besitzt, dass sich bei Olympischen Spielen die Rivalität zwischen zwei Erzrivalen nicht multipliziert, sondern potenziert.

Tatsächlich? Martin Fourcade und Simon Schempp sind harte Konkurrenten im Biathlon, und zwar seit Jahren. Als beide im Massenstart um Gold sprinteten, hatte der Franzose nach 15 Kilometern etwa 15 Zentimeter Vorsprung. Er reckte nicht triumphierend die Faust und blickte stolz ins Publikum – nein, er nahm den Deutschen in den Arm und versuchte ihn zu trösten.

Es gibt nicht wenige, die Hochleistungssport für eine Kloake halten

Oder nehmen wir Francesco Friedrich. Der Bobpilot empfing den Kanadier Justin Kripps mit Freudensprüngen im Ziel, nachdem beide nach vier Läufen im Zweier auf die Hundertstel gleichauf lagen, so dass sich Kripps schon wunderte, was sein Konkurrent da vollführte. „Erst später wurde mir klar, dass Friedrich sich für uns beide über Gold freute“, erzählte der Gesamtweltcup-Sieger im Zweierbob.

Es gab viele solcher Momente in den Tagen von Pyeongchang. Große Momente, aber auch unzählige kleine, die nicht von den Kameras eingefangen wurden. Gesten des Respekts, des Fair Play – Momente, in denen dieser sagenumwobene Sportsgeist, der so schwer zu fassen ist, sichtbar wurde.

Es gibt nicht wenige, die den Hochleistungssport für eine Kloake halten, und es gibt auch viele Argumente, die diese These stützen.

Spiel ist Spiel, und Schnaps ist Schnaps

Bilder von Athleten im respektvollen, fairen Umgang zu sehen tut gut – trotz des Wissens, dass auch bei diesen Spielen Betrüger am Start sind und auf vielen Ebenen ein schmutziges Spiel läuft.

Niemand ist so naiv und hält den Sport nach solchen Gesten für eine heile Welt, aber dennoch sind sie bedeutsam. Sie demonstrieren die Werte, für die Sport steht und stehen sollte, in hervorragender Weise: Der sportliche Wettstreit mag hart und mitunter auch am Limit des Erlaubten sein, doch sobald die Entscheidung gefallen ist, begegnet man dem Konkurrenten mit Respekt. Spiel ist Spiel, und Schnaps ist Schnaps. Gegeneinander kämpfen, gemeinsam feiern. Wenn man davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche während der Olympischen Winterspiele mit 16 verschiedenen, manchmal bislang unbekannten Sportarten in Medienkontakt kommen, sei es am Fernseher, über einen Livestream oder einen Youtube-Kanal, dann sind die Fair-Play-Gesten von Pyeongchang und Gangneung besonders erfreulich. In diesem Augenblick ist Sportsgeist nicht nur ein Wort im luftleeren Raum, sondern er wird sichtbar und erlebbar gemacht.

Sport verbindet über Grenzen hinweg

Trotz aller Rivalität auf der Langlaufstrecke ist zwischen der Norwegerin Marit Björgen und der Schwedin Charlotte Kalla eine Freundschaft entstanden, die weit über die Loipe hinausreicht. Auch die Bobpilotinnen Mariama Jamanka aus Deutschland und Kaillie Humphries aus Kanada sehen sich nicht nur, wenn irgendwo auf der Welt ein Eiskanal in der Nähe ist. Die Biathleten Martin Fourcade und Simon Schempp haben im Sommer 2016 zwei Wochen gemeinsam trainiert.

Im Deutschen Haus in Pyeongchang waren Norweger zu Gast, und der Trainer aus Skandinavien sang voller Leidenschaft „Rocket Man“ von Elton John. Alles wunderbare Beispiele, wie Sport über Grenzen hinweg verbindet und Werte schafft wie Freundschaft und Verständnis.

Das ist der olympische Geist.

Der Olympismus

Prinzipien
Die Grundlage Olympias ist die Lehre des Olympismus. Er definiert die Prinzipien der Olympischen Spiele.

Textauszug
In der olympischen Charta heißt es dazu unter anderem: „Der Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die in ausgewogener Ganzheit die Eigenschaften von Körper, Wille und Geist miteinander vereint und überhöht. Durch die Verbindung des Sports mit Kultur und Bildung sucht der Olympismus einen Lebensstil zu schaffen, der auf der Freude an Leistung, auf dem erzieherischen Wert des guten Beispiels, der gesellschaftlichen Verantwortlichkeit sowie auf der Achtung universell gültiger fundamentaler moralischer Prinzipien aufbaut. Ziel des Olympismus ist es, (. . .) eine friedliche Gesellschaft zu fördern (. . .). Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben; dies erfordert gegenseitiges Verstehen im Geist von Freundschaft, Solidarität und Fair Play.“

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