Pakistaner in Tübingen Integriert und trotzdem abgeschoben

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Der Pakistaner Bilal Waqas hat eine Tübingerin geheiratet – und hoffte auf ein Entgegenkommen der Behörden.

Um nach Tübingen zurückzukehren, muss Waqas ein Visum beantragen. Foto: privat
Um nach Tübingen zurückzukehren, muss Waqas ein Visum beantragen. Foto: privat

Tübingen - Der Schock sitzt tief. „Ich habe immer gedacht, dass Bilal bleiben darf“, sagt Ricarda Zelter, „unser Rechtsanwalt hatte uns Mut gemacht.“ Seit fünf Jahren sind der Pakistaner Bilal Waqas und die Tübingerin, die am Landestheater als Tontechnikerin arbeitet, ein Paar. „Wir sind glücklich verheiratet, führen alles andere als eine Scheinehe“, versichert die 50-Jährige und kann es nicht fassen, dass ihr Mann an Dreikönig abgeschoben wurde.

Abends um halb elf sei die Polizei gekommen und habe ihn mitgenommen. „Er durfte einen Anruf machen und seinen Koffer packen, dann ging es los“, erzählt Zelter, die an jenem Abend bei ihrem Vater war und per Telefon von ihrem verzweifelten Ehemann kontaktiert wurde. Am Morgen darauf wurde der 35-jährige Bilal Waqas in einen Abschiebeflieger gesetzt, von Frankfurt nach Islamabad.

Aus der Bekanntschaft wurde Liebe, sie zogen zusammen

Als abgelehnter Asylbewerber hatte Bilal Waqas eine Duldung nach der anderen erhalten. „Er war ein Wirtschaftsflüchtling“, sagt seine Frau. 2013 war er nach Deutschland gekommen, um eine bessere Zukunft zu haben – weit weg von der Armut und den Bandenkriegen in seiner Heimat. Per Zufall haben sich die beiden kennengelernt, er brauchte Hilfe bei einer Zugauskunft, sie zückte bereitwillig das Handy. Aus der Bekanntschaft wurde Liebe, sie zogen in der Tübinger Südstadt zusammen, Bilal Waqas verdiente sein eigenes Geld – zuletzt als Pizzabäcker in einer Festanstellung.

Seinen Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter hat Waqas nach der Hochzeit zurückgezogen, in bester Hoffnung, dass er alle Anforderungen erfülle, um an der Seite seiner deutschen Frau eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Die Briefe der Ausländerbehörde, die ihn aufforderte auszureisen, um in Pakistan ein Visum für Deutschland zu beantragen und dann wieder zurückzukehren, ignorierte Waqas. „Wir wussten, das hätte mindestens ein Jahr gedauert bei der Bürokratie in Pakistan“, sagt Zelter. Sie hofften darauf, dass die Behörden ihren Ermessensspielraum im Sinne des Paares nutzen würden. Begeistert ist Zelter von der großen Solidarität, die sie in Tübingen erlebt. Bei einer Kundgebung am Samstagabend kamen rund 500 Menschen, um gegen die Abschiebung zu protestieren.

„Eine Ausreise nach Pakistan wäre absolut unzumutbar gewesen“, sagt Anwalt Egerter

Tatsächlich ist die Ehe mit einer deutschen Staatsangehörigen kein Abschiebungshindernis. Die Behörden gehen davon aus, dass eine vorübergehende Trennung zur Beschaffung des Visums grundsätzlich zumutbar ist. Für Ernst-Adolf Egerter, Rechtsanwalt des Abgeschobenen, ist das „reine Schikane“. Das Ausländeramt poche auf Vorschriften und betrachte nicht die menschliche Dimension des Falles. „Eine Ausreise nach Pakistan wäre absolut unzumutbar gewesen“, sagt Egerter, schon einen ersten Termin bei der deutschen Botschaft in Islamabad zu bekommen dauere viele Monate.

Weil Waqas Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland abgelehnt wurde, legte Egerter beim Verwaltungsgericht Sigmaringen Widerspruch ein – ein Verfahren das noch läuft. „Schon allein deshalb war die Abschiebung illegal“, sagt der Mössinger Rechtsanwalt und kann nicht nachvollziehen, warum der Pakistaner nicht in Tübingen leben darf. Waqas sei mit einer Deutschen verheiratet und bestens integriert, er spreche gut Deutsch und habe einen festen Job. Außerdem sei es schwierig, seine Diabeteserkrankung im Ausland angemessen zu behandeln.

Die Chancen für die beiden, wieder zusammenzukommen, sind groß. Ein Visum zur Familienzusammenführung stehe dem Pakistaner zu, bestätigt die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Ob die beiden ein Jahr warten müssen oder länger, ist allerdings ungewiss.