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Portugal Madeira: Die Poncha rächt sich süß

Von Wolfgang Molitor aus Funchal 

Wanderungen entlang der Levadas, Korbschlittenfahrt und ein Bummel durch die Hauptstadt Funchal locken die Urlauber auf die Atlantik-Insel.

Schwindelerregender Blick vom nagelneuen Skywalk auf Europas höchster Klippe: Cabo Girao. Foto: Molitor
Schwindelerregender Blick vom nagelneuen Skywalk auf Europas höchster Klippe: Cabo Girao. Foto: Molitor

Funchal - Zuerst nach Monte. Natürlich. Denn Monte ist für Funchal wie das Hofbräuhaus für München. Ein touristischer Anziehungspunkt der Extraklasse. 550 Meter hoch über den Dächern der Hauptstadt Madeiras, eingebettet in subtropische Gärten mit Spalier stehenden Kamelien, schlanken Palmen, verführerisch duftenden Rosenbüschen oder weißem Jasmin, gekrönt von zwei schmucken, schneeweißen Kirchtürmen, geschichtlich durch das Grab des letzten österreichischen Exil-Kaisers Karl von Habsburg geadelt. Madeira und Österreich: Unten in Funchal steckt eine einzelne Rose am Sissi-Denkmal im Casino-Park, das an den langen Genesungsurlaub der lungenkranken Kaiserin auf der Insel im Jahr 1860 erinnert. Noch heute kann man das rosafarbene Haus, die Villa Davies - auch Quinta Vigia genannt - und den Garten betrachten, in dem die junge Herrscherin ihre Zeit auf Madeira verbrachte.

Von der ausladenden Terrasse der ehrwürdigen Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte geht der Blick hinunter zur Hafenbucht und zu den riesigen Kreuzfahrtschiffen. „Bus Nummer 9 fährt in drei Minuten ab“, rufen die Fremdenführerinnen ihre Kreuzfahrer aus aller Welt zur Ordnung, strecken ihre Plastiksonnenblumen gebieterisch in die Höhe, auf dass sich ihre desorientierten Pauschal-Schäfchen artig um sie zu scharen. Denn Monte hat noch mehr zu bieten als ein imposantes Panorama und religiöse Inspiration. Hier oben regieren und kassieren die Carreiros. Strohhut, weißes Hemd, weiße Hose. Um die Ecke vertreibt sich ein gutes Dutzend junger Korbschlittenlenker beim Kartenspiel die Zeit. Sie wissen: Es gibt meistens für alle genug zu tun. „Es kommen ja vor allem im Frühjahr genug mit den Bussen“, sagt Sergio, „und mit der Gondel Teleferico.“ Sergio hat den Job, der in der Familie bleibt, geerbt. Von einem Onkel. 25 Euro pro Person kostet die zwei Kilometer kurze Solo-Abfahrt in dem 70 Kilogramm schweren Carro de Cesto runter nach Livramento. Zu zweit tun es pro Person 15 Euro.

Der Cabo Girão ist die höchste Steilklippe der EU

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Korbschlitten das erste öffentliche Verkehrsmittel auf Madeira - bevor die Briten ihnen den seltsamen Namen Toboggan verpassten und sie zur Touristenattraktion machten. Man hört Sergio keuchen. Er schiebt bergab den Schlitten über den Asphalt, rennt hinter ihm eilig her, lenkt und zieht ihn mit seinem Kumpel an einem Seil sicher über ebene Strecken, drückt hier und dort eingefettete Lappen unter die Kufen, um mehr Schwung zu bekommen. Nach zehn Minuten bremst der junge Mann geschickt ab. Er hat sein Geld verdient. Oben in Monte warten neue Kunden. Das ist Madeira, wie es Millionen ausländische Touristen kennen. Ein Bummel durch die historische Rua Santa Maria, eine Mittagspause mit dem weißen Fleisch des schwarzen Degenfischs Espada auf dem Teller, ein Abendessen mit dem urigen, an Haken über den Tisch gehängten Rindfleischspieß Espetada, kurzer Ausflug zum nagelneuen Skywalk am Cabo Girão, der mit rund 580 Meter höchsten Steilklippe in der EU, Bootstouren mit garantiertem Delfin-Watching - und natürlich stundenlange Wanderungen entlang der vielen Levadas, jenen künstlichen kleinen Kanälen, mit denen seit dem 15. Jahrhundert Wasser aus den niederschlagsreicheren Gegenden im Norden zu den landwirtschaftlichen Anbaugebieten im Süden geleitet wird.

