Porsche-Produktionschef im Interview „Fahrverbote sind kein Allheilmittel“

Von Anne Guhlich 

Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche arbeitet an seiner ersten Autofabrik, die CO2-neutral produziert, sagt Albrecht Reimold im Interview. Bis zum Ende des Jahrzehnts will er das Ziel erreichen.

Porsche-Produktionschef Albrecht Reimold fährt bei Feinstaubalarm manchmal mit der S-Bahn zur Arbeit. Foto: Porsche
Porsche-Produktionschef Albrecht Reimold fährt bei Feinstaubalarm manchmal mit der S-Bahn zur Arbeit. Foto: Porsche
Herr Reimold, man hört, Sie fahren bisweilen einen Wagen des US-Elektropioniers Tesla. Was gefällt Ihnen daran?
Selbstverständlich testen wir regelmäßig auch Modelle von anderen Herstellern. Damit muss man sich permanent auseinandersetzen. Mir gefallen der Mut und Pioniergeist von Elon Musk. Das fordert uns. Und Herausforderungen sind immer gut. Normalerweise fahre ich aber einen Panamera oder einen Elfer.
Und mit welchem Auto kommen Sie zur Arbeit, wenn Feinstaubalarm ist?
Da nehme ich schon mal die S-Bahn. Das ist leider nicht immer möglich, da ich oft von Zuffenhausen aus zu Terminen an anderen Orten muss und auf das Auto angewiesen bin.
Was bedeutet es für Porsche, wenn in Stuttgart von 2018 an Fahrverbote gelten?
Fahrverbote sind kein Allheilmittel. Und von einer Pauschalverurteilung des Diesels halte ich auch nichts. Wir bei Porsche haben viele attraktive Angebote eingeführt, um unsere Mitarbeiter zu motivieren, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Besonders bei Feinstaubalarm. So gilt der Mitarbeiterausweis beispielsweise als kostenloser Fahrschein. Im Falle von Fahrverboten müssen wir über die konkrete Ausgestaltung reden. Wir befinden uns gerade mit dem Land und der Stadt in Gesprächen über Strecken, auf denen wir mit Lang-Lkw fahren dürfen. Damit könnten wir 50 Prozent mehr Ladung bei einem um 20 Prozent reduzierten Kohlendioxidausstoß transportieren.
Um welche Strecken geht es da?
Bei der Strecke von Uhingen nach Zuffenhausen haben wir grünes Licht vom Land erhalten. Nun muss die Stadt Stuttgart noch zustimmen. Für uns wären zudem die Strecken von Heilbronn und von Bötzingen nach Zuffenhausen noch interessant.
Werden Sie sich mit einer Absage zufrieden­geben?
Wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen und sind zuversichtlich, das Land vom positiven Beitrag der Lang-Lkw für den Umweltschutz überzeugen zu können.
Gleichzeitig arbeiten Sie an der kohlendioxid- neutralen Fabrik. Brauchen Sie das für Ihr Image, weil man bei einem Sportwagenhersteller nicht als Erstes an den geringen Schadstoffausstoß denkt?
Nein, es gehört zu unseren Grundwerten, dass jeder Mitarbeiter und jeder Manager seine Arbeit nachhaltig macht. Zu Hause trennt man ja auch Müll und spart Ressourcen. Und so vermeiden wir im Unternehmen alle Formen der Verschwendung. Vergangenes Jahr haben wir allein mehr als eine Million Euro eingespart, weil wir Ideen von Mitarbeitern zum effizienteren Einsatz von Ressourcen umgesetzt haben. Und außerdem haben wir damit etwa 16 Prozent CO2 eingespart. Seit 1. Januar nutzen wir in allen unseren Werken zu 100 Prozent Ökostrom. Das ist zwar geringfügig teurer als konventioneller Strom, ich sehe das aber als eine gesellschaftliche Verpflichtung, die sich langfristig rechnet. Wer CO2-neutral arbeiten will, muss sich aber auch darum kümmern, welche Klimabilanz die verwendeten Materialien haben. Daran arbeiten wir noch.
Bis wann sind Sie so weit?
Mein Ziel ist, dass wir mit dem Start des Mission E eine CO2-neutrale Produktion dieses Fahrzeugs in Zuffenhausen vorweisen können.
Beim Mission E war Ihnen wichtig, dass Sie die Entwicklung wichtiger Komponenten im Haus haben. Darum sollen im neuen Motorenwerk in Zuffenhausen auch E-Motoren gefertigt werden. Wie weit sind Sie?
