Nahrungs- und Nistmöglichkeiten für Insekten schaffen – und das auf vier Friedhöfen in Baden-Württemberg, einer davon in Stuttgart. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Projekt des BUNDs und welche Vision dahintersteckt.

Der BUND Baden-Württemberg startete in diesem Jahr sein Projekt „Insektenfreundlicher Friedhof - Artenschutz durch naturnahe Pflege am Beispiel der Wildbienen und Schmetterlinge“. Auf mehreren Friedhöfen sollen insektenfreundliche Flächen bereitgestellt werden. Auch der Hauptfriedhof in Stuttgart Bad-Cannstatt gehört dazu. Lilith Stelzner, Naturschutzreferentin und eine Betreuerin des Projektes, erläutert die geplanten Maßnahmen, die Umsetzung sowie die Vision hinter den Modellfriedhöfen.

Was sind die Hintergründe und Ziele des Projektes?

Aufgrund des großen Insektensterbens möchte der Organisator BUND auf freien Friedhofsflächen Maßnahmen umsetzen, die eine ökologische Aufwertung darstellen. Besonders Tagfalter und Wildbienen sollen davon profitieren. Das Projekt soll landesweit sichtbar sein, weshalb dafür mehrere Friedhöfe benötigt werden, auf denen man aktiv werden kann. Vergangenes Jahr suchte der BUND mit seinem Geldgeber, der Stiftung Naturschutzfonds, aus allen vier Regierungsbezirken Baden-Württembergs jeweils einen Modellfriedhof aus. Dazu gehören der Hauptfriedhof in Stuttgart (Bad Cannstatt), der Friedhof Handschuhsheim in Heidelberg, der Stadtfriedhof Biberach an der Riß sowie der Waldfriedhof in Singen (Hohentwiel).

Warum wird das Projekt auf Friedhöfen umgesetzt?

Sowohl bundesweit als auch in Baden-Württemberg ist die Entwicklung zu beobachten, dass auf Friedhöfen immer mehr Freiflächen zur Verfügung stehen. Da in dem Bestattungswesen ein Wandel stattfindet, gibt es immer weniger klassische Gräber. Viele Menschen nutzen Urnenbestattungen oder andere Bestattungstypen, die weniger Platz in Anspruch nehmen. Obwohl die freien Grünflächen kaum mehr genutzt werden, müssen sie regelmäßig gemäht werden und bedeuten viel Arbeit. Durch das Projekt werden die Friedhofsgärtner entlastet, da die Flächen für Insekten genutzt werden und nur zwei Mal im Jahr gemäht werden müssen. An anderen Grünflächen in der Stadt ist es schwieriger, insektenfreundliche Flächen umzusetzen – besonders im Bereich der Straße. Denn dort kann man aus Verkehrssicherheitsgründen das Gras und die Blumen nicht meterhoch am Straßenrand wachsen lassen oder es besteht die Gefahr, dass die Insekten von Autos erfasst werden.

Welche Voraussetzungen mussten die Friedhöfe erfüllen?

Um den größtmöglichen Erfolg auf den Friedhöfen zu erzielen, legte der BUND bei der Auswahl einige Kriterien fest. In einer Vorauswahl kamen 33 Friedhöfe zusammen, die Potenzial hatten. Mit diesen führten sie Gespräche und besichtigten 31 von ihnen auch vor Ort. Besonders die Größe des Friedhofs und die dort verfügbaren Flächen haben eine Rolle gespielt. Zwar können kleinere Maßnahmen auch umgesetzt werden, wenn weniger Platz vorhanden ist. Doch für das Projekt ist es sinnvoller, größere Friedhöfe zu wählen, da es modellhaft angelegt ist.

