Portrait von Horst Seehofer Ein Anhänger der Leuchtturmstrategie

Vor dem Reichstag zu Günzburg: Ministerpräsident Horst Seehofer (rechts) mit Legoland-Chef Pedersen und der kleinen Aurelia. Foto: dpa
Vor dem Reichstag zu Günzburg: Ministerpräsident Horst Seehofer (rechts) mit Legoland-Chef Pedersen und der kleinen Aurelia. Foto: dpa

Horst Seehofer gilt zunehmend als Störenfried in der Berliner Koalition. Im Grunde genommen geht die politische Party aber jetzt erst richtig los, denn für die CSU steht Bayern ernsthaft auf dem Spiel. Da hört der Spaß auf.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)

Berlin - Immer dieses Berlin. Immer dieser Reichstag. Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Horst Seehofer ruckelt seine knapp zwei Meter in den Lederslippern zurecht, fährt, wie neuerdings häufiger, einmal hinten quer mit der Hand durchs sich lichtende Haupthaar und nimmt trotzdem Kurs auf den Bau. Es ist ja nur ein Modell, und es hätte schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn sie Teile von Brüssel in Plastik gegossen hätten.

Links und rechts des Weges im Günzburger Legoland streut Seehofer guttural Grüßgottadressen unters Volk, das hierhin massenhaft von sonst woher kommt. Jedenfalls ist die Geschichte kein Parteitag, nichts läuft von selbst. Meistens kommt gar keine Antwort, nachdem sich die Leute einigermaßen zurechtsortiert haben, wer da im dunklen Einreiher, die Hände beidseitig in die Hosentaschen geblockt, an ihnen vorbeizieht. Einmal gar ein Widerwort, Gott betreffend. „Ja, wenn ich ihn sehe“, sagt eine Frau mit sehr rheinischem Tonfall. Seehofer tut vorsichtshalber so, als habe er nichts gehört.

Prinzipiell hat er das Schlimmste aber bereits hinter sich auf einer dieser CSU-Wir-tun-was-für-Sie-Touren durch den Freistaat, die der Ministerpräsident im Hinblick auf die Landtagswahlen im Herbst 2013 immer mal wieder unternimmt. Zum Auftakt in Schwaben nämlich hat ihm vor dem Erlebnispark ein sehr nettes und nicht auf den Mund gefallenes Mädchen ein kleines Blumenbukett überbracht, und es kommt zu einer Situation, die schon größentechnisch ein Problem darstellt. Seehofer müsste sich ein bisschen zusammenfalten, redete dann aber lieber onkelhaft von oben runter. Kinder sind nicht so seine Klientel, und das hat einen einfachen Grund. Man kann ihnen, zumindest bis zu einem gewissen Alter, eigentlich nicht mit Ironie kommen, oder was die meisten Leute dafür halten.

Mischform aus Frotzelei und Nadelstichsetzen

Seehofer wiederum praktiziert ja sehr gerne eine Mischform aus vordergründig gemütlich tuender Frotzelei, Kalauertum und Nadelstichsetzen. Ganz nach Laune und vor allem nach Anlass wird dann weitergebohrt, nachgeschoben oder auch neu angesetzt. Bis es jemandem wehtut, mal weniger, mal mehr.

Anfang dieser Woche hat der Innenminister Hans-Peter Friedrich wieder einmal Letzteres erfahren, als er zur CSU-Vorstandssitzung in der Münchner Nymphenburger Straße erschien. Friedrich hat sich nun wirklich nicht um das Innenministerium gerissen, das ihm weiland Horst Seehofer beim koalitionären Postengeschacher besorgt hatte, ohne ihn groß zu fragen. Gleichwohl bemüht sich der Franke, eine gute Figur zu machen, lässt aber vermissen, zumindest in Seehofers Augen, dass zum Habitus der CSU-Minister auch die Bereitschaft zum Holzen und zur Hinterfotzigkeit gehören sollten. Sagen wir, eine ordentliche Portion Friedrich Zimmermann, unter Helmut Kohl Amtsvorgänger von Friedrich. Zimmermann konnte das: Augen zukneifen und durch.

