Paradise-Prozess in Stuttgart Aus Gier Geld für Bordell verliehen

2014 durchsuchte die Polizei das Bordell auf den Fildern. Nun steht der Chef des Etablissements vor Gericht. Foto: 7aktuell.de/Eyb (Archiv)
2014 durchsuchte die Polizei das Bordell auf den Fildern. Nun steht der Chef des Etablissements vor Gericht. Foto: 7aktuell.de/Eyb (Archiv)

Eine halbe Million Euro soll der ehemalige Schumacher-Manager Willi Weber in die Geschäfte des Bordellchefs Jürgen Rudloff investiert haben. Vor Gericht sagt er nun als Zeuge aus – und überrascht mit seiner Einordnung der Vorgänge.

Lokales: Christine Bilger (ceb)
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Stuttgart - Im Rausgehen entfuhr es ihm. Kaum hatte er die Absperrung zum Zeugenstand verlassen, fauchte Willi Weber „So ein Scheiß“. Denn die ganze Geschichte ist ihm denkbar unangenehm gewesen. Daran ließ der ehemalige Formel-Eins-Star-Manager, der Michael Schumacher betreute, keinen Zweifel, auch im Zeugenstand nicht. Gefragt war er dort im Verfahren gegen den Bordellchef Jürgen Rudloff und drei Mitangeklagte als Zeuge, weil er für die Ermittler zu den Opfern zählte, wie der Vorsitzende Richter der 7. Strafkammer am Landgericht eingangs klar machte. Doch so sieht er sich gar nicht, ist immer noch gut auf seinen Bekannten zu sprechen.

Rudloff, sein Geschäftsführer, sein Marketingchef und ein Frankfurter Jurist müssen sich wegen Betrugs, Beihilfe zum Menschenhandel und zur Prostitution verantworten. Der Prozess ist das Ergebniss langwieriger Ermittlungen des Landeskriminalamts: Rudloff und seine Kollegen sollen Gelder für neue Betriebe nach dem Vorbild des Paradise-Clubs in Leinfelden-Echterdingen eingeworben haben, die sie anders verwendeten. Außerdem sollen Frauen mit kriminellen Methoden angeworben und zur Prostitution gezwungen worden sein.

Von der Familie Weber kam eine halbe Million Euro

Unter den Geldgebern, die laut der Anklage um ihr Vermögen geprellt wurden, war auch Willi Weber. Aber er legte großen Wert darauf, die Geschäfte nicht selbst getätigt zu haben. Er habe sich schon längst aus dem operativen Bereich seiner Firma zurückgezogen, das mache nun alles seine Tochter. Sie habe auch die Geschäfte mit Rudloff und dessen Kollegen in die Wege geleitet und ihn darüber auf dem Laufenden gehalten. Das soll dann etwa beim monatlichen Jour-Fix zwischen Vater und Tochter geklärt worden sein: „Da hab ich dann immer eine Liste und lese vor. Wenn ich Rudloff sage, sagt sie er habe bezahlt, und ich hake das ab“, schilderte der Ex-Manager im Zeugenstand. Dem Richter und dem Oberstaatsanwalt reichte es aber nicht zu wissen, dass zwischen Vater und Tochter alles geklärt sei. Sie wollten es schon etwas genauer wissen. Wie lange und woher sich Weber und Rudloff eigentlich kennen, zum Beispiel. „Man läuft sich so über den Weg, Stuttgart ist ist ja nicht groß“, sagt er dann. Die Begrüßung in der Prozesspause zeigt, dass es ein gutes Verhältnis sein muss. Man herzt sich, patscht sich auf die Hüfte, Rituale einer Männerfreundschaft.

Diese war die Grundlage für das Geschäft, auch wenn Weber mit dem Gewerbe des Kumpels Jürgen Rudloff nicht viel zu tun haben wollte. 500 000 Euro soll er gegeben haben. Zunächst sei die Rede von einer Beteiligung an einem Bordell in Saarbrücken gewesen. Um eben den Namen Willi Weber nicht mit Prostitution in Verbindung zu bringen, habe man das dann in ein persönliches Darlehen umgemünzt. Dass er trotzdem irgendwie in das horizontale Gewerbe Geld fließen ließ, begründete er einfach, aber nachvollziehbar: „Das war die Gier.“ Zehn Prozent Zinsen wurden ihm versprochen. Rudloff zahle seither zurück. „Da steht in den Zeitungen, ich sei betrogen worden. Das ist totaler Bullshit, ich bin doch kein Dummkopf“, wehrt sich der 74-jährige Wilhelm Friedrich Weber. Dummerweise sei er genau einen Tag vor einem Termin mit dem Steuerberater geladen, der könne ihm genau sagen, wie es mit der Rückzahlung laufe.

Ins Grübeln kam er dann doch, als er von einer Mail seiner Tochter erfährt, die er nicht kannte. Er hatte zwar anfangs eingeräumt, dass er wegen Gesundheitsproblemen unter starken Opiaten stehe und sich nicht an alles erinnern könne. Aber das wusste er dann doch: Dass er diese Nachricht nicht kannte, die der Oberstaatsanwalt vorlas. Und die klang ungehalten. Im November nach der Darlehensgabe im Frühjahr 2014 schrieb sie, sie habe fünf Monate später nur eine Zahlung von 6000 Euro erhalten, 500 000 Euro weniger auf dem Konto und „ganz viel Chaos“. „Sie wird wissen, warum sie mit mir darüber nicht gesprochen hat“, sagte Weber.




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