Die Vision dahinter ist, dass auch andere Friedhöfe die Maßnahmen übernehmen und bei sich selbst umsetzen. Ein anderes Kriterium war die Verfügbarkeit eines passenden Mäh-Geräts auf den Friedhöfen oder bei den Gärtnern. Ein Balkenmäher ist beispielsweise die schonendste Art, um Blühwiesen zu mähen. Denn mit einem unpassenden Gerät können viele Insekten getötet werden. Weitere Gründe für die Auswahl waren, ob es vor Ort engagierte BUND-Gruppen gibt und ob es in der Vergangenheit bereits eine gute Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung oder der Stadt gab. Denn so bestehen höhere Erfolgsaussichten. Daran anknüpfend war ein Ausschlusskriterium, ob auf den Friedhöfen andere Verbände aktiv sind. Der BUND wollte sich bei diesen Kooperationen nicht einmischen, weshalb sie dann eher andere Friedhöfe wählten.

Wie werden die Maßnahmen auf den Friedhöfen nun aussehen?

Eine Anpassung der Pflege kann bereits viel bewirken. Sowohl bei dem Heidelberger als auch dem Stuttgarter Friedhof gibt es mehrere Flächen, die nur ein kurzer grüner Rasen sind und mehrmals im Jahr gemäht werden. Durch eine Umstellung der Pflege müssten die Gärtner den Rasen aber nur noch zwei Mal im Jahr mähen. Das verhindert, dass alle Pflanzen – und somit auch die Nahrungsangebote – verschwinden.

Je nach Ausstattung der Pflanzen, die schon vorhanden sind, könnte man auch den Boden auflockern und neu sähen. Durch die Verwendung von heimischem Saatgut werden spezielle Pflanzenarten gefördert und das Nahrungsangebot für die Insekten ist vielfältiger. Zusätzlich müssen Nistmöglichkeiten geschaffen werden. Dafür reichen auch kleinere Flächen, denn die meisten der hier vorhandenen Wildbienen nisten im Boden. Für sie müssten Strukturen im Boden geschaffen werden, auf denen sie ihre Lebensstätte haben und ihre Brut versorgen können. Einige Bienen benötigen dafür beispielsweise eine sandige Fläche. Eine weitere Maßnahme ist das Anlegen von Mustergräbern. Das richtet sich auch an Friedhofsbesucher. Denn viele der klassischen Gräber werden mit exotischen Blumen gepflanzt, die zwar auf den ersten Blick schön aussehen, aber eigentlich nicht hierhergehören. Meist stammen sie aus anderen Ländern und stellen keine Nahrungspflanzen für unsere Insekten dar. Diese Mustergräber sollen zeigen, welche (heimischen) Pflanzen angepflanzt werden können, die schön sind und das ganze Jahr über blühen – aber am wichtigsten: unseren heimischen Insekten helfen.

Welche Blumen werden als heimische Pflanzen gepflanzt?

Für die Mustergräber eignen sich viele verschiedene Pflanzen, wie die Glockenblume, der Natternkopf, die Blatterbse oder das Buschwindröschen. Einige Pflanzen sind teilweise auch in Vergessenheit geraten. Für das Saatgut ist es wichtig, dass keine Pflanzen eingebracht werden, die hier eigentlich nicht vorkommen. Auch innerhalb von Baden-Württemberg gibt es verschiedene Bereiche, in denen unterschiedliche Pflanzen wachsen. Der Bezug zum Gebietsheimischen bleibt deshalb wichtig. Dafür gibt es häufig fertige Mischungen, die man verwenden kann und die sowohl den Tagfaltern als auch den Wildbienen wirklich nützen.

Was sind die nächsten Schritte?

