Orte der Macht Hochsicherheitstrakt und Fixpunkt der Diplomatie

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Die Nazis waren hier, danach die SED. Seinen historischsten Tag erlebte der Weltsaal am Werderschen Markt in Berlin aber am 20. September 1990.

Eine große Weltkarte am Kopfende hat dem Weltsaal  seinen Namen gegeben. Heute wird hier über Weltkrisen beraten. Foto: Georg Moritz
Eine große Weltkarte am Kopfende hat dem Weltsaal seinen Namen gegeben. Heute wird hier über Weltkrisen beraten. Foto: Georg Moritz

Berlin - Das Gebäude am Werderschen Markt, in dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier über Lösung für die Krisen der Welt grübelt, hat eine Geschichte hinter sich, die selbst in Berlin ihresgleichen sucht. In dem Komplex waren vor seiner heutigen Nutzung schon die Reichsbank der Nazis, das Finanzministerium der DDR, das Zentralkomitee der SED und die ­erste und letzte frei gewähl­te  Volkskammer der DDR untergebracht.

Viele Räume erzählen von dieser Historie. So arbeitet im ehemaligen Tresorraum der Reichsbank, in dem einst die Gold­barren zur Kriegsfinanzierung gebunkert wurden, jetzt das Krisenreaktionszentrum. Die erstaunlichsten Geschichten lassen sich aber über den Weltsaal erzählen, den größten, repräsentativsten und schönsten Raum des Ensembles. In diesem Saal, mittlerweile ausgestattet mit Dolmetscherkabinen und moderner Kommunikationstechnik, beginnt und endet die Regierungszeit der Minister mit der feierlichen Übergabe der Amtsgeschäfte. Hier empfangen sie Staatenlenker zu bedeutenden Konferenzen, hier treffen die Außenminister all ihre Botschafter zum jährlichen Stelldichein in Berlin.

Einst die prunkvollste Kassenhalle der Reichsbank

Die Gestaltung des Saals, der im Zuge der Erweiterung der ehemaligen Reichsbank in den Jahren 1934 bis 1940 geschaffen wurde, hat sich über all die Jahre nur wenig verändert: holzgetäfelt ist die Decke, die an den Seiten durchzogen wird von zwei Fensterbändern, durch deren milchiges Glas diffuses Tageslicht dringt. Zwölf wuchtige Kronleuchter machen hier, wenn es sein muss, die Nacht zum Tag. An einem der schmalen Enden des Saals prangt eine riesige Weltkarte.

Zu Zeiten der Nationalsozialisten gab es diese Kronleuchter und auch die Weltkarte ausweislich historischer Fotos noch nicht, da wurde hier aber auch kaum nachts gearbeitet, denn der Saal war zu dieser Zeit die Kassenhalle 1 der Reichsbank, die größte und prunkvollste der drei Kassenhallen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war zwischenzeitlich das Stadtkontor der Alliierten in dem Gebäude untergebracht, um Bankgeschäfte im besetzten Berlin abwickeln zu können.

Im Herbst 1949 bezog dann das Finanzministerium der neu gegründeten DDR das Haus, der Kassensaal 1 diente allerdings fortan nicht mehr den Geldgeschäften, sondern der Zerstreuung: er wurde zum Tanz- und Festsaal umfunktioniert. 1959 riss sich das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) das Gebäude unter den Nagel. Im heutigen Weltsaal hielt die SED fortan ihre Kongresse ab. Am 8. Dezember 1989 wählte der letzte Parteitag der SED Gregor Gysi zum Vorsitzenden, unter dessen Leitung das Zentralkomitee aufgelöst und das Haus geräumt wurde. Parlamentarier der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR bezogen fortan dort ihre neuen Büros, und als im September 1990 bekannt wurde, dass der Palast der Republik asbestverseucht war, fanden im heutigen Weltsaal die letzten Sitzungen des DDR-Parlaments statt.

Historische Entscheidung am 20.September 1990

Ausgerechnet in jenem Gebäude also, das nach den Worten des DDR-Schriftstellers Heiner Müller zu SED-Zeiten ein „Hochsicherheitstrakt der Macht“ war. Im Weltsaal besiegelte die Volkskammer die deutsche Einheit. Am 20. September 1990 stimmten hier die 380 Abgeordneten unter der Leitung des späteren Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reinhard Höpp­ner (SPD), über Tagesordnungspunkt zwei ab, besser bekannt als Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. 299 Abgeordnete stimmten mit Ja, 80 mit Nein, einer brachte es fertig, sich zu enthalten. Damit wurde die Deutsche Demokratische Republik Geschichte. Und der größte Saal des Gebäudes am Werderschen Markt konnte nach der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt mit dem Umzug des Auswärtigen Amtes nach Berlin das werden, was er heute ist: Fixpunkt der Diplomatie.




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