Porträt eines Stuttgarter Extremisten Mit Rad und einem Bein auf Deutschlandtour

Jochen Ade fährt die großen deutschen Flüsse Richtung Norden und zurück. Foto: Privat
Jochen Ade fährt die großen deutschen Flüsse Richtung Norden und zurück. Foto: Privat

Der beinamputierte Stuttgarter Jochen Ade will zeigen, wozu auch Körperbehinderte in der Lage sind. Trotz seiner Probleme an Steigungen gibt der 56-Jährige nicht auf – und hüpft zur Not eben den Berg hoch.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)
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Stuttgart - Dann, auf dem Saale-Radweg Richtung Kulmbach, war erst mal Schluss. Achillessehnenreizung. Drei Tage hat Jochen Ade auf einem Campingplatz vor seinem kleinen Zelt gesessen und sein verbliebenes linkes Bein gepflegt. „Ich kenne meinen Körper gut“, sagt der Stuttgarter. Im Alter von zwölf bekam er die Diagnose Knochenkrebs, das rechte Bein musste abgenommen werden. Der Behindertensport hat ihm geholfen, mit diesem Schlag fertig zu werden. 15 Jahre Leistungsschwimmen, in den Wintermonaten Krücken-Skifahren, und dann vor ungefähr sechs Jahren die Entdeckung der Freiheit, die sich vom Fahrradsattel aus erleben lässt. Jochen Ade ist 56 Jahre alt.

Die Krücken klemmen seitlich in einer Halterung wenn er fährt. Immer ist es eine haklige Sache, bis sein Schuh ins Klickpedal einrastet, denn natürlich muss Jochen Ade mit seinem einen Bein die Kurbel ziehen und treten, um voranzukommen. Das Starten bleibt schwierig. Aus dem Stand stößt er sich vom Boden ab, trippelt irgendwie, um Tempo zu kriegen. Aber es funktioniert. Jedenfalls meistens. In Schrecksituationen, bei abrupten Vollbremsungen wird es kritisch. „Ich hab’ mich oft schon einfach zur Seite geschmissen“, sagt dieser tollkühne Pilot. Sein Fahrrad ist eine Stahlrahmenkonstruktion. „Die kann man zur Not auch schweißen.“ Und seine Schürfwunden sind bisher alle geheilt.

Start am Ursprung der Iller

Mitte Juni ist der 56-Jährige am Iller-Ursprung in Oberstdorf zu einer Deutschlandtour gestartet. Im Allgäu, genauer in Sonthofen, lebt er inzwischen die meiste Zeit des Jahres, weil er mit dem Rad dort schneller in die Natur kommt als vom Stuttgarter Talkessel aus. Er hat sein Geld gezählt und eine viermonatige berufliche Auszeit begonnen. Bis Ende September will er den Weg nach Flensburg und wieder zurück in den Süden geschafft haben, immer die Flusstäler entlang, „weil da nicht so viele Steigungen sind“.

Ade kannte den Saaleradweg durch das Fichtelgebirge nicht, als er startete. Schon auf dem Donauradweg zwischen Donauwörth und Neuburg, wo der Weg das Flusstal verlässt und rund 50 Kilometer über teilweise steile Höhenzüge führt, haben ihn Mit­radler, die es ja immer gibt, manchmal angeschoben. Hinten auf seinem Fahrrad ist ein Ritzel mit 50 Zähnen montiert. „Diesen Notnagel habe ich jetzt schon ein paar Mal gebraucht“, sagt der Stuttgarter. Aber bei sieben, acht Prozent Steigung ist einfach Schluss. Ade steigt dann ab und hüpft auf seinem einen Bein den Berg hinauf. Sein Rad plus Zelt und Ausrüstung wiegt 29 Kilo­gramm. Die Donau gab nur einen Vorgeschmack. Im Fichtelgebirge hat er einfach zu viel hüpfen müssen.

Bei Instagram steigt die Zahl der Follower

Warum die Quälerei? Weil es keine Quälerei ist, sagt 56-Jährige. Weil er täglich neue Kontakte knüpft, sich selber als Menschen erlebt, der auch mit Behinderung zu einer beachtlichen körperlichen Leistung fähig ist. Auf Instagram postet er Fotos und Eindrücke seiner Tour unter dem Stichwort „der1beinradler“. Er wolle nicht nur sich selber, sondern allen Behinderten Mut machen, sagt er. Und später womöglich Vorträge in Rehazentren halten, wenn man ihn lässt, „vor Leuten, die vielleicht gerade ein schweres Schicksal haben“. Sponsoren oder ein Budget hat er nicht, nur Visitenkarten mit einer E-Mail-Adresse. Dazu die Hoffnung, dass sich seine Instagram-Einträge viral verbreiten. Immerhin: die Zahl der Follower des einbeinigen Radfahrers aus Stuttgart wächst kontinuierlich.

Die Reizung der Achillessehne hat sich zum Glück bald wieder gelegt. Letztes Telefonat von diesem Donnerstag: Jochen Ade ist auf dem Elberadweg angekommen, er kann die Nordsee schon riechen. Sieht so aus, als ziehe er seine Sache durch.




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