Norberto Fernades führt die Wanderer in der Nähe des Städtchens Santana im Norden der Insel durch dunkle Tunnel, den einzigartigen Lorbeerwald und auf der schmalen Randmauer der Levada do Rei unter von Farn und Moosen bedeckte Wasserfälle, vorbei an schroffen Abhängen, alten Wassermühlen und Waschhäusern. Norberto grüßt auf dem Weg den einen oder anderen der Levadores, Arbeiter, die gemächlich die Kanäle säubern und das vorrückende Gehölz stutzen. Muss man nicht auch von Blandy’s reden? Ja, man muss. Schon in der siebten Generation vertreibt Christopher Graham Blandy jenen mit Brandy verstärkten und einem Alkoholgehalt zwischen 18 und 22 Prozent typischen Wein, der den Namen der Insel seit 1811 in die Welt hinausträgt.

Der Vintage lagert mindestens 20 Jahre im Fass

Der Madeira wird während seines Reifens traditionell durch die Sonne leicht erwärmt, erzählt Rita Azevedo zwischen den schweren Eichen- und Palisanderholzfässern, in denen zehn Prozent Luft sein muss. Es duftet schwer nach Wein und Holz. „Unser Wein altert in zwei Etappen“, erklärt Rita, „in der ersten findet eine besondere Form der Oxidation statt, die das Bouquet entstehen lässt und ihn zum Madeira macht. Die zweite dauert mehrere Jahre, in der der Wein durch die allmähliche Wasserverdunstung sich weiterentwickelt.“ Rita bringt kleine Gläser zum Probieren. Den süßen Malvasia und halbsüßen Bual zum Dessert, den halbtrockenen Verdelho und den trockenen Sercan als Aperitif. Zum krönenden Schluss den Vintage, der mindestens 20 Jahre im Fass und dann weitere zwei Jahre in der Flasche altern muss, bevor er zum Verkauf angeboten wird.

„Legt die Flaschen nicht hin, das tut dem Wein nicht gut“, rät Rita. Ansonsten könne der Madeira auch bei geöffneter Flasche gut und gern 18 Monate genossen werden. In der Venda Velha an der Ecke Rua D. Carlos I./Travessa dos Escaleres braut Sérgio einen anderen Trunk. Die Poncha. Auf dem Fußboden und auf den runden Tischchen liegen Erdnussschalen. Die Nüsse gehören dazu. Die Poncha ist eine fruchtige Mischung aus dem Besten, was Madeira zu bieten hat. Einheimische trinken die Poncha wie Wasser, denn sie ist ein erfrischender, süßsäuerlicher Cocktail, der perfekt zu lauen Sommerabenden passt. Doch Vorsicht! Jede Poncha rächt sich süß. Und zwar dafür, dass der Madeira berühmter ist. Honig, Zitronen- oder Maracujasaft und Aguardente, ein schnell fermentierter Rum - und fertig ist der teuflische Mix. Mit einem kleinen Quirl, den Leute caralhinho, Pimmelchen, nennen, wird er ordentlich umgerührt, weil man sonst den Alkohol zu sehr schmeckt. Das darf aber nicht sein, denn die Poncha will so tun, als könne sie niemandem etwas zuleide tun. Welch ein Irrtum.

Corina Bachmaier räumt noch mit einem anderen Irrtum auf. Dem, dass Madeira eine Insel vor allem nur für ältere Urlauber sei. „Wer sportlich ist, findet bei uns ideale Voraussetzungen“, sagt die mehrfache portugiesische Meisterin im Downhillbiken. Wellenreiten, Paragleiten, Motocross, Tauchen, Canyoning, Surfen, Kajaktouren, Segeln - die junge Frau hört gar nicht auf zu erzählen. „Tiefe Täler, Hochgebirge, Meer, Klippen, Wellen und Wind, nirgends findet man das alles so nah zusammen und so leicht erreichbar.“