Kranken- und Altenpflege im Südwesten Nothilfe für pflegebedürftigen Berufsstand

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Hoher Zeitdruck, harte körperliche Arbeit, psychologische Herausforderungen, zu wenig Kollegenhilfe – die Umstände in der Kranken- und Altenpflege führen zu zahlreichen Krankheitsausfällen des Personals. Ein Modellprojekt im Südwesten soll etwas Linderung verschaffen.

Vor allem die Altenpflege findet unter schwierigen Arbeitsbedingungen statt. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Vor allem die Altenpflege findet unter schwierigen Arbeitsbedingungen statt. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Stuttgart - Zwar wundert sich Verdi, dass keine Personalvertreter beteiligt wurden – dennoch lobt die Gewerkschaft ein bundesweit einmaliges Projekt zur Gesundheit der Pflegekräfte im Südwesten. „Wir begrüßen den Versuch, das Personal unter den schwierigen Bedingungen zu schützen“, sagte Landesfachbereichsleiterin Irene Gölz unserer Zeitung. Offenkundig hätten die Bündnispartner in den vergangenen Jahren dazugelernt – etwa „dass ein betriebliches Gesundheitsmanagement nur ein Mosaikstein der dringend notwendigen Entlastung sein kann“.

Gemeint ist „Genuss“, das Gesundheitsnetzwerk für Unternehmen der Sozialwirtschaft: Damit wollen Landesregierung, Diakonie, Berufsgenossenschaft und AOK zunächst 30 kleine bis mittlere Pflegedienste und -einrichtungen dabei unterstützen, ein passgenaues betriebliches Gesundheitsmanagement einzuführen.

Besonders Altenpflege macht krank

Gemessen an anderen Berufszweigen, gibt es in der Pflege so viele Arbeitsausfälle wie sonst kaum. Nach AOK-Angaben auf Basis eigener bundesweiter Versichertendaten liegt der Krankenstand mit 7,4 Prozent deutlich über dem Gesamtwert aller Berufe (5,3 Prozent). „Pflegerinnen und Pfleger sind viel länger oder häufiger krank als der Durchschnitt der Arbeitnehmer“, sagt der AOK-Vorstandschef im Land, Johannes Bauernfeind.

Besonders die Altenpflege macht krank: Nach Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz klagen die Beschäftigten vor allem über Arbeit im Stehen sowie über das Heben schwerer Lasten, also der Pflegebedürftigen. Dies alles findet unter hohem Zeitdruck statt bei ständigen Unterbrechungen durch andere Aufgaben. In der Folge haben die Beschäftigten viel häufiger psychosomatische Beschwerden und Muskel-Skelett-Probleme als in anderen Berufen. Jeder Dritte sieht sich an der Grenze der Leistungsfähigkeit angekommen. Der Stress gefährdet zudem das kollegiale Mitein­ander, weil die hohe Unzufriedenheit zur Entsolidarisierung der Belegschaft führt.

Kleine und mittlere Einrichtungen im Fokus

Vor allem aber mindern diese Umstände die Attraktivität des Berufs deutlich, weshalb den Unternehmen der Sozialwirtschaft allein in Baden-Württemberg etwa 30 000 Fachkräfte fehlen, wie André Peters, Vorstandsmitglied der Diakonie in Baden, feststellt. Das gehe so weit, dass mangels Personal in neu errichteten Häusern einzelne Wohnbereiche nicht eröffnet werden könnten.

„Das Grundproblem, der Fachkräftemangel, wird durch besseres Gesundheitsmanagement sicher nicht gelöst“, warnt Irene Gölz. Sie verweist auf jüngste „deutliche wissenschaftliche Hinweise, dass da umgehend etwas passieren muss“. Nach einer Vereinbarung mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Pflegerat werden für eine bedarfsgerechte Personalbemessung in der Krankenpflege bundesweit 40 000 bis 80 000 weitere Stellen benötigt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Prüfung des Instruments signalisiert. In der stationären Altenpflege fehlen nach einem neuen Personalbemessungsverfahren, im Auftrag des Gesundheitsministers entwickelt vom Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang, 120 000 Stellen. Diese kämen zu den unbesetzten Plätzen noch hinzu.

Gut geführte Betriebe hätten keinen Fachkräftemangel, sagt Peters. Gerade im Südwesten, wo die Tarifbindung „extrem hoch“ sei, sei auch der Lohn kein zentraler Faktor. Vielmehr käme es auf die Arbeitsbedingungen an. „Selbstsorge statt Selbstausbeutung“ müsse die Devise lauten.