Es ist eine Premiere in der Württembergischen Landeskirche – Am Sonntag hat der erste Segnungsgottesdienst für ein homosexuelles Paar in der Stuttgarter Leonhardskirche stattgefunden.

Lokales: Martin Haar (mh)

Stuttgart - Das Paar, das an diesem Sonntag zu feierlicher Orgelmusik in die Leonhardskirche schreitet, ist stolz und glücklich. Sie wissen: Nun treten wir vor Gott in einen heiligen Bund ein. Das Standesamt hat seinen amtlichen Segen schon im Januar gegeben – nun folgt der nächste Schritt in der Kirche mit der bekannten Formel: „… bis der Tod euch scheidet.“ Was im Grunde eine Hochzeit ist, darf jedoch nicht so genannt werden. Denn hier geben sich zwei schwule Männer das Jawort.

Gerald Wolf (54) und Ahmad Wolf (33) sind das erste gleichgeschlechtliche Paar in der Württembergischen Landeskirche, das von einem hart umkämpften Kompromiss zwischen den entgegengesetzten Lagern in der Synode profitiert. In einem so genannten Segnungsgottesdienst schippern beide nun in den Hafen der …. . Nein, sie schippern im kirchlichen Jargon nicht in den Hafen der Ehe. „Worte wie Ehe oder Trauung werden in diesen Fällen vermieden“, erklärt der segenspendende Pfarrer Christoph Doll. Warum? „Weil die Pietisten in unserer Kirche sagen, dass dies nur einer Verbindung von Mann und Frau vorbehalten ist.“

Nur 23 von 1300 Gemeinden haben die Erlaubnis

Und doch ist nun etwas möglich, was lange Zeit in der württembergischen Landeskirche undenkbar war. „Ich bin sehr froh, dass ich künftig lesbische und schwule Ehepaare nicht mehr wegschicken muss“, sagt Doll, der sich „für die bisher sehr hartherzige Linie in unserer Landeskirche oft geschämt hat“. Nun dürfen gleichgeschlechtliche Paare seit Beginn des Jahres die Homo-Ehe, wie es umgangssprachlich heißt, feiern. Nach Angaben der Landeskirche können bislang 23 der rund 1300 württembergischen Gemeinden Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare anbieten.

Bis allerdings ein Paar in einem „öffentliche Segnungsgottesdienst anlässlich der Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare“ vor den Altar treten darf, müssen etliche Bedingungen erfüllt sein: Die jeweilige Gemeinde braucht das Okay des Oberkirchenrats, der Kirchengemeinderat muss sich mit einer Dreiviertelmehrheit für die Segnung aussprechen, und alle Pfarrer einer Gemeinde müssen ihr Plazet geben. Zuletzt müssen auch die Gemeindeglieder durch Veranstaltungen über die Pläne informiert werden. An diesem Sonntag spielen all die Regularien keine Rolle. Pfarrer Doll gibt der Segnung durch seine Herzensworte einen Inhalt, der die Grenzen der starren Form sprengt. „Für uns in der Leonhardskirche gehört es zur Selbstverständlichkeit, dass hier niemand wegen seiner Lebensform als zweitklassig abgewiesen wird“, sagt er und bittet: „Gott segne Gerald und Ahmad, dass sie in ihrer Liebe wachsen!“

Eine Geschichte voller Diskriminierung

„Bis hier her war es ein Kampf“, sagt Gerald Wolf vor dem Ja-Wort und dem Ringtausch. Er erlebte als ehemaliger Katholik in der Jugend Diskriminierung, Anfeindung und Ausgrenzung: „Weil ich schwul bin, hat man mich aus der Jugendgruppe rausgeworfen.“ Ahmads Geschichte ist noch härter. In Syrien war sogar sein Leben in Gefahr.

Doch daran wollen sie jetzt nicht mehr denken. „Für uns haben sich heute viele Wünsche erfüllt“, sagen beide unisono. Ganz kleine, wie zum Beispiel „im Wonnemonat Mai heiraten zu können“. Oder ganz große Wünsche, wie „seinen Bund fürs Leben unter den Segen Gottes stellen zu können.“ Insgeheim hegen die Wolfs noch einen Herzenswunsch: „Wir wünschen uns, dass nach unserer ersten Trauung in Württemberg dieser Akt für andere und für die Gesellschaft zu einer Selbstverständlichkeit wird.“

Damit treffen die Wolfs keineswegs auf taube Ohren. Von den 17 Gemeinden im Dekanat Stuttgart wollen immer mehr das grüne Licht geben für einen Segnungsgottesdienst, wie er in der Leonhardskirche gefeiert wurde. Auch der dortige Pfarrer Doll hofft, „dass dieser Tag einen Beitrag zum Bewusstseinswandel und zu einer weiteren Öffnung in dieser Frage leistet. Es muss Schluss sein mit dieser Diskriminierung.“ Auch, weil es in der Landeskirche viele schwule und lesbische Pfarrer gebe. Die Unterstützung des Stadtdekans ist ihm gewiss. Auch Sören Schwesig vertritt die Haltung, dass mit der Segnung zwar ein Anfang gemacht ist, das aber nicht der Schlusspunkt sein könne. Auch der langjährige Vorsitzende der Kirchengemeinderats, Heinz Rittberger, ist sich sicher: „Die Gleichstellung lässt sich nicht mehr aufhalten.“ Für ihn hat dieser Sonntag an diesem Ort gar eine „historische Bedeutung“: „Unsere Leonhardskirche war allen anderen schon immer eine Nasenlänge voraus. 1520 wurde hier lange vor der offiziellen Verkündigung der Reformation die erste evangelische Predigt gehalten.“

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