Otto Herbert Hajeks Nachlass Signalkörper für die Welt

Von Georg Leisten 

Ende eines Erbstreits und Beginn einer Renaissance: Der Nachlass des Bildhauers Otto Herbert Hajek ist nun komplett in der Hand seines Sohnes.

Otto Herbert Hajeks Serigrafie 01/1 von 2001 Foto: Galerie
Otto Herbert Hajeks Serigrafie 01/1 von 2001 Foto: Galerie

Stuttgart - Vierzehn Jahre lang war alles weggesperrt. Nur der Notar hatte den Schlüssel zum Lager. Jetzt endlich ist der juristische Kleinkrieg um den Nachlass von Otto Herbert Hajek vorbei. Sein Sohn, der Stuttgarter Galerist Urban Hajek, hat seinen vier Schwestern ihre Anteile abgekauft und besitzt nun das alleinige Verfügungsrecht über die mehr als tausend Skulpturen, Gemälde und Grafiken. Otto Herbert Hajek, 1927 in Tschechien geboren und 2005 in Stuttgart gestorben, war anfangs Vertreter der informellen Plastik, entwickelte sich später aber zum Konstruktivisten. Internationale Berühmtheit erlangte der Professor der Kunstakademie Karlsruhe vor allem durch Arbeiten im öffentlichen Raum. Von Moskau über Montevideo bis ins australische Adelaide setzte er buntgeometrische Signalkörper auf Plätze oder an Verkehrswege. Stuttgarter kennen ihn etwa durch die schräg angeschnittene Riesenzigarre, die an der Heilbronner Straße in die Ferne weist, oder durch die Farbgestaltung des Leuzebads.

Zuletzt aber hat die ästhetische Strahlkraft des Oeuvres offenbar nachgelassen. Beim Rückbau des alten Mannheimer Postbahnhofs wurde Otto Herbert Hajeks quantitativ umfangreichste Plastik, ein 120 Meter langes Betonrelief, teilweise geschreddert. „Der Streit um das Erbe hat der künstlerischen Wirkung meines Vaters nicht gut getan“, sagt Urban Hajek. „Das Werk wurde nicht gepflegt. Es gab vierzehn Jahre keinen Ansprechpartner, an den sich Privatsammler, Museen und Kunsthistoriker wenden konnten.“ In der Folge blieben Ausstellungen oder Publikationen weitgehend aus.

2020 stehen Hajek-Werke in Berlin und Prag zum Verkauf

Durch die fehlende Präsenz in der Öffentlichkeit und auch, weil der streitbare Bildhauer nicht mehr selbst für seine Kunst eintreten konnte, seien die Preise nach dem Tod gefallen. Doch jetzt tut sich etwas. Im kommenden Jahr stehen Werke aus dem Nachlass bei Lempertz in Berlin zum Verkauf, eine Galerie in Prag sowie das von dem Lyriker Eugen Gomringer geführte Kunsthaus im fränkischen Rehau planen Präsentationen. Wann er selbst eine Schau mit Werken des Vaters eröffnet, weiß Urban Hajek indes noch nicht. Ein paar Arbeiten aus dem Nachlass, darunter die pathetisch strahlende Farbfeldkomposition „Himmlisches Jerusalem“, hängen beziehungsweise stehen bereits wieder in seiner Stuttgarter Galerie. Dort sind ebenfalls schon Kaufanfragen eingegangen. Und verkaufen muss der Galerist. „Der Erwerb des Nachlasses“, verrät er, „war nicht ohne Risiko, ich musste einen Kredit aufnehmen, um meine Schwestern auszuzahlen.“

Ihm sei es jedoch wichtig gewesen, die Kontrolle über alle Arbeiten zu behalten. „Bei einer Aufspaltung des Nachlasses hätte sich der Kunsthandel nur die Filetstücke rausgesucht.“ Aber ohne die verliere auch der Rest an Attraktivität. Deswegen will Urban Hajek zumindest bei Schlüsselwerken selbst entscheiden, wohin sie gehen. Als Beispiel weist sein Finger auf die Modelle für den Kreuzweg in Berlin-Plötzensee, die der Galerist ebenfalls wieder aus dem Lager in Wörth am Rhein zu sich geholt hat. „Solche Sachen“, findet er, „dürfen nicht in einem Schweizer Container verschwinden. Sie gehören in den kirchlichen Kontext oder in eine Institution, die sich mit historischer Erinnerung befasst.“ Zum Nachlassverwalter berufen fühlt sich Urban Hajek aber auch, weil er seinem Vater jahrelang im Atelier assistiert hat. „Ich weiß am besten, was bei restauratorischen Problemen zu tun ist.“

Die Globalisierung könnte eine Hajek-Renaissance beflügeln

Trotz der gesunkenen Popularität zählt Otto Herbert Hajek nach wie zu den hochpreisigen Künstlern: Gemälde liegen im fünfstelligen, größere Plastiken im sechsstelligen Euro-Bereich. Das Ende des Erbenzwists, glaubt der Sohn, komme zu einem günstigen Zeitpunkt. „Eine Renaissance meines Vaters liegt quasi in der Luft.“ Schließlich hätten auch dessen konkret-konstruktivistische Weggefährten wie Anton Stankowski und Georg Karl Pfahler unlängst wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren. Nicht zuletzt könnte die Globalisierung das Comeback des Künstlers beflügeln. In Kooperation mit einem Kollegen, der eine Filiale in Beijing betreibt, organisierte Urban Hajek unlängst eine Ausstellung in China. „Die frühen kalligrafischen Tuschezeichnungen trafen offenbar genau den Publikumsgeschmack dort.“

Doch wie sieht es mit den Skulpturen aus? Passen die geometrisierten Totempfähle noch in die schnelllebigen Städte des 21. Jahrhunderts? Auf jeden Fall, findet Urban Hajek. „Die Werke holen sie runter, zwingen sie innezuhalten. Sie wollen nicht für eine bestimmte Zeit stehen, sondern zeitlos sein.“ Ein Fall wie die Teilzerstörung des Mannheimer Reliefs schmerzt Urban Hajek darum immer noch. „Ein Kunstwerk zu vernichten war das Schlimmste für meinen Vater. Er hat sogar einmal einen Kunst-am-Bau-Auftrag abgelehnt, weil dadurch die Arbeit eines Kollegen hätte verschwinden müssen.“




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