Pflegenotstand in der Region Stuttgart Schwester Tanja trifft Minister Spahn

Die Briefe der Krankenpflegerin nach Berlin hatten Erfolg: Der Gesundheitsminister kommt zu Besuch ins Sindelfinger Krankenhaus und will mit Tanja Pardela über die Situation in den Kliniken und der Beschäftigten reden.

Einfühlsam bei den Patienten, aber fordernd gegenüber Politikern: die Krankenschwester Tanja Pardela kämpft für bessere Pflege. Foto: factum/Granville
Einfühlsam bei den Patienten, aber fordernd gegenüber Politikern: die Krankenschwester Tanja Pardela kämpft für bessere Pflege. Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Hartnäckigkeit gehört zu den Stärken von Tanja Pardelas. Jetzt hat sich diese ausgezahlt. Nicht locker hat die 46-Jährige gelassen, mehrfach ausführliche E-Mails nach Berlin geschickt, direkt an den Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die Misere der Pflege ist Pardelas großes Thema. Jetzt hatte sie Erfolg: Der Minister hat seinen Besuch in Sindelfingen angekündigt und ausdrücklich um ein Gespräch mit Schwester Tanja gebeten.

Tanja Pardela ist mit Leib und Seele Krankenschwester. Seit 25 Jahren pflegt sie kranke Menschen. Ihr Engagement ist ungebrochen. Das ist selten in einem Berufsfeld­, in dem viele Mitarbeiter nach wenigen Jahren in Teilzeit gehen oder sogar ganz aufhören. Pardela arbeitet noch immer Vollzeit, bis vergangenen Dezember als Stationsleitung der Sindelfinger Kardiologie, nun bildet sie als Lehrerin an der klinikeigenen Akademie den Nachwuchs aus.

Nachts ist eine Pflegekraft für 26 Patienten verantwortlich

Im vergangenen Herbst platzte ihr der Kragen: wegen der aus ihrer Sicht unhaltbaren Zustände in deutschen Krankenhäusern. „Mir wird schlecht, wenn von Politikern im Fernsehen immer betont wird, wie reich Deutschland ist. Wo ist dann das Geld für eine vernünftige Pflege?“, schrieb Tanja Pardela an Jens Spahn. Sie schilderte ihm ihren Arbeitsalltag als Leiterin der drei Stationen der Sindelfinger Kardiologie. „Zwei Kräfte für 26 Patienten, mindestens die Hälfte davon braucht Hilfe beim Waschen, Aufstehen, Essen. Nachts gibt es nur eine Pflegekraft für 26 Patienten.“

Tanja Pardela weiß, dass es in Krankenhäusern auch ganz anders zugehen kann als in der Sindelfinger Klinik, die sich von anderen deutschen Krankenhäusern kaum unterscheidet. Zehn Jahre hat die 46-Jährige in England gearbeitet. Das englische Gesundheitssystem hat einen schlechten Ruf. Doch Pardela hat andere Erfahrungen gemacht: „In England ist eine Pflegekraft für sechs bis acht Patienten zuständig, in Deutschland für doppelt so viele. Ich war geschockt, als ich vor einem Jahr aus England zurückgekehrt bin. Seit meiner Ausbildung ist es in Deutschland in der Pflege noch schlechter geworden.“

Deutschland liegt im internationalen Vergleich weit hinten

Diese zunächst subjektive Einschätzung kann ihre Chefin Elvira Schneider, die Pflege­direktorin des Klinikverbunds Südwest, mit Zahlen des Bundesverbands Pflege­management untermauern. Zwischen 1995 und 2015 sei die Zahl der Pflegekräfte in deutschen Kliniken um 8,5 Prozent zurückgegangen, gleichzeitig aber seien die Fallzahlen um rund 20 Prozent gestiegen. Die Folge: Stress und Hektik für die Pflegekräfte, Fließbandabfertigung für die Patienten. Und Elvira Schneider fügt an: „Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Pflegeschlüssel auf dem vorletzten Platz.“

Doch nun soll ja alles besser werden. Minister­ Spahn hat ein Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals auf den Weg gebracht. Dieses soll den Kliniken mehr Personal bescheren. Künftig sind bestimmte Untergrenzen an Pflegekräften festgeschrieben. Doch genau dieses Gesetz ist es, das Pardela auf die Barrikaden treibt. „Ein Witz“ sei das. „Statt bisher zwölf betreue ich künftig nur noch elf Patienten.“ So könne man keine neuen Mitarbeiter gewinnen.

Tanja Pardela verkürzt für den Minister ihren Urlaub

Der Gesundheitsminister nimmt die Kritik von Tanja Pardela offenbar ernst. Eine Einladung des Böblinger CDU-Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz zu einem Besuch im Landkreis verband er mit der ausdrücklichen Bitte, ein Gespräch mit Tanja Pardela zu führen. Diese ist durchaus beeindruckt von dem Politiker. „Das hatte ich nicht erwartet. Sicher­ schreiben Herrn Spahn viele Leute. Dass er nun mit mir reden möchte, zeigt, dass er wirklich etwas verändern möchte“, sagt sie. Was sie dem CDU-Mann genau sagen will, daran­ feilt die 46-Jährige noch. Gut findet sie, dass Spahn überhaupt begonnen hat, mehr Personal für die Kliniken vorzuschreiben. „Aber sein Personalschlüssel ist nur ein Anfang, da muss noch viel mehr passieren.“

Für Mittwoch, den 27. März, ist der Besuch geplant. Eigentlich wäre Pardela da in London im Urlaub. Extra für den Termin mit Spahn fliegt sie nun früher zurück. Und sie will nicht alleine kommen. Nach dem Zweier-Gespräch mit Spahn plant Marc Biadacz eine öffentliche Veranstaltung mit dem Minister­. Dazu hat Pardela auch ihre Krankenpflegeschülerinnen und -schüler eingeladen. „Wie könnten sie besser etwas über Berufspolitik lernen als bei einem Termin mit dem Gesundheitsminister?“