Hans-Peter Friedrich hingegen erschien am Montag in München mit der gerade vom großen Vorsitzenden coram publico entwerteten Meinung, das in relativer Bierlaune in Berlin verabschiedete Meldegesetz sei „gar nicht so schlecht“. Nicht nur deswegen wäre man im Folgenden doch einmal gerne bei einer CSU-Vorstandssitzung dabei gewesen, denn final hatte ein sichtlich bleicher Minister Friedrich seine Meinung erheblich revidiert. Das Meldegesetz sei in nuce doch „außerordentlich problematisch“, heißt es nun. Noch Fragen? Friedrich durfte sich schleichen, Horst Seehofer den obersten Bürgerdatenschützer geben. Am Abend wird er zur Ruhe gegangen sein mit einem „Herr, es war ein guter Tag für Bayern! (und für mich!)“ auf den Lippen. Was zählen da Menschen, Kollegen, Freunde gar?

„Heute baue ich mehr auf die Breite“

In Günzburg regnet es immer noch, während Seehofer wie Gulliver durch die Miniaturlandschaft marschiert und entschlossen in den Ihr-und-euer-Horst-Freundlichkeitsmodus umschaltet. Baumeister, zumindest auf dem Gebiet der Kellereisenbahn, ist er ja nun mal selber, „und ich habe früher natürlich vor allem in die Spitze gebaut“, sagt Seehofer. Das sei heute allerdings anders. Keiner weiß besser als er, dass jedes hingeplauderte Wort hier hochpolitisch ist: „Heute baue ich mehr auf die Breite“, ergänzt er, und lacht dieses Seehofer-Lachen, auf das alle immer warten: ein bisschen mokant und dabei die eben beschriebene Position im Nachhinein negierend. Seehofer hinterlässt personalpolitisch oft verbrannte Erde, kommunikativ aber auch häufig ein leicht verstörendes Echo: Was war, bitte, jetzt eigentlich noch mal die Botschaft?

Dabei kann man schon wissen, woran man mit ihm ist, und die Baden-Württemberger werden das demnächst ziemlich heftig zu spüren bekommen. Dazu gleich mehr. Vorher muss vielleicht noch festgehalten werden, dass der bayerische Ministerpräsident sein Kabinett unter der Woche an die Kandare genommen hat, um am Tegernsee in St. Quirin den Doppelhaushalt 2013/14 zu fixieren. Wer ihn näher anschaut, muss die wie üblich maßlose Begeisterung des Finanzministers Markus Söder („mit einem Wort: olympisch!“) nicht direkt teilen. Aber dass Bayern im Vorwahlkampfjahr mehr als ordentlich dasteht, ist nicht zu bestreiten. Der Etat steigt um sechs (!) Prozent bis auf 48 Milliarden Euro im Jahr 2014. Das ist, wenn Seehofer hofft, sein erstes richtig legitimiertes Jahr als Ministerpräsident hinter sich zu haben. Nach Günther Beckstein ist er ja ohne Wählervotum gewissermaßen ins Amt gerutscht. Und natürlich wird für den Wahlerfolg gewaltig investiert. Während die Verwaltung, die sich mehr Beamte gewünscht hätte, vergleichsweise darbt, lässt Seehofer das Geld an Schulen ausgeben, wo es tatsächlich am bittersten nötig ist, und für neue Internetanschlüsse. Damit auf dem Land nicht so gemurrt wird. Und dann spart Bayern ja auch – und das nicht zu knapp. Dieses und nächstes Jahr wird jeweils über eine Milliarde Euro getilgt, 2030 werde Bayern schuldenfrei sein, sagt Seehofer, wo er geht und steht.

An diesem Punkt soll eine neue Offensive ansetzen, die man „Operation Brudermord“ nennen könnte, denn sie richtet sich explizit gegen Baden-Württemberg. Zumindest angekündigt hatte sich ja bayerisches Fremdeln, als Seehofer die ehemals Südschiene der beiden Bundesländer direkt nach dem Wahlerfolg der Grünen und der SPD in Stuttgart relativ gesehen aufkündigte. Nun aber wird aus dem Kokettieren mit dem Ende einer Erfolgsfreundschaft eine Kampagne: Sie soll „Bayern macht’s besser!“ heißen und sich mit allen möglichen Werbemitteln darauf konzentrieren, deutlich zu machen, dass BW angeblich zum Versagerland geworden ist: Laut CSU regieren in Stuttgart Schuldenmacher, die Lehrerstellen streichen und letzten Endes das ganze, schöne Musterländle mit dem Radl gegen die Wand fahren werden. Alexander Dobrindt, dessen napoleonisches Selbstbewusstsein in keinerlei Verhältnis zu seiner wirklichen Geistesgröße steht, fasst das als Generalsekretär wie folgt zusammen: Bayern sei „im Top-, Baden-Württemberg im Schockzustand“.

