Premiere im Theaterhaus Mit Mutti durch die Krise

Von Kathrin Horster 

Der Umgang mit Alter und Demenz ist schwer. Werner Schretzmeier und Stephan Moos nähern sich diesem dauernden Ausnahmezustand in „Du bist meine Mutter“ mit Empathie an.

Das Besondere an der Produktion: Obwohl  Mutter und Sohn einen langen Dialog führen, steht Stephan Moos allein auf der Bühne. Foto: Theaterhaus
Das Besondere an der Produktion: Obwohl Mutter und Sohn einen langen Dialog führen, steht Stephan Moos allein auf der Bühne. Foto: Theaterhaus

Stuttgart - Jeden Sonntag fährt Joop von Amsterdam nach Delft, um seine Mutter zu besuchen. Joop ist Sechzig, Schauspieler und glücklich in seiner Beziehung mit Juan. Sein älterer Bruder Piet arbeitet als Chirurg in einer Amsterdamer Klinik. Der Vater der beiden, ein Polizist, ist lange tot. Die 89-jährige Mutter lebt seit drei Jahren im Heim Herbstsonne und leidet, wie die meisten ihrer ebenfalls hochbetagten Geschwister, an zunehmender Demenz. Außerdem stürzt sie leicht, was Joop anfangs in Panik versetzte, inzwischen hat er sich an die Situation gewöhnt. Alles in allem ist seine Mutter doch noch ganz gut beieinander.

Es sind nur wenige familiäre Eckdaten, die der 2006 verstorbene Niederländer Jacob Admiraal in seinem Stück „Du bist meine Mutter“ über die Protagonisten preisgibt. Viel wichtiger ist ihm die Darstellung der Routinen und Gespräche zwischen dementer Mutter und erwachsenem Sohn. Denn obwohl Admiraal in seinem Stück die Erfahrungen mit seiner eigenen Mutter verarbeitet hat, versucht er darin allgemeingültig die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu beschreiben, wenn sich die Fürsorgeverhältnisse im Lauf der Zeit geändert haben.

Wie sich das Fürsorgeverhältnis verändert

Das Stück war schon 2004 auf der Bühne des Theaterhauses zu sehen. Nun hat es Werner Schretzmeier mit dem Schauspieler Stephan Moos überarbeitet und am Montagabend zur Premiere gebracht. Das Besondere: Obwohl hier Mutter und Sohn einen langen Dialog führen, steht Stephan Moos allein auf der Bühne. In Joops Küche, angedeutet mit Tisch, Stuhl und einem Fenster, beginnt der Abend. Während er noch schnell am Kaffee nippt und sich mit Jackett, Schal und Tulpen schick macht für die Mama, plaudert Joop aus dem Nähkästchen und präsentiert sich dabei als liebenswerter Neurotiker. Weil er sich im Straßenverkehr fürchtet, fährt er kein Auto. Ganz anders seine Mutti, die ihn selbst bei Rot über die Fahrbahn zerrte, nur haarscharf an der heran ratternden Straßenbahn vorbei.

Überzeugende Verwandlung in die Greisin

Bei der Mutter angekommen, wandelt sich Joop vom bewundernden Kind zum liebevoll pflegenden Angehörigen. Erst spricht Moos in den Kleidern von Joop am leeren Bett mit der unsichtbaren Frau, tauscht dann die Rollen, indem er sich selbst auf die Matratze legt und mit den Frauenkleidern auch die unsicher-zittrige Motorik einer Greisin annimmt. Die Verwandlung gelingt überzeugend. Wenn Joop spricht, klingt Moos´ Stimme fest und beruhigend, der weiche, holländische Akzent der Mutter wirkt dagegen müde und dünn, mal depressiv weinerlich, wenn es um den Selbstmord einer Schwester geht – „Sina hat Tabletten genommen!“ - mal kindlich erstaunt, wenn sie die eigenen Kleidungsstücke in die Hand nimmt, als wäre es zum ersten Mal.

Der Reiz des knapp siebzig Minuten kurzen Abends liegt in Moos´ enorm empathischer Darstellungskunst, inhaltlich gibt Admiraals Text kaum mehr her als naturalistisch-stereotype Verhaltensmuster zwischen Alt und Jung.

Im Herbst dieses schwierigen Jahres mit wieder ansteigenden Infektionszahlen und der damit einhergehenden Sorge vor neuerlichen Kontaktbeschränkungen während der Feiertage erinnert ein Stück wie „Du bist meine Mutter“ aber daran, wie notwendig der innerfamiliäre Austausch ist – in und jenseits der Krise.

Nächste Termine: Mittwoch, 20 Uhr, Freitag und Sonntag jeweils 19.30 Uhr.




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