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Oman Kraulen und kraxeln

Von Franz Lerchenmüller aus Maskat 

Bei einer Canyoning-Tour im arabischen Sultanat Oman lernt man die schönsten Schluchten dieses landschaftlich vielfältigen Staates kennen.

Bei mehr als 40 Grad Außentemperatur fühlt sich selbst 28 Grad warmes Wasser erfrischend an. Foto: Lerchenmüller
Bei mehr als 40 Grad Außentemperatur fühlt sich selbst 28 Grad warmes Wasser erfrischend an. Foto: Lerchenmüller

Maskat - Das Abenteuer beginnt mit langen Gesichtern: Da, wo sonst Wasser über den Stein schießt und man sich einfach hinunterspülen lässt in ein kleines Becken, liegt jetzt eine trockene, fünf Meter lange Felsrinne. „Zu wenig Regen in dieser Saison“, stellt Rachel Man fest. So bleibt nur, sich am Klettergurt von der Führerin abseilen zu lassen. Denjenigen, die das zum ersten Mal machen, dämmert, dass diese Oman-Tour doch keine ganz so harmlose Angelegenheit werden wird, wie im Katalog beschrieben: „Für das Canyoning sind Schwimmkenntnisse erforderlich.“ Aber schließlich bewältigen alle zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese erste Hürde, und mit jedem Schritt hinein in die Schlangenschlucht nimmt der Spaß zu. Denn dann ist plötzlich, woher auch immer, Wasser im Flussbett. Man schwimmt durch kleine Pools, klettert Felskamine hinunter, springt von Stein zu Stein und manchmal platschend in ein Wasserloch. Die Wände der Schlucht stehen eng, 200 Meter weiter oben ist ein Streifen blauen Himmels zu sehen.


Doch Wasser und Luft sind lau, und wenn jemand doch zu frösteln beginnt, umarmt er einfach einen der aufgeheizten Felsen. Gelenkig wie eine Bergziege und geschmeidig wie ein Fischotter zu sein, das wäre die ideale Voraussetzung für diesen Sport. Aber wer ist das schon? Rachel vielleicht, die Wanderführerin aus der Schweiz, die seit sieben Jahren durch den Oman führt und ihre Anweisungen in charmantem Franko-Deutsch gibt: „Rutschst du einfach auf deinem, wie sagt man, posterieur, da hinunter!“ Vier Wadis (ausgetrocknete Flussläufe) stehen auf dem Programm. Breit sind diese Flusstäler beim Einstieg. Wie struppige Besen säumen Akazienbüsche den Pfad, die Wedel hoher Grasbüschel zittern in der Sonne. Oft wandert man eine Stunde zwischen Felsblöcken oder über die gemauerten Rinnen der Bewässerungskanäle das trockene Flussbett hinauf. Allmählich aber rücken die Wände zusammen, die Landschaft wird bizarrer und wilder. Hinter jeder Biegung öffnet sich ein neues, oft überwältigendes Bild. Mal sind die Wände geschichtet wie eine schwarz-grün-rote Torte, mal schimmern sie wie blaugrauer Muschelbruch.


Meist feuert die Sonne ohne Pause

Schwarze Pfeiler wechseln mit rostbraunem Tuff, glatt geschmirgelte Platten mit schuppigen Rinnen. Manchmal hängen in dieser Urzeit-Szenerie Wände über und spenden ein wenig Schatten. Meist aber feuert die Sonne ohne Pause, der Stein glüht, die Felsen spucken Hitze. Gut, dass es gleich daneben Wasser gibt. Kristallklar gurgelt es nach unten, algig grün steht es in Tümpeln, in denen sich die steilen Wände spiegeln. Durch diese Filmkulissen waten, kraulen und kraxeln die Wanderer und kriegen und kriegen nicht genug davon. Aber das Programm bringt den Reisenden neben dem Canyoning auch andere Aspekte des Landes näher. Im Souk von Nizwa, dem Markt, lernen sie die Unterschiede zwischen Khalas-, Nghal- und Hanthal-Datteln kennen. In Sur, der Seefahrerstadt, beobachten sie, wie indische Zimmerleute aus Teakplanken einen der traditionellen Segler bauen. In den Gärten von Al Aqar duften schwer und schwül Tausende von Damaszener-Rosen. Die Einwohner destillieren aus den Blütenblättern ein Öl. Alle schmieren es sich in die Haare - und riechen hinterher nach stark geräuchertem Schwarzwälder Schinken.


itten in der Woche steht ein Abstecher in die Wüste der Wahiba Sands an. Mit vermindertem Reifendruck brettern die drei Jeeps über die Piste und jagen waghalsig eine Düne hoch, gerade rechtzeitig, um den Untergang einer blassroten Sonne mitzuerleben. Die Beduinen, die hier lebten, sind längst ins nahe Bidiyah gezogen. Sie kommen aber täglich heraus, um ihre Rennkamele zu versorgen. Einige von ihnen betreiben das Safari Desert Camp, in dessen stilvoll eingerichteten Bungalows der Abend mit Cola und Sternebestaunen ausklingt. Doch dann geht es wieder in die Wadis. Immer vorwärts in Badeshorts, T-Shirt und Sandalen, bei über 40 Grad ohne Schatten, durch bis zu 28 Grad warmes Wasser. Der Bulbul singt, Zikaden lärmen, dann herrscht wieder absolute Stille. Hunderte Male genau hinsehen, den Fuß aufsetzen, balancieren, weitergehen. Wandern über Blöcke, rutschige Steinplatten und Kies. Durch Rinnen und Wasserlöcher schwimmen, die mal nur fünf, dann wieder 100 Meter lang sind. Triefend aus dem Wasser tauchen - und schon wieder streicht eine glutheiße Bö durch das Tal. Harter Stein und weiches Wasser, brennende Hitze und lauwarmes Nass, höchste Konzentration beim Klettern und alles vergessen beim Einfach-sich-treiben-Lassen. Sportlich gesehen, sagt einer der Teilnehmer, ist die Reise keine große Herausforderung. Was den Spaß angeht, ist sie unschlagbar.