Oskar-Beck-Kolumne „Fass!“ rief Herrchen – und Rex biss den Falschen

Von Oskar Beck 

Die Gewalt im Stadion empört eigentlich nur die Tierschützer. Was tun? Irgendwas ist da früher verkehrt gelaufen, meint der StZ-Kolumnist Oskar Beck.

Das Kölner Maskottchen, Geißbock Hennes, wird im Torrausch von Anthony Ujah an den Hörnern gepackt. Foto: dpa
Das Kölner Maskottchen, Geißbock Hennes, wird im Torrausch von Anthony Ujah an den Hörnern gepackt. Foto: dpa

Stuttgart - Letzten Sonntag hat sich der Kölner Torschütze Anthony Ujah in der Ekstase des Jubels am FC-Maskottchen vergriffen: Er nahm den Geißbock Hennes an den Hörnern und rüttelte ihn dermaßen durch, dass sofort der Sturm der Entrüstung losbrach.

„Gewalt im Stadion!“, tobten die Tierschützer

Ihr Aufschrei ließ erst nach, als der Gewalttäter anderntags im Stall von Hennes mit Möhren erschien und erklärte: „Wenn ich ihn zu hart angefasst habe, entschuldige ich mich. Seine Pfleger haben mir aber bestätigt, dass ich ihm keinen Schaden zugefügt habe.“

Das Polizeipferd bekommt mehr Mitleid als die Polizisten

Schaden zugefügt wurde dafür sechzehn Polizisten in Stuttgart, aber die besorgte Anteilnahme an deren Gesundheitszustand war nur halb so laut, und ein paar besonders Friedfertige erörterten in Internetdebatten sogar die Frage, ob ein Beamter, nur weil ein von Wurfgeschossen gefällter Kollege blutend am Boden liegt, gleich sein Notwehrarsenal in Form dreier Warnschüsse ausschöpfen muss. Mehr Mitleid als dem blutenden Wachtmeister wurde jedenfalls dem Polizeipferd Lux zuteil, das, von einem fliegenden Mülleimer niedergestreckt, an den Vorderläufen gleichfalls blutige Wunden davontrug.

Wir lernen: die Welle der Gewalt, die über die Stadien hinwegschwappt, regt vor allem die Tierschützer auf.

Der Reporter Marcel Reif sieht „hasserfüllte Fratzen“

Der Rest der Gesellschaft huldigt eher dem vom Sportdirektor Ralf Rangnick dieser Tage so beschriebenen Motto: „So ist das halt im Fußball.“ Sogar die Polizei spricht immer noch von „Fußballanhängern“ statt von organisierter Kriminalität. Dabei knöpfen sich gewalttätige Schläger beim Versuch, den Frust, die Langeweile und die Schlappen ihres Alltags zu kanalisieren, blindlings alles vor, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Der Sky-Kommentator Marcel Reif hat den galoppierenden Trend mehrfach am eigenen Leib verspürt. Er wurde von Internethetzern verfolgt, im Stadion bedroht, mit Bier überschüttet und schildert „hasserfüllte Fratzen, die spucken und geifern“. Mit seinen Kindern wagt er sich nicht mehr ins Stadion.

Reif ist 65. Ich auch. Wir tun uns mit solchen Landfriedensbrechern besonders schwer, denn die Randalierer, mit denen wir aufwuchsen, trugen statt Kapuze noch Hut, riefen allenfalls „Schiedsrichter ans Telefon!“ oder in Richtung Pressetribüne „Ihr Schmierfinken!“, und man ist dann geschwind zu so einem hingegangen und hat ihn höflich gefragt: „Soll ich Ihnen Ihre schlecht sitzende Perücke vom Kopf reißen?“ Sofort war Ruhe. Man war damals noch per Sie mit den Krawallos und konnte mit ihnen reden. Auch später ging es noch. Als Toni Schumacher bei der WM 1982 den Franzosen Battiston bewusstlos rammte, erhielt man als kritischer Nestbeschmutzer und Landesverräter zwar ein paar altdeutsche Grüße („Du gehörst vergast“), aber die alten Dummen starben nach und nach aus, und die jungen Dummen protzten bei zehn Grad minus mit ihren blanken Bierwampen oder warfen nach Fußballern mit belegten Brötchen – und noch vor ein paar Jahren galt das punktgenaue Schleudern eines vollen Bierbechers ins Genick eines Linienrichters als neckische Fankultur.