Im Moment bauen wir Prototypen und ­machen erste Fahrversuche, um pünktlich zum Serienstart die richtige Qualität zu liefern. Eine besondere Herausforderung des E-Motors ist seine Geräuschlosigkeit. Schließlich ist der Klang eines Porsche für viele Menschen auch eine sehr emotionale Angelegenheit.
Sie haben gesagt, dass Sie sich perspektivisch auch vorstellen können, für weitere elektrifizierte Modelle von Porsche die Motoren zuzukaufen. Von wem könnten Sie diese beziehen?
Den Motor für den Mission E wollen wir selbst bauen. Das muss nicht heißen, dass wir das bei allen elektrifizierten Folgemodellen genauso machen. Solche Fragen sind bei uns im Haus das Ergebnis eines ganz sauberen Prozesses, bei dem alle Bereiche beteiligt werden – also etwa Entwicklung, Einkauf, aber natürlich auch die Arbeitnehmerseite. Für uns ist wichtig, dass wir die Komponenten im eigenen Haus haben, in denen die Porsche-Gene stecken. Teile, die uns nicht unverwechselbar machen, können wir auch zukaufen.
Woher könnten Sie die Motoren in Zukunft bekommen?
Das ist Zukunftsmusik und reine Spekulation. Aber es gibt in Deutschland eine gut ausgeprägte Zulieferindustrie. Und vergessen Sie nicht: Wir sind Teil des Volkswagen- Konzerns, zu dem auch einige Komponentenwerke gehören.
Welches sind die Bereiche, in denen die ­Porsche-Gene stecken?
Einen Porsche zeichnen typischerweise seine Antriebspower, sein Fahrwerk und das Design aus. Ich bin überzeugt, dass uns dies auch bei Elektrofahrzeugen gelingt.
Können Sie die Menschen verstehen, die sagen: Wenn die Hauptkomponenten eines automatisierten E-Fahrzeugs irgendwann Software, Batterien und der E-Antrieb sind, wird die Zahl der Jobs in der Industrie sinken?
Ich kann nur für Porsche sprechen. Und da glaube ich nicht, dass die Zahl der Arbeitsplätze abnehmen wird. Aber die Jobs werden sich verändern. Porsche schafft bis 2020 insgesamt 1200 neue Stellen allein am Stammsitz in Zuffenhausen. Unsere Fertigungstiefe liegt zwischen 20 und 25 Prozent. Das soll auch so bleiben; wir wollen unsere Fixkosten im Griff behalten. Wir hoffen zwar, dass sich die Märkte weiterhin so gut entwickeln, aber es kann hier und da durchaus auch Einschläge geben, die uns vor Herausforderungen stellen. Dann können hohe Fixkosten zum Problem werden.
Der Präsident der USA ist solch eine Herausforderung: Welche Möglichkeiten sieht ein Produktionschef, wenn ein Land erwägt, einen Strafzoll von 35 Prozent zu erheben für Autos, die nicht dort gefertigt werden?
Jetzt warten wir mal ab. Unseren Kunden ist es sehr wichtig, dass ihre Autos aus Deutschland und Mitteleuropa kommen. Aber rein theoretisch gibt es natürlich einige Möglichkeiten. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, dass Teilmontagen im Zielland stattfinden. Das ist schnell und relativ kostengünstig umzusetzen. Wie komplett das Auto zum Zeitpunkt der Einfuhr ist, hängt von der Gesetzgebung im Zielland ab. Derzeit stellt sich diese Frage aber für uns nicht.
Das heißt, Sie sind nicht alarmiert aufgrund der Signale, die aus den USA kommen?
Wir beobachten sehr genau, was in der Welt passiert. Aber wir verfallen nicht in Panik, sondern werden auf Veränderungen besonnen reagieren.
Auch China könnte herausfordernder werden. Die Regierung dort will ab 2018 eine Elektroquote einführen. Beunruhigt Sie das?
Kaum, Porsche ist darauf vorbereitet, und wir werden die Vorgaben erfüllen. Die Quote bezieht sich ja nicht nur auf Autos mit rein elektrischem Antrieb, sondern schließt Hybridfahrzeuge ein. Wir haben mit unseren Baureihen Panamera und Cayenne mehrere Hybridvarianten im Angebot. Und Ende des Jahrzehnts kommt ja unser Mission E.
Außerdem hat China eine Sondersteuer von zehn Prozent für Luxusautos eingeführt.
2016 sind unsere Auslieferungen in China um zwölf Prozent auf 65 246 Fahrzeuge gestiegen. Ein neuer Rekord. Und schon jetzt ist ein Porsche in China ungefähr doppelt so teuer wie in Deutschland. Wir haben unser Ohr nah am Kunden und loten aus, was gemeinsam machbar ist. Mit dieser Strategie fahren wir ganz gut.