Pluto-Vorbeiflug Ein Herz für den Zwergplaneten

Der Pluto, aufgenommen am Montag aus einer Entfernung von rund einer Million Kilometern. Gut zu erkennen ist eine weiße herzförmige Fläche südlich des Äquators. Foto: Nasa
Der Pluto, aufgenommen am Montag aus einer Entfernung von rund einer Million Kilometern. Gut zu erkennen ist eine weiße herzförmige Fläche südlich des Äquators. Foto: Nasa

Die Nasa-Sonde „New Horizons“ ist am Dienstag mit Karacho am Pluto vorbeigerast. Es ist der erste Besuch bei dem Zwergplaneten am Rande des Sonnensystems. Nun warten die Forscher gespannt auf die ersten Daten. Gut zu sehen ist ein weißes Herz auf der rötlichen Oberfläche.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Schwups – mit rund 50 000 Stundenkilometern ist die US-Raumsonde New Horizons am Dienstag um 13.49 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit am Pluto vorbeigerast – viel schneller als eine Gewehrkugel. In den USA feierten Hunderte Forscher den Moment. Zur Musik der Band Europe, „Final Countdown“, zählten sie die letzten Sekunden herunter, jubelten und schwenkten amerikanische Flaggen. „Wir haben die Ersterkundung des Sonnensystems abgeschlossen“, sagte der wissenschaftliche Leiter der Mission, Alan Stern, auf dem TV-Kanal der Raumfahrtagentur Nasa. Für ihn scheint der Zwergplanet Pluto immer noch einer der ursprünglich neun Planeten zu sein – der letzte, der nun von einer Raumsonde besucht worden ist.

Die Wissenschaftler hatten einige Stunden zuvor die letzten Kommandos an die Raumsonde geschickt, die alle Messungen automatisch vornehmen muss. Weil ein Funksignal 4,5 Stunden für eine Strecke benötigt, ist es nicht möglich, von der Erde aus einzugreifen. Die Forscher und die Piloten der Sonde können am Dienstagmittag nichts mehr tun. Nachdem die Sonde im Abstand von nur 12 500 Kilometern am Pluto vorbeigeflogen ist, soll sie sich umdrehen, um ihn und seinen größten Mond Charon im Gegenlicht der Sonne zu beobachten. Wenn sich zum Beispiel um 14.51 Uhr der Pluto aus Sicht der Sonde vor die Sonne schiebt, ist es möglich, das Sonnenlicht zu analysieren, das durch dessen dünne Atmosphäre strahlt. Diese Messung dürfte mehr über die chemische Zusammensetzung der Plutoluft verraten.

Erst in der Nacht zum Mittwoch soll die Sonde ihre große Antenne zur Erde richten und die ersten Signale zur Erde funken. Die Bestätigung, dass alle Systeme funktioniert haben und die Sonde nicht von einem Gesteinsbrocken getroffen worden ist, wird für Mittwochmorgen 2.53 Uhr erwartet. Alan Stern schätzt aufgrund von Computersimulationen, dass das Risiko des Scheiterns bei 1 zu 5000 liegt. „Ich glaube nicht, dass wir das Raumschiff verlieren werden“, sagt er. Den anvisierten Punkt für den Beginn des Vorbeiflugs habe man übrigens auf 70 Kilometer genau getroffen.

Auf der Pluto-Oberfläche tut sich einiges

Für Mittwochabend sind dann die ersten Nahaufnahmen des Pluto angekündigt. Werden sie Geysire oder Krater, Wolken oder Staubringe um den Planeten zeigen? Die beiden Kameras der Sonde müssten eine Auflösung von bis zu 35 Metern erlauben. Weil nur 1024 Bit pro Sekunde übertragen werden können, wird es mehr als ein Jahr dauern, um alle Messdaten und Fotos des Vorbeiflugs herunterzuladen.

Auf einer Pressekonferenz präsentierten die Nasa-Forscher am Dienstag ein Foto, das sie am Montag geschossen haben, als New Horizons noch rund eine Million Kilometer vom Pluto entfernt war. Es zeigt auf der Südhalbkugel eine weiße Fläche, die an ein Herz erinnert. Die Auflösung liege bei etwa vier Kilometern pro Bildpunkt, sagt Alan Stern. Genauer will er das Bild zunächst nicht interpretieren. „Als Wissenschaftler will ich erst die dazugehörigen Daten sehen“, sagt er. Ob zum Beispiel die weißen Flächen eisbedeckte und damit besonders kalte Regionen sind, könne er noch nicht sagen. Ebenso ist offen, worauf die Variationen der rotbraunen Töne auf der Oberfläche hinweisen. In jedem Fall sei das, was man sehe, das Ergebnis von Veränderungsprozessen auf dem Pluto, sagt Stern. Auch dort schneie es zum Beispiel, vielleicht gebe es auch Bewegungen im Untergrund. Die Oberfläche sehe jünger aus als die des Mondes Charon.

Die Nahaufnahmen, die New Horizons demnächst zur Erde funken wird, werden für mindestens 20 oder 30 Jahre die einzigen vom Pluto und dessen großem Mond Charon bleiben. Sie zeigen jeweils nur eine Hälfte der Himmelskörper, weil für genauere Beobachtungen keine Zeit bleibt. Schon am Mittwoch wird die Sonde wieder eine Million Kilometer entfernt sein. Sie dringt dann in den Kuipergürtel ein, eine ringförmige Wolke kleiner Eis- und Gesteinsbrocken, die das Sonnensystem umgibt. Man hatte New Horizons auf ihr großes Tempo beschleunigt, damit die Reise zum Rand des Sonnensystems nicht allzu lange dauert. Die Sonde hat auch so gut neun Jahre für die fünf Milliarden Kilometer gebraucht. Hätte man ihr mehr Treibstoff mitgegeben, hätte sie am Pluto abbremsen, vielleicht sogar in eine Umlaufbahn einschwenken können. Aber es hätte sehr viel Treibstoff sein müssen – und dann hätte man sie mit den üblichen Raketen nicht mehr auf ihre aktuelle Geschwindigkeit bringen können. Und so endet das Zeitalter der Ersterkundungen im Sonnensystem mit einem Wimpernschlag.

Es gibt schon Pläne für die nächste Pluto-Mission

Doch auf die scherzhafte Frage eines Journalisten, wann er denn das nächste Mal zum Pluto fliege, antwortet Alan Stern ohne Ironie: „Ich arbeite schon im Geheimen an einer Landemission.“ Der Pluto sei wissenschaftlich interessant genug, um sie zu wagen. Es gebe auch schon gute Konzepte. Aber zunächst müsse man die Daten von New Horizons auswerten – das werde einige Jahre dauern, sagt Stern. Erst dann wisse man, welche Fragen offen geblieben sind, und mit welchen Instrumenten man die nächste Sonde zum Rand des Sonnensystems schicken könnte.

In den kommenden Jahren planen die Raumfahrtagenturen Nasa und Esa zunächst einmal weitere Missionen zum Mars. 2016 und 2017 sollen zudem Sonden zum Jupiter und zum Merkur auf den Weg gebracht werden. Die nächsten Expeditionen in völlig unbekanntes Terrain werden mindestens 10 oder 15 Jahre auf sich warten lassen, sofern alle Mittel dafür rechtzeitig bewilligt werden: Das Ziel sind die Jupitermonde, vor allem der Mond Europa, der unter einem dicken Eispanzer einen Ozean beherbergt.

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