David Bowie, Götz George oder Prince – in unserer Wahrnehmung sind noch nie so viele Menschen gestorben, die uns etwas bedeutet haben, wie in diesem Jahr. Die StZ-Autorin sieht uns in der Pflicht, endlich selbst erwachsen zu werden.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Am Ende hilft der Himmel sogar den größten Agnostikern. Wenn gar nichts mehr geht und die Logik aussetzt, greifen wir zu einem Bild aus Kindheitstagen: zu dem vom Himmelsparadies, in dem alles gut ist und alles seine Ordnung hat. Getreu dem Gebet aus dieser Zeit: Mein Herz ist klein und ich bin rein!

Dass wir mit diesem Kinderglauben nicht alleine sind, sagen uns die sozialen Netzwerke, die in diesen Jahr zu einem verlässlichen Ort des kollektiven Jammerns, gemeinschaftlichen Augenzwinkerns und der puren Verzweiflung vornehmlich der Babyboomer-Generation über den Wahnsinn des Lebens und vor allem des Sterbens geworden sind. Es sind Äußerungen wie die folgenden, welche die Erschütterungen widerspiegeln: „Man hat das Gefühl, dass Gott im Himmel 2016 ein Unterhaltungsdefizit hat. Alle Großen ruft er zu sich #Bowie#George#BudSpencer #Prince.“ Ein anderer twittert: „Ich bekomme ein Gefühl, dass Jesus sich zu Weihnachten 2016 neue Gesellschaft wünscht #Schimmi #Prince #Lemmy #Bowie #Muhammad Ali.“ Es geht aber auch sarkastisch: „Falls es einen Wettbewerb für die fiesesten Jahre der Welt gibt, liegt 2016 auf Platz zwei hinter dem Jahr, in dem die Dinos starben #BudSpencer.“ Manche laufen in ihrer Trauer zu Formulierungshöchstform auf. Ein bisschen Selbstdarstellung, ein wenig Witz darf schon sein im kollektiven Meer der Trauer. Wir haben ja schließlich von unseren Helden gelernt.

Was da gerade geschieht, ist in der Tat unfassbar. Wenn es so weitergeht, ist nicht klar, um welches Bekenntnis, um welchen Hashtag die Twitterwelt reicher sein wird, bis dieser Artikel erschienen ist. Vertrauten wir unserem Gefühl, würden wir sagen: In keinem Jahr sind so viele prominente Menschen gestorben wie in diesem, das gerade erst Halbzeit feiert.

Die Tode treffen uns mitten ins Herz

Stimmt aber nicht. Die Sterbestatistik ist nicht rasant in die Höhe geschnellt. Einsamer Erklärungsansatz eines BBC-Journalisten: Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den geburtenstarken Jahrgängen der Babyboomer auch Stars sind, ist einigermaßen hoch. Im Grunde aber gilt: Was sich geändert hat, ist unsere Wahrnehmung – und deswegen treffen uns diese Tode mitten ins Herz. Oder an welcher Stelle auch immer die Erinnerung an uns selbst und an den Menschen, der wir einmal waren, in unserem Innern vergraben liegt. Sie schwingt in allen Postings und Tweets mit, die nun durch das Netz geistern: die Trauer um die unwiederbringlich verloren gegangene eigene Kindheit und Jugend, die Erinnerung an die Komfortzone einer heilen Welt oder an ein Leben in trotziger Rebellion gegen die etablierten Altvorderen, in dem man allerdings dann doch persönlich nichts riskiert hat.

