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Papua-Neuguinea Wer tanzt, kämpft nicht

Von Lottemi Doormann aus Goroka 

Bis zu 1000 Volksstämme leben in Papua-Neuguinea. Konflikte sind da programmiert. Aber es geht auch anders - wie ein farbenprächtiges Festival zeigt.

Wild, bunt, aufregend: Diese Kriegerin sieht aus wie ein Paradiesvogel, der auf der Insel im Pazifik beheimatet ist.  Foto: Doormann
Wild, bunt, aufregend: Diese Kriegerin sieht aus wie ein Paradiesvogel, der auf der Insel im Pazifik beheimatet ist. Foto: Doormann

Goroka - Seit den frühen Morgenstunden bereiten sich die Frauen eines Hochland-Clans im Hof ihrer Herberge auf das große Kulturfestival von Goroka vor. Zuerst schlüpfen sie in einen Rock aus Dschungelblättern. Dann befestigen sie an den Oberarmen hellgrüne Büschel und legen sich Dutzende Muschelketten um, die bis zu ihren nackten Brüsten reichen. Die Haare verbergen sie unter buntem Kopfschmuck, gekrönt von prächtigen Paradiesvogel-, Papageien- und Pfauenfedern. Am längsten dauert die Gesichtsbemalung mit den typischen Farben und Mustern ihres Clans. „Unsere Gruppe heißt Hooks Ambe und hat 14 Mitglieder“, sagt Anna, eine von ihnen. „Gestern sind wir mit dem Bus aus Mount Hagen gekommen, eine weite Reise.“ Wie eine Maske wirkt ihr Gesicht. Die Lippen sind weiß geschminkt und blau umrandet, ebenso Stirn und Augenpartie. Auf Wangen und Kinn wird flächig ein feuriges Rot gepinselt. Dabei helfen sich die Frauen gegenseitig. Zufrieden beäugt Anna das Werk in einer Spiegelscherbe.

Gleich werden alle zum Festplatz von Goroka aufbrechen. In dieser kleinen Stadt mitten im Hochland findet jedes Jahr im September das berühmteste „Sing Sing“-Festival von Papua-Neuguinea statt, an dem bis zu 150 Volksstämme teilnehmen. Auf der fußballfeldgroßen Wiese zwischen all diesen fremdartigen Menschen umherzugehen, ihnen zuzuschauen, zuzuhören, wie sie die uralten Traditionen und Rituale ihrer Ahnen tanzend, singend, trommelnd, Kampfrufe ausstoßend in Szene setzen, das ist so verwirrend und betörend, als wäre man in eine Welt wie vor 1000 Jahren zurückgebeamt worden.

Die Goroka-Show ist keineswegs für Touristen erfunden worden

Da schleppen fast nackte, pechschwarz gefärbte Jungen auf ihren Köpfen eine riesige schwarze nachgebildete Schlange, so lang wie der Kreis, den zwei Dutzend Jungen bilden. Sie drehen sich unaufhörlich mit erhobenen Armen in der Mittagshitze, um den Sieg über die Schlange, die in der Kultur der Chimbu als gefährlicher Geist im Wald lebt, mit einem Sprechgesang zu beschwören. Ein paar Meter weiter stürmen wilde Krieger aus Guasa, einem kleinen Dorf im östlichen Hochland, mit Pfeil und Bogen, Speeren und Trommeln über die Wiese, dass einem angst und bange werden könnte. Sie tragen Felle, Wildschweinhauer und magische Bilum- Taschen um den Hals, und auf ihren Köpfen thronen mächtige borstige Büsche. Die Goroka-Show ist keineswegs für Touristen erfunden worden, sondern wurde 1957 zum ersten Mal von der damaligen australischen Provinzregierung organisiert, um die verfeindeten Stämme zu einem friedlichen Miteinander zu bewegen. Denn die bis zu 1000 verschiedenen Volksstämme des Landes mit ebenso vielen eigenen Sprachen und Mythen bilden ein enormes Konfliktpotenzial. Die Clans in Papua-Neuguinea gelten als sehr gewaltbereit. Dass sie bis heute unerschütterlich an böse Geister und Hexenmagie glauben, macht es nicht einfacher.