Pedersen ist ein Teamplayer

In Günzburg sind der bayerische Ministerpräsident und seine Entourage unterdessen im Büro von Hans Aksel Pedersen angekommen, der im Günzburger Legoland das Marketing macht. Pedersen ist ein drahtiger Mann und Däne mit guten Manieren. Auch sonst hat er, selbst auf den zweiten Blick, so gar nichts gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten. Später sagt Seehofer für seine Verhältnisse äußerst respektvoll, der Besuch sei außergewöhnlich schon deshalb, weil mal einer gesagt habe, dass „eben nicht alles in Ordnung“ sei.

Dabei beschwert sich Pedersen nicht. Er inszeniert keinen Krawall, instrumentiert keine Leute und demontiert sie auch nicht. Er ist, wie er ist, ein Teamplayer, und alles, was er sagen will, ist, dass die bayerische Staatsregierung zwar ein demokratisch anmutendes Tourismusportal betreiben lässt, wo man aber leider lange und womöglich vergeblich suchen muss, bis man draufkommt, dass in der Nähe von Günzburg – man mag das mögen oder nicht – eine der größten Freizeittraktionen des Freistaats werbetechnisch versteckt wird. Jeder zehnte Tourist, der Bayern besucht, kommt überhaupt nur wegen Legoland.

Seehofer nippt an seiner Cola und sagt: „Das mit dem Portal wollten aber die Abgeordneten so  . . .“, woraufhin seine Ministerialbeamten die Kugelschreiber entsichern. Sie wissen, wann ihrem Chef etwas gefällt, und Pedersen gefällt Seehofer außerordentlich. Vor allem, als der hinzufügt, dass man einen „Leuchtturm auch entsprechend verkaufen“ müsse. Seehofers Rede, Seehofers Mantra: Leuchttürme bauen, Leuchttürme verkaufen. Er will, dass Bayern leuchtet und wird nicht nachlassen, bis das auch in der funzligsten Oberpfalz fast alle glauben. Als er vor dem Reichstag zu Günzburg steht, sagt er: „Wenn es aufs Ganze geht, kommt immer Bayern zuerst.“ Es ist ein Satz, ausgesprochen 2012 und mitten in Europa, der die Seehofer’sche Logik zusammenfasst.

Seehofer als One-Man-Show

Er hat sich da viel abgeschaut. Was die Freund-Feind-Theorie angeht, bei Franz Josef Strauß, der den Widerspruch auslebte, um ihn zu seinem eigenen Vorteil bei Bedarf unterlaufen zu können. In puncto Machtsicherung bleibt das Vorbild Edmund Stoiber, den Seehofer noch grob machiavellistisch verfeinert hat: Vorzugsweise wird rechtzeitig schockgefrostet oder notfalls politisch kaltgestellt, wer ihm gefährlich werden könnte.

„War eigentlich der Zeil mal hier?“, fragt Seehofer süffisant in die Runde hinein. Nein, Martin Zeil, sein Stellvertreter von der FDP und Wirtschaftsminister, war noch nie in Günzburg. Seehofers Gesichtsausdruck wird sprechend: Hätte ich mir denken können.

An Seehofers Seite ist Alfred Sauter, der hier seinen Wahlkreis hat. Sauter sagt „Horst hier“ und „Horst da“, und man merkt ihm eine gewisse Erleichterung an, dass – und wie – Seehofer versucht, Stärke zu vermitteln. Als Stoiber Superminister in Berlin werden wollte und es dann doch nicht wurde, womit, wie man sich womöglich erinnert, die Malaise der CSU als Win-win-Partei einmal losgegangen ist, hat Sauter in der Fraktionssitzung geraunzt: „Edmund, du hast den Bayern ihren Stolz genommen.“ Dann kamen Erwin Huber und Günther Beckstein. Die sind Geschichte. Nun arbeitet Horst Seehofer als One-Man-Show mit allen Mitteln daran (die Betonung liegt auf: mit allen Mitteln), notfalls partienweise auch gegen die CSU zum Status quo ante zurückzukommen: 45 Prozent plus ein bisschen könnten reichen. Entweder also wird er dann, um ein beliebtes Wort von Strauß zu variieren, fast Everybody’s Darling sein. Oder Everybody’s Depp.




Unsere Empfehlung für Sie