Osmanen-Prozess in Stuttgart Gewaltopfer kann sich plötzlich nicht erinnern

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Er soll geschlagen und getreten worden sein, sogar ein Ohr wollte man ihm abschneiden. Doch als er im Osmanen-Prozess in Stuttgart aussagen soll, erinnert er sich nicht. Die Hintergründe sind überraschend.

Die Polizeikontrollen beim Osmanen-Prozess werden weiter verschärft. Foto: bin
Die Polizeikontrollen beim Osmanen-Prozess werden weiter verschärft. Foto: bin

Stuttgart - Der große Prozess gegen acht zum Teil führende Mitglieder des nationaltürkischen Rockerclubs Osmanen Germania geht weiter. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden noch einmal verschärft – nun muss sich jeder Besucher zwei Mal von der Polizei durchsuchen lassen, vor dem Gebäude der Justizvollzugsanstalt Stammheim und beim Durchqueren der Schleuse zum Verhandlungssaal. Der Aufwand steht im umgekehrten Verhältnis zur Zahl der Besucher, die von Verhandlungstag zu Verhandlungstag niedriger wird.

Es geht um die obersten Anführer der Osmanen, den „Weltpräsidenten“ Mehmet Bagci und seinen Stellvertreter Selcuk Can Sahin, und auch um den Stuttgarter Chapter-Präsidenten Levent Uzundal, der der führende Kopf der Bande in der Region war und möglicherweise auch noch ist.

Sein Vorstrafenregister, das am Dienstag verlesen wird, ist ellenlang – 18 Einträge hat er, von Körperverletzung bis zum Fahren ohne Führerschein oder Urkundenfälschung. Zwei Mal hat er eine Frau böse malträtiert, unter anderem seine Freundin, die sich seit einigen Wochen als „Verlobte“ ausgibt. Damit bleibt ihr eine Aussage vor Gericht erspart.

Plötzlich war alles nichts so schlimm

Das Landgericht, das unter starkem Polizeischutz in dem Saal tagt, in dem in den 70er Jahren die RAF-Prozesse stattfanden, klärt weiterhin Gewaltorgien gegen eigene Mitglieder der Osmanen auf. Konkret geht es um eine Versammlung in Altbach (Kreis Esslingen), in der ein Aussteiger übel malträtiert worden sein soll: Tritte und Schläge, ein Angriff mit einem Barhocker – federführend dabei sollen der inzwischen in die Türkei abgetauchte Vizepräsident des Chapters Stuttgart, Mustafa Kilinc, und der Waffenmeister des Ortsclubs, Toni Wörz, gewesen sein.

Während mehrere Zeugen den Gewaltexzess beschreiben, unter anderem eine Szene, in dem dem Aussteiger gedroht wird, ihm das Ohr abzuschneiden, erzählt der Geschädigte vor Gericht eine andere Geschichte. „Ja, ich wollte eben aussteigen, weil meine Mutter gegen die Osmanen war“, sagt er, „dann gab es ein paar Schläge, aber das war nicht so schlimm.“ Mehrfach spielt er die Attacken herunter, bei denen er fast das Bewusstsein verloren haben soll – zumindest soll der Waffenmeister damit später am Handy geprahlt haben, wie Überwachungsprotokolle belegen.

Zeuge erhält 2000 Euro vom Schläger

Trotz mehrfacher Nachfragen von Richter und Staatsanwaltschaft kann oder will sich der Zeuge nicht erinnern an schwere Verletzungen oder eine Strafzahlung, die er für den Austritt leisten muss. Er wirkt vor seiner Aussage nervös. Auch ein anderer Zeuge bemüht sich, die Schuld an dem Vorgang nicht dem anwesenden Präsidenten Uzundal zu geben, sondern dem abgetauchten Kilinc.

Irgendwann sagt das Opfer der Schlägerei: „Ich habe ja auch Schmerzensgeld bekommen.“ Das ist auch für das Gericht überraschend: Über den Anwalt von Toni Wörz hat der Zeuge 2000 Euro in Bar erhalten – „Schmerzensgeld“. Auch hat er trotz seines Austritts noch Kontakt, etwa zu Präsident Levent b. Er bleibt bei seiner Version: „Ich bin da ganz normal rausgegangen, für mich ist das erledigt.“