Plattform 11 als Publikumsmagnet Stuttgart hat einen neuen Hotspot der jungen Kunst

Von Uwe Bogen 

Die goldene Micky Maus geht über Mausefallen, eine nackte Schwangere trägt Helm, der „Bücherknast“ ist rund: Frech und witzig lockt das junge Kunstkollektiv Plattform 11 ins altehrwürdige Auktionshaus Nagel. Ein junges Publikum strömt.

Tim Bengel vor seinem Werk im Auktionshaus Nagel: In runder Form   hängt die Stuttgarter Stadtbibliothek mit Sand und Gold mitten im Ausstellungsraum. Foto: Andreas Engelhard 8 Bilder
Tim Bengel vor seinem Werk im Auktionshaus Nagel: In runder Form hängt die Stuttgarter Stadtbibliothek mit Sand und Gold mitten im Ausstellungsraum. Foto: Andreas Engelhard

Stuttgart - Das 1922 gegründete Auktionshaus Nagel mit Hauptsitz an der Neckarstraße in Stuttgart gehört zu den führenden Adressen für asiatische Kunst in Europa. Vor einem halben Jahr gab’s einen Rekord in der Firmengeschichte. Für eine chinesische Vase aus dem 18. Jahrhundert hat das Unternehmen in Innsbruck 7,3 Millionen Euro erzielt – der Schätzwert lag bei 50 000 Euro. Der Hinweis, das kostbare Stück mit Drachen- und Blumenmotiven sei mal im kaiserlichen Besitz gewesen, versetzte chinesische Sammler in Schnappatmung. Das Bieterduell endete spektakulär. Was auf dem Kunstmarkt möglich ist, weiß man bei Nagel zu gut.

Die Preise schießen ins Fantastische. Kunst gilt als Statussymbol – und bringt Rendite. Tricks und Ideen steigern den Marktwert, Können und Qualität allein nicht immer. Das Auktionshaus Nagel hat das junge Kunstkollektiv Plattform 11 (die Ziffer 11 ist der Vorwahl 07 11 entnommen) zu sich geholt und beweist: Gegenwartskunst ist ein Publikumsmagnet. Die Schau, die gerade das junge Stuttgart in Scharen lockt (am nächsten Samstag ist von 12 bis 17 Uhr Open House), ist ein Lehrstück, um die Mechanismen des Markts zu verstehen. Grundregel Nummer eins: Kunst ist so viel wert, wie dafür bezahlt wird.

Tim Bengel weiß, wie man die sozialen Medien rockt

Der 27-jährige Tim Bengel , dem mit Gold, Sand und Klebstoff der Durchbruch gelungen ist, hat früh erkannt, dass Kunst nicht durch Kopieren und Nachmachen entsteht, sondern durch das Schaffen von Neuem. Sein Werk von der Stuttgarter Stadtbibliothek hängt in runder Form im Ausstellungsraum. 45 000 Euro soll es kosten. In derselben Schau gibt’s ein Werk für 70 Euro – eines mit rotem Punkt. Bengels „Bücherknast“ ist noch punktlos.

Wie man rote Punkte macht? Bengel hat junge Talente um sich geschart. Eine Künstlerin hat eine nackte Schwangere fotografiert, die einen Helm trägt. Heftig wird bei Nagel darüber diskutiert. Kritisches ist zu hören. Viel schlimmer dran sind Werke, über die man gar nicht spricht. Das Kollektiv hieß zunächst Kunscht. Daraus ist die Plattform 11 geworden, um sich aus dem Regionalen zu befreien. „Unsere Vision ist, Stuttgart auf der Landkarte der zeitgenössischen Kunst sichtbar zu machen“, sagt Bengel.

Der 27-Jährige weiß, wie man die sozialen Medien rockt. Sponsoren gefällt das. „Würde ich eine Ausstellung in Stuttgart alleine machen, müsste ich 6000 Euro zahlen“, sagt der Künstler Wolfram Bier, der bei Boss arbeitet. Bei der Plattform 11 übernehmen Mäzene die Kosten. Ein Kollektiv mit einem Star der Kunstszene zieht die Massen an. Rainer Kämmerer, der Sprecher von Nagel, freut sich, dass ein junges Publikum in das Traditionshaus strömt. Das ist wichtig für die Zukunft.

Russische Propaganda und US-Pop-Art vermischen sich

Rote Punkte hängen an den Werken des 30-jährigen Künstlers Georg Barinov, der als Unfallchirurg im Marienhospital arbeitet. Mit sechs Jahren zog er mit seiner Mutter aus St. Petersburg nach Stuttgart. In seinen Arbeiten vermischen sich russische Propaganda und US-Pop-Art auf ironische, freche Art. Die Micky Maus steht für den Westen. Bei Barinov ist sie goldenfarben und geht über Mausefallen. Will uns das Werk sagen, dass die angebliche Freiheit des Kapitalismus bedroht ist und die Falle irgendwann zuschnappt?

Oder meint der Künstler was ganz anderes? Wer glaubt, Kunst gibt nur eine Richtung vor, unterschätzt sie. Die Plattform 11 macht Spaß – auch allen, die von Kunst nichts oder noch nichts verstehen.

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