Picasso und die Schönheit Stören Achselhaare die Kunst?

Rund 1000 „haarige“ Einsendungen erhielt die Kunsthalle Bremen auf die Frage nach Fotos und Geschichten zum Thema Körperbehaarung. Foto: dpa/Sina Schuldt
Rund 1000 „haarige“ Einsendungen erhielt die Kunsthalle Bremen auf die Frage nach Fotos und Geschichten zum Thema Körperbehaarung. Foto: dpa/Sina Schuldt

Die Kunsthalle Bremen denkt vor einer Picasso-Ausstellung über Schönheitsideale nach und sucht nach Fotos und Geschichten zum Thema Körperbehaarung. Wie wichtig sind Haare für unsere Identität?

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Bremen - Pablo Picasso malte Achsel- und Schamhaare. Für den weltberühmten Künstler gab es keinen Grund, sie nicht zu zeigen. Mit deutlichen Pinselstrichen markierte er intime Stellen und lenkte so den Blick darauf. „Picasso ist bekannt für seine erotischen Darstellungen“, sagt die Sprecherin der Kunsthalle Bremen, Jasmin Mickein.

„Damals war es nicht üblich, sich gewisse Körperstellen zu rasieren.“ Auch lichtes Kopf- oder Barthaar ist auf den Bildern des spanischen Künstlers (1881-1973) zu sehen. Heute seien solche Haarthemen oft mit Gefühlen von Scham oder Peinlichkeit besetzt, so die Initiatorin eines Aufrufs für „Haarige Geschichten“ im Vorfeld einer Picasso-Ausstellung.

Mobbing wegen zu vieler Haare?

Das Museum bat um Fotos von Körperbehaarung und die dazu gehörenden Geschichten. Bis Ende Januar konnten Menschen ihre Bilder digital einreichen, eine Auswahl soll in der Kunsthalle gezeigt werden. Ziel der Aktion ist es, Schönheitsnormen zu hinterfragen. „In der Kunst wird deutlich, dass der Umgang mit Haaren sehr unterschiedlich war“, sagt Mickein. Dies zeige, dass es keine Norm gebe. „Es ist von der Epoche abhängig, wie mit Haaren umgegangen wird.“ Wie unterschiedlich Haare sind und was Menschen alles damit verbinden, zeigen die Einsendungen. Mehr als 1000 Fotos wurden an das Museum geschickt.

„Es ist sowohl der Opa mit Haaren auf dem Bauch als auch die erwachsene Frau, die erzählt, dass sie als Kind für ihre Körperbehaarung gehänselt wurde“, erzählt Mickein. Auch Haare, die dank Corona wuchern dürfen, eine krankheitsbedingte Glatze, Bärte und lange Nasenhaare sind demnach Themen. Schönheitsideale, wie viele Haare an welcher Stelle gut sind, werden demnach von vielen als Druck empfunden. Für viele seien Haare ein starker Teil ihrer Identität.

Teil der Identität

Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert verweist auf die Aussagekraft von Haaren. „Sie markieren Sinngehalte, über die der erste Eindruck vom Gegenüber entsteht“, erklärt er. „Von daher verwundert es nicht, dass Haare einem Gestaltungsgebot unterliegen.“ Ihm zufolge hat jeder Mensch ein Selbstideal. „Man steht morgens vorm Spiegel, und selbst diejenigen, die sich nicht kämmen, die Haare nicht sortieren, artikulieren mit dieser Entscheidung ein Verhältnis zu anderen – und darüber auch zu sich selbst“, so der Professor. Ihm zufolge kommunizieren Menschen in der Frisur einen weichenstellenden Aspekt ihrer Persönlichkeit. Dabei spielten Schönheitsideale eine Rolle.

Schlangen vorm Friseur

Wie wichtig Menschen ihre Haare sind, zeigt sich auch in der Corona-Krise. Vor dem bundesweiten Lockdown Mitte Dezember hatten die Friseurgeschäfte nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks extrem viele Nachfragen. Vor vielen Salons bildeten sich lange Schlangen, einige Friseurinnen und Friseure arbeiteten bis Mitternacht. Nun suchen viele Rat im Internet - dort gibt es reihenweise Tipps, wie man sich selbst die Haare schneiden kann. Unter dem Hashtag #coronahaircuts (Deutsch: Coronahaarschnitte) zeigen Frauen und Männer ihre Erfolge und Misserfolge.

Haare sind beliebtes Ausstellungsmotiv

Die Bedeutung von Haaren wird sich durch die Pandemie aus Sicht des Wissenschaftlers Allert nicht verändern. „Wir haben es bei dem Umgang mit der Frisur und der Körperbehaarung mit elementaren Formen des Selbstverhältnisses zu tun, die durch Krisensituationen wie Corona nicht zu erschüttern sind.“

In Museen spielen Haare immer wieder eine Rolle. So zeigte das Wien Museum in den Jahren 2018/2019 die Ausstellung „Mit Haut und Haar“, das Pariser Völkerkundemuseum thematisierte die Geschichte der Haarkunst in den Jahren 2012/2013 mit der Ausstellung „Cheveux Cheris“ (Deutsch: Liebe Haare). Die Bremer Kunsthalle widmet sich dem Thema nun auf eine andere Art und setzt in einer Zeit, in der alle Museen geschlossen sind, auf die Mitmachlust der Menschen.

Druckgrafik im Fokus

In der Schau „Die Picasso-Connection. Der Künstler und sein Bremer Galerist“ spielen Haare auf den ersten Blick keine zentrale Rolle. Im Fokus steht vielmehr das druckgrafische Werk von Pablo Picasso - die Bremer Kunsthalle besitzt davon nach eigenen Angaben eine der bedeutendsten Sammlungen. Gleichwohl bietet die Ausstellung, die wegen des Lockdowns bislang nicht eröffnet werden konnte, aus Sicht des Hauses Anlass, über Schönheitsnormen nachzudenken. „Wir versuchen, die Relevanz von Kunst über Alltagsthemen deutlich zu machen“, erklärt Mickein. Gut möglich, dass Besucherinnen und Besucher die Picasso-Werke aus verschiedenen Perspektiven sehen werden - und erstmals auf Achsel- und Schamhaare achten.




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