Produktion nicht ausgeschlossen Daimler muss mehr als 15 000 Stellen abbauen

Von Yannik Buhl und Anne Guhlich 

Die Krise bei dem Autobauer spitzt sich zu. Trotz einer Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 schließt Personalvorstand Porth betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus.

Bereits im vergangenen Jahr gab es Proteste gegen den Jobabbau in der Automobilindustrie. Foto: Leif Piechowski
Bereits im vergangenen Jahr gab es Proteste gegen den Jobabbau in der Automobilindustrie. Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Der Stuttgarter Autobauer Daimler muss angesichts der Corona-Krise erheblich mehr Stellen streichen als bislang bekannt. Ursprünglich hatte der Konzern geplant, dass über Personalmaßnahmen 1,4 Milliarden Euro eingespart werden sollen. „Durch die Corona-Pandemie wird die Zahl erheblich größer ausfallen müssen“, sagte Wilfried Porth, der Personalvorstand des Daimler-Konzerns, unserer Zeitung.

Hier geht es zu unserem Interview mit Wilfried Porth: „Kündigungen sind nicht ausgeschlossen“ (Plus)

Bislang erfolgt der Stellenabbau bei Daimler über freiwillige Maßnahmen wie Abfindungen, Altersteilzeit oder Frühpensionierung. Nun kündigte Porth erstmals an, dass auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen werden können. Das ist brisant, da bei Daimler eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 gilt, die aus Sicht des Betriebsrats betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Laut Porth müssten mehr als 15 000 Menschen auf freiwilliger Basis ausscheiden, damit betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden können. Bislang liegen rund 700 unterschriebene Verträge über Frühpensionierung, Altersteilzeit und freiwillige Ausscheidungen vor. Intensive Trennungsgespräche laufen allerdings erst seit Anfang Juli.

Auch Schichtzulagen sollen fallen

„Die Betriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung beschreibt den Weg, den die Sozialpartner miteinander gehen, um das gemeinsame Ziel der Beschäftigungssicherung zu erreichen“, sagte Porth. In der Vereinbarung stehe aber auch, dass sich die Parteien erneut zusammensetzen müssen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Derzeit verhandelt Daimler mit der Arbeitnehmervertretung über Sparmaßnahmen, die betriebsbedingte Kündigungen kompensieren können. Gelingt es nicht, dass sich die Parteien einigen, kommt es zu betriebsbedingten Kündigungen. „Aber die Bereitschaft der Arbeitnehmervertretung, signifikante Sparbeiträge zuzugestehen, ist derzeit leider nicht besonders ausgeprägt“, monierte Porth. „Um unser gemeinsames Ziel der Vermeidung von betriebsbedingten Kündigungen weiterhin verfolgen zu können, brauchen wir deutlich mehr Entgegenkommen des Betriebsrats.“

Zur Diskussion stehen laut Porth tarifliche Vereinbarungen wie Pausenregelungen oder Spätschichtzulagen ab 14 Uhr. „Das sind alles historische Leistungen, die zum Zeitpunkt ihrer Aushandlung richtig gewesen sein mögen. Aber sie passen nicht mehr in die heutige Zeit und die heutige Kostenstruktur.“ Die Parteien redeten außerdem über den sogenannten T-Zug, der jedem anspruchsberechtigten Mitarbeiter acht zusätzliche Urlaubstage gewährt – unter anderem zur Betreuung kleiner Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger. „Auch eine temporäre oder längerfristige Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich ist im Gespräch“, sagte Porth. „Natürlich kann man auch über Weihnachts- und Urlaubsgeld sprechen.“

„Zu viele Mitarbeiter an Bord“

Bislang konzentrieren sich die Personalsparmaßnahmen von Daimler in erster Linie auf Verwaltungsbereiche des Konzerns. Nun kündigte Porth erstmals an, dass es auch zu einem Arbeitsplatzabbau in Produktionsbereichen kommen kann. „Wir haben einzelne Werke, in denen wir derzeit in der Produktion zu viele Mitarbeiter an Bord haben“, sagte Porth. „Es kann also sein, dass wir nun auch in einzelnen Produktionsbereichen Abfindungen anbieten werden.“ Betroffen seien etwa die Werke Untertürkheim, Berlin und Standorte einiger Tochtergesellschaften.

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