Auf dem Heidelberger Friedhof gab es bereits den ersten Kick-Off-Termin. Das ist für die anderen drei Modellfriedhöfe ebenfalls geplant. Bei diesem öffentlichkeitswirksamen Termin werden die ersten Maßnahmen angegangen. In Heidelberg wurden beispielsweise mit dem Bürgermeister und Helfern vor Ort die Mustergräber bepflanzt. Dass auf den verschiedenen Friedhöfen die Maßnahmen umgesetzt werden, steht in diesem Jahr im Fokus. Zudem werden Exkursionen angeboten, sodass die Menschen einen tieferen Einblick erhalten, was auf den Friedhöfen gemacht wird und welches Potenzial sie für den Schutz von Insekten haben. Eine weitere Agenda in diesem Jahr sind landesweite Schulungen für Friedhofsgärtner sowie private Gärtner, die sich um die Gräber kümmern. Sie werden beispielsweise darüber aufgeklärt, welche Pflanzen idealerweise auf den Gräbern gepflanzt werden sollen. In den kommenden Jahren möchte der BUND den Erfolg des Projektes kontrollieren. Dafür wird dokumentiert, welche Wildbienen- und Schmetterlingsarten es auf den verschiedenen Friedhöfen gibt. So werden die Maßnahmen später nochmals an den Bedarf der Insekten angepasst. Aber auch lange nach dem Projekt soll diese Dokumentation wiederholt werden, um den Erfolg der Maßnahmen zu überprüfen und zu beobachten, ob womöglich noch mehr Arten da sind. Dieser Schritt wird voraussichtlich im Jahr 2029 erfolgen, also fünf Jahre nach Projektende.

Wann erfolgt die Umsetzung der Maßnahmen auf dem Stuttgarter Hauptfriedhof?

Geplant war es in diesem Frühjahr, ab Mai oder Juni. Allerdings steht der Startzeitpunkt noch nicht genau fest und das Wetter muss stets mitberücksichtigt werden. Besonders die Einsaat sollte nur dann erfolgen, wenn Regen in Sicht ist – also eher im Frühling oder Herbst. Momentan ist es dafür aber zu trocken, weshalb beobachtet werden muss, wie es sich weiterentwickelt. Womöglich kann die Einsaat auch erst im Herbst stattfinden. Mit der Anlage der Mustergräber, wie in Heidelberg, kann man aber auch schon jetzt im Frühling beginnen. Dafür wird es noch einen festen Kick-Off-Termin geben.

Wie werden die Gräber und Flächen in Zukunft gepflegt, auch nach Projektende?

Ein Kriterium bei der Auswahl der Friedhöfe war, ob aktive Leute oder BUND-Gruppen vor Ort sind. Denn ihre Motivation und ihr Engagement sind sehr wichtig. Ist jemand mit Herzblut dabei, kümmert er oder sie sich auch längerfristig um die Maßnahmen – auch wenn das Projekt an sich zu Ende ist. Für die Insektenwelt ist dieser langfristige Prozess wichtig. Denn nur, weil etwas angelegt wurde, bedeutet es nicht, dass die Insekten sofort kommen. Es dauert, bis es sich etabliert hat und die Insekten diese Lebensräume und Nahrungsquellen annehmen. Der BUND erstellt deshalb ein Pflegekonzept mit den Friedhöfen und Gärtnern. Diese wissen dann, zu welcher Zeit was getan werden muss, beispielsweise wann sie mähen müssen.

Was bedeutet das fertige Projekt für die Gräber und die Grabpflege?

Für alle Menschen, die über den Friedhof laufen, bedeutet es, dass sie auf den Gräbern ästhetische Pflanzen und viele Insekten sehen. Der Stuttgarter Hauptfriedhof ist beispielsweise ein schöner Friedhof mit parkähnlichem Charakter. Er ist groß angelegt, mit alten Bäumen. Viele Leute laufen da durch, um Erholung zu finden. In so einer Umgebung haben naturnahe Flächen einen noch viel größeren Wert. Die Menschen sehen und hören die Insekten, was zu einem größeren Naturerlebnis führt. So wird das Projekt auch für die Besucher sichtbar und erlebbar. Sie sehen, was man für Insekten tun kann. Denn das Projekt soll auch nach dem Ende der Umsetzungen weitergetragen werden, sodass immer mehr Kommunen ihre Friedhöfe dementsprechend gestalten und die Gärtner wissen, welche Pflanzen sie verwenden sollen. Auch die Menschen können dadurch neue Anreize gewinnen und ihre Gräber insektenfreundlicher gestalten. Zudem können sie sich an den heimischen Pflanzen erfreuen, die in Vergessenheit geraten sind und womöglich auch in ihren eigenen Gärten auf diese Weise aktiv werden – ebenso die Gemeinden auf ihren Grünflächen.