Verrohte Gefühlskrüppel blasen zum Halali

Und nun das: wilde Horden führen Krieg, verprügeln Polizisten, demolieren Autos, wüten im Mannschaftshotel des wegen seines Geldgebers Red Bull verhassten RB Leipzig und erzwingen mit Drohungen die Absage eines von den Sachsen geplanten Trainingscamps für Kinder. Oder Dortmunder „Ultras“ unterstützen die des Stadions verwiesene Kölner Gruppe „Boyz“, indem sie das Plakat „Je suis Boyz“ hochhalten und die Solidarität aller Anständigen mit den Pariser Anschlagsopfern („Je suis Charlie“) in den Dreck ziehen. Kurz: verrohte Gefühlskrüppel blasen als Überfallkommando mit Steinen und Eisenstangen zum Halali, hocken vermummt auf den Stadionzäunen und brüllen „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot“ oder „Gegen die Bullen ist alles erlaubt“.

Fassungslos sagt Deutschlands bekanntester Fußballanwalt Christoph Schickhardt: „Bei uns im Staat hat die Polizei, Gott sei Dank, das Gewaltmonopol. Nur, dann sollte sie in bestimmten Fällen von diesem exklusiven Recht auch intensiv und konsequent Gebrauch machen. Solchen Gestalten muss die Maske heruntergerissen werden, sie gehören nicht ins Stadion, sondern in Gewahrsam.“ Auch Ralf Rangnick plädiert für Law and Order und wird seither mit dem Westernhelden John Wayne verglichen.

Tierschützer greifen empört zur Dachlatte

Das Durchgreifen ist nicht mehr mehrheitsfähig unter uns Deutschen. Nachdem wir der Welt lange genug vorgeführt haben, was Menschenverachtung ist, zeigen wir ihr jetzt, was toleranteste Gutmenschen sind. Zum Wutbürger werden wir nur, wenn unser Nachbar sein Unkraut durch den Zaun wuchern lässt, die Baumabholzer von Stuttgart 21 den Juchtenkäfer ausrotten wollen oder Bauspekulanten die Bruthöhlen des Halsbandschnäppchens auf Streuobstwiesen gefährden – empört greift da sofort jeder militante Tierschützer zur Dachlatte. Aber fallen auch diese Fußballchaoten unter den Artenschutz, nur weil sie einen Vogel haben und sich benehmen wie Tiere?

Vor einiger Zeit ließ sich der Fanforscher Gunter A. Pilz mit dem Satz zitieren: „Wir haben ein Konzept ‚Sport und Sicherheit’ und deshalb so gut wie keine Probleme mehr mit dem Hooliganismus.“ Kaum war es gesagt, da jagten 800 Hooligans in Leipzig 300 Polizisten, von denen 36 verletzt wurden und einer einen Warnschuss abfeuerte. Wenn wir uns richtig erinnern, wurden die Schläger gleich wieder auf freien Fuß gesetzt. Nicht einmal für eine besinnliche Nacht in der Ausnüchterungszelle oder ein Fegen des Gefängnishofes hat es gereicht, stattdessen sagte der Staatsanwalt: „Alle sind Ersttäter, haben einen festen Wohnsitz und sind beruflich gebunden.“ Was tun?

Die Polizei lässt die Hunde schon lange zuhause

Der Fußball ist mit seinem Latein am Ende, und die Polizei lässt die Hunde schon lange zuhause. Seit dem 6. September 1969, genau gesagt. Als beim Derby in Dortmund das 0:1 für Schalke fiel, stürmten Fans den Platz, und die Polizei ließ die Hunde von der Leine, darunter den Schäferhund Rex, der den Mittelfeldspieler Gerd Neuser und den Verteidiger Friedel Rausch in den Hintern biss. Ausgewechselt durfte noch nicht werden, also bekam Rausch eine Tetanusspritze und spielte weiter. Hinterher erhielt er 500 Mark Schmerzensgeld und einen Blumenstrauß, schlief ein paar Tage auf dem Bauch – und im Stadion waren Polizeihunde nur noch mit Maulkörben zugelassen. Hätte man ihnen eher beibringen sollen, die Richtigen zu beißen? „Rex, fass!“ hätte der Polizist am Cannstatter Bahnhof nur rufen müssen, und der Spuk wäre zu Ende gewesen.

Stattdessen läuft es jetzt wie dieser Tage in London. Beim Pokalsieg von Aston Villa gegen West Bromwich Albion rissen entgleiste Armleuchter ihre Sitze aus der Verankerung, warfen sie in die Blöcke darunter, und anlässlich der Jagdszenen nach dem Abpfiff schrie der zweifache Torschütze Fabian Delph plötzlich: „Ich wurde gebissen!“ Heute beißen die Chaoten – nicht mehr die Polizeihunde.

Irgendwas ist falsch gelaufen.