Pädagogik "Mädchen benötigen mehr Zeit"

Von Björn Lohmann 

Benölken hat im Unterricht etwas ganz anderes beobachtet: "Mädchen gehen methodisch ganz anders vor", sagt er. Während Jungen nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" loslegen, haben Mädchen eine ganzheitliche Herangehensweise, fertigen zunächst Skizzen an und zeichnen den Lösungsweg auf. "Mädchen benötigen mehr Zeit", sagt Benölken - Zeit, die ihnen im Unterricht nicht immer gegeben werde.

Wenn Lehrer der höheren Bereitschaft zur kooperativen Arbeit mehr Raum gäben, profitierten davon auch die konkurrenzorientierten Jungen, sagt der Didaktiker. Doch zurzeit würden begabte Schülerinnen oft gar nicht als solche erkannt und gefördert. Vor allem ein Typ von Mädchen fällt laut Benölken durch das Raster der Begabtenidentifikation: die spielerisch-kreativen Mädchen.

Benölken gibt ein schlechtes Beispiel, das er in seiner Zeit als Referendar erlebt hat. Als bei einer Aufgabe ein paar Jungen, aber keine der Schülerinnen aufzeigte, fragte die Lehrerin: "Was ist mit den Mädchen? Dann hole ich mal Anna an die Tafel, der traue ich das zu." Gleich dreimal falsch, befand der Didaktiker Benölken schon damals. "Die geschlechtsspezifische Förderung ist zwar gut", sagt er, aber die direkte Ansprache und das Nach-vorne-Holen seien schlecht. Obendrein würden die anderen Mädchen der Klasse diskreditiert, weil ihnen die Lehrerin die Leistung anscheinend nicht zutraue.

"Mädchen haben meist viele Hobbys"

Es ist aber nicht allein die Schule, die entscheidet, ob sich talentierte Mädchen zu Matheprofis wie Lisa Sauermann entwickeln. Lisa Sauermann, die Tochter einer Physikerin und eines Ingenieurs, hatte schon als Kind Spaß an Knobelaufgaben. "Wenn man eine Stunde vor einer Aufgabe sitzt und sieht plötzlich, wie sich alles auflöst - das ist ein tolles Gefühl", schwärmt sie. Geholfen hätten ihr auch die Brettspiele, mit denen ihre Eltern ihr Interesse an der Logik gefördert haben. Das einzige Hobby, das sich langfristig neben der Mathematik behaupten konnte, war die Blockflöte.

Das ist ungewöhnlich, sagt Benölken. "Mädchen haben meist viele Hobbys: Pferde, Fremdsprachen, Lesen - das kann dazu führen, dass trotz Spaß und Begabung andere Dinge wichtiger sind als Mathematik." Lisa Sauermann kann das aus ihrer eigenen Familie bestätigen: "Meine zwei Jahre jüngere Schwester hat viele Hobbys", sagt sie. Darunter sind zwar Mathematik, Physik und Chemie, aber beispielsweise auch Gesang und Gitarre. "Sie war schon bei ,Jugend musiziert' erfolgreich", erzählt die große Schwester.

Lisa Sauermann ist inzwischen 19 Jahre alt und studiert seit einem Semester Mathematik an der Universität Bonn. Als einer der 17 Sieger des Bundeswettbewerbs Mathematik darf sie vier Wochen mit Mathematikern aus aller Welt am Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn forschen. "Mein Traum ist es, in die Forschung zu gehen, an der Uni", sagt sie. "Aber ich könnte mir auch einen Job in der Wirtschaft vorstellen." Mathematik werde ja an so vielen Stellen gebraucht.