Aber solange die Stämme in Goroka tanzen, heißt es, bekriegen sie sich nicht. An den drei Festtagen haben auch die Händler Hochsaison. Auf einem Platz vor der Festwiese und entlang der Hauptstraße des kleinen Städtchens bieten sie handgeknüpfte Netztaschen, selbst geschnitzte Holzmasken, geflochtene Körbe, Muschelketten und magische Amulette aus Tierknochen und Vogelfedern an. Die meisten Händler und Passanten sind barfuß und haben vom Betelnusskauen rot verfärbte Zähne. Proppenvoll ist die Straße am späten Nachmittag. Ein Mann mit Schirmmütze trägt auf den Unterarmen eine wagenradgroße Perücke aus gepresstem schwarzen Haar durch die Menge, auf der Suche nach einem Käufer, bevor die Sonne untergeht. Papua-Neuguinea ist nach Indonesien und Madagaskar der flächenmäßig drittgrößte Inselstaat der Welt. Um vom Hochland an die Pazifikküste zu reisen, ist man einen ganzen Tag unterwegs. Der kleine Ort Tufi in der nordöstlichen Provinz Oro ist nur per Flugzeug erreichbar.

Nach der Landung auf einer Sandpiste direkt am Meer wird das Gepäck auf dem Anhänger eines Treckers zum nahe gelegenen Hotel gebracht. Es liegt 80 Meter oberhalb einer wundervollen Fjordlandschaft an der Spitze von Cape Nelson und gilt als eines der besten Tauchresorts des Landes. Jenseits der Fjorde, im offenen Tropenmeer der Salomonensee, zieht sich parallel zur Küste ein Riff entlang, ein Fest für Schnorchler und Taucher. Beim Paddeln in den idyllischen Gewässern rund um Tufi begegnet man Kindern und Frauen, die in ihren Einbäumen Früchte, Wasser, Töpfe, Holz transportieren. Ihre Dörfer liegen oben auf den Bergrücken, deren vulkanische Ausläufer die Fjorde bilden. Ein steiler Pfad führt zum Dorf Yavi hinauf. Zwei Männer arbeiten gerade mit einem Beil an einem neuen Einbaum aus Eukalyptusholz.

Ein Kanu, ein Garten, ein Haus und eine Frau

Eine gute Gelegenheit für Dorfvorsteher William, den Besuchern zu erklären, wann ein Mann zum Mann wird: „Wenn er weiß, wie man ein Kanu macht, wenn er weiß, wie man fischt, wenn er weiß, wie man einen Garten macht, wenn er weiß, wie man ein Haus baut. Und wenn er ein Kanu hat, einen Garten, ein Haus und eine Frau, dann hat er alles, was er zum Leben braucht.“ Zwischen Yavi und dem Nachbardorf Komoa dehnt sich am Fuße des Berghangs ein langer weißer Sandstrand. Mit mehreren Auslegerbooten stechen zehn junge Fischer aus Yavi in See. Der Wind nimmt zu, sie fahren nicht weit hinaus. Zwei Männer setzen ihre Taucherbrillen auf und springen mit Harpunen ins Meer. Zuerst erwischen sie einen Hornhecht, dann einen kleineren Fisch. Plötzlich gibt es riesige Aufregung. „Ein Hai“, schreien sie.

Anstatt ins Boot zu flüchten, hüpfen zwei weitere Männer tollkühn ins Wasser, während unsereins Herzrasen kriegt vor Angst. Die vier kämpfen mit dem Hai, der sich teilweise im Netz verfangen hat. Es ist ein Schwarzspitzenriffhai. Einem der Männer gelingt es, dem Tier ein Paddel ins Maul zu stoßen, damit er nicht mehr zubeißen kann. Dann gibt es nur noch Jubel. Abends, als das Fleisch des Hais schon verspeist ist, versammelt sich das halbe Dorf um die Gästehütte und lauscht dem Gespräch mit den Fischern. „Wenn das Meer ruhig ist und wir zum Fischen gehen, fangen wir mit der Langleine jeden Tag einen Hai“, sagt Peter John, der jüngere Bruder von William. „Wir schneiden die Flossen ab und verkaufen sie an Asiaten.“ Bezahlt wird pro Stück nach Armlänge, etwa 80 Kina (umgerechnet 27 Euro).

Für die Flosse eines weißen Hais gibt es fast das Doppelte. Das ist viel Geld für ein armes Dorf. „Alle zwei Monate töten wir einen weißen Hai.“ Ist es nicht verboten, Haie zu jagen? „Stimmt“, sagt William, „es ist ein geschützter Fisch. Aber wir brechen das Gesetz für das wirtschaftliche Überleben unseres Dorfes.“ Die Nacht in den drei Kojen der Bambushütte ist unerquicklich. Das Licht der Nachtwächter flackert durch die dünnen Wände. Draußen kommt Sturm auf, Regen peitscht auf das Dach. Die Regenzeit hat begonnen. Eine schlechte Zeit für die Fischer.