PCB an der Zollberg-Realschule Kostenlose Bluttests – aber nur für Lehrer

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Die medizinische Aufarbeitung der Situation rund um die mit dem Gift PCB verseuchte Esslinger Zollberg-Realschule wirft Fragen auf. Warum sind Schüler von den Behörden anders behandelt worden als die Lehrkräfte?

Seit den Sommerferien werden die Schüler der Zollberg-Realschule in Containern unterrichtet. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel
Seit den Sommerferien werden die Schüler der Zollberg-Realschule in Containern unterrichtet. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Esslingen - Vom Hauptgebäude der Zollberg-Realschule steht nur noch die Hülle. Im Frühjahr 2019 war an die Öffentlichkeit gedrungen, dass in mehreren Esslinger Schulen – und in gesundheitsgefährdender Weise an der Zollberg-Realschule – der giftige Weichmacher PCB gefunden worden war. Die Aufregung war auch deshalb groß, weil erst ein engagierter Vater, Jörg Sanzenbacher, das wahre Ausmaß der Verseuchung bekannt gemacht hatte. Mittlerweile werden die Schüler der Zollberg-Realschule in Containern auf dem Schulhof unterrichtet. Das Hauptgebäude soll noch 2020 abgerissen und durch einen rund fünf Millionen Euro teuren Neubau ersetzt werden.

Es schien also so etwas wie Alltag in der Schule einzukehren. Doch jetzt kommt neue Unruhe auf. Denn seit Mittwoch weiß Jörg Sanzenbacher, dass die Behörden bei der medizinischen Aufarbeitung der PCB-Funde offenbar mit zweierlei Maß gemessen haben. Denn für die betroffenen Schüler haben das Landesgesundheitsamt, das Kreisgesundheitsamt, das Nürtinger Schulamt, die Unfallkasse Baden-Württemberg und die Stadt Esslingen die Durchführung von Bluttests, mit deren Hilfe PCB-Ablagerungen hätten erkannt werden können, abgelehnt. Lehrern der Zollberg-Realschule wiederum ist dieser Test offenbar angeboten worden. Darüber hinaus sind Lehrern, die eine solche Überprüfung schon frühzeitig auf eigene Kosten vorgenommen hatten, die Auslagen dafür erstattet worden.

Im Oktober kam die endgültige Absage

Bereits im Frühjahr 2019 hatte Sanzenbacher beim Kreisgesundheitsamt angefragt, ob nicht die Möglichkeit bestehe, mithilfe eines Bluttests bei allen Kindern eventuelle Schädigungen durch PCB untersuchen zu lassen. Als Beispiel hatte er die Stadt Wesseling in Nordrhein-Westfalen angeführt, wo in einem ähnlich gelagerten Fall ein Bluttest, ein sogenanntes Human-Biomonitoring, bei 700 Kindern durchgeführt worden ist.

Im Oktober 2019 kam die endgültige Absage. In einer mit allen beteiligten abgestimmten Erklärung schreibt der Gesundheitsdezernent des Esslinger Landratsamts, Christian Baron, dass man die Sinnhaftigkeit von Bluttests noch einmal geprüft habe. Auch nach den Blutuntersuchungen, die einzelne Lehrer dem Gesundheitsamt zur Verfügung gestellt hätten, bleibe man bei der ursprünglichen Prognose, dass PCB aus der Innenraumluft zwar im Blut nachweisbar sei, aber nicht zur Überschreitung von Human-Biomonitoring-Werten führe. Wörtlich heißt es: „Eine Kostenübernahme für solche individualmedizinischen Leistungen durch das Gesundheitsamt ist nicht vorgesehen.“ Heute betont Baron: „Natürlich verbieten wir niemandem, sich Blut abnehmen zu lassen. Unsere Aufgabe ist es aber zu prüfen, ob diese Maßnahme medizinisch notwendig ist. Das ist auch nach den uns bekannten Untersuchungswerten der Lehrer zum Glück nicht der Fall.“

Bei keinem Lehrer sind bedenkliche Werte entdeckt worden

Lässt sich rechtlich an der Position wenig rütteln, so war Sanzenbacher doch überrascht, dass er nun von Matthias Kaiser, dem Leitenden Regierungsschuldirektor im Referat Schule und Bildung des Stuttgarter Regierungspräsidiums, die Mitteilung erhielt, „dass den Lehrern der Zollberg-Realschule in Abstimmung mit dem Kultusministerium eine Blutuntersuchung durch den Betriebsärztlichen Dienst, beziehungsweise die Kostenübernahme für eine bis dahin bereits erfolgte Blutuntersuchung durch den behandelnden Arzt, angeboten wurde“.

„Die empfindlichsten Gruppen bei PCB-Belastungen sind Kleinkinder, Schwangere, stillende Mütter, Frauen und Mädchen, die künftig schwanger werden könnten“, schreibt Jörg Sanzenbacher. Weder der Gemeinderat, die Stadtverwaltung noch das Regierungspräsidium habe sich in dieser Sache an die Seite der Schülerschaft gestellt. Die Schuldirektorin Brigitte Krömer-Schmeisser kann die Aufregung nicht verstehen: „Wenn jemand lange dem PCB ausgesetzt war, waren das wir Lehrer. Die Untersuchungen haben bei keinem der rund zehn Lehrer, die einen solchen Test gemacht haben, bedenkliche Ergebnisse gebracht.“ Sie wünsche sich jetzt, da die Stadt alles getan habe, um die PCB-Problematik aus der Welt zu schaffen, dass nun wieder Ruhe einkehre: „Das wäre so wichtig für den Schulfrieden.“