Denn mit jedem Jahr, das wir älter werden, entfernen wir Babyboomer uns weiter von unserem eigenen Selbstbild, der Jugend und – in der Verlängerung – der selbstrügerischen Fiktion, dem Studium gerade erst entwachsen zu sein. Dabei nähern wir uns mit jedem Atemzug einen Schritt weiter dem Grab. Dass unsere Wahrnehmung ständig zwischen den beiden Polen, zwischen Anfang und Ende pendelt, ist uns nicht täglich bewusst. Wir rufen dieses Wissen nicht ständig auf. Aber das ändert nichts daran, dass es so ist. Es ist der Basston unseres Lebens, der irgendwo um 50 herum den Rhythmus vorgibt. In manchen Momenten nehmen wir ihn deutlicher wahr als in anderen. Dieses Jahr hören wir ihn permanent. Aber an den Gedanken der eigenen Vergänglichkeit muss sich mancher erst langsam gewöhnen.

Lebenshelfer, die uns Korsett und Stütze waren

All die Helden, die uns auf der Suche nach dem eigenen unverwechselbaren Selbst helfendes Korsett und Stütze waren, sterben nun dahin – und lassen uns allein. Die virtuellen Lebensretter, die uns beistanden, wenn uns die Decke im uniformen Möbelhaus-Kinderzimmer auf den Kopf fiel, der Tanzstundenpartner so ungalant wie all die anderen Mitschüler war und Clearasil die Pickel eben doch nicht beseitigt hat, sind nicht mehr. Die Luftpolster gegen die Wirklichkeit, wenn das Drittstudium auch nicht glückte, sind verschwunden. Geplatzt. Willkommen in der Wirklichkeit. Da kann man schon mal verzweifelt sein.

Es fing gleich ganz dick an, als David Bowie starb. Der Mann, der es uns vorgemacht hat, dass man anders sein kann als die anderen, wenn man nur will. Der den Aufbruch im alten Westberlin zelebrierte. Und der so verdammt cool war. Oder Prince. Immer wieder in neuem Gewand auferstanden. Und dann plötzlich gar nicht mehr. Oder Guido Westerwelle, der gezeigt hat, dass auch der zäheste Kämpfer nicht jeden Kampf gewinnen kann. Roger Willemsen, von dem wir immer dachten, wenn man nur klug genug ist, trickst man auch den Tod aus. Und dann war er auch noch mutig. Ist dorthin gefahren, wo wir uns selbst nur in Gedanken hintrauen und hat getan, worauf wir auch gerne gekommen wären. Ist nach Afghanistan gereist oder ist aus der Routine ausgebrochen und hat sich ein Jahr lang jeden Tag, wenn Bundestagssitzung war, in den Berliner Reichstag gesetzt. Mit ein bisschen mehr Drive hätten wir sein können wie er. Aus vorbei. Und dann auch noch Roger Cicero. So jung und so gut – und schon tot. Oder Peter Lustig. Er hat uns in seiner Latzhose die Welt erklärt, uns bei der Hand genommen, fast wie ein Vater, der alles weiß und immer da war. Das Herz am rechten Fleck hatte er dabei sowieso. Und Maja Maranow, die schöne unnahbare Schauspielerin. Irgendwie auch ein unerreichtes Vorbild. Oder Muhammad Ali, der, als wir geboren wurden, noch Cassius Clay hieß. Unbeugsam, aufrecht und mit der großen Klappe ausgestattet, die wir uns nicht trauten, war er. Oder Wolfgang Rohde, der Ex-Drummer der Toten Hosen. Die Jungs mit dem Punkklamotten, die gegen das Establishment anrotzten, haben uns natürlich imponiert. Vorbei die Zeiten.

Die Welt, die wir uns zurechtgezimmert haben, ist nicht für die Ewigkeit

Nicht einmal die heile Welt der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ist mit dem Tod von Hendrikje Fitz mehr ein Hort der verlässlichen Happy Ends. Und wer ätzt jetzt gegen perverse Wichser und Immer-noch-Nazis, wenn es Manfred Deix nicht mehr tun kann? Wer vermittelt uns die Gewissheit, dass es sich lohnt, für diese Demokratie einzutreten, wenn Hans-Dietrich „Genschman“ Genscher und Hans Koschnick nicht mehr sind, die großen Diplomaten und Aussöhner? Wer rettet mit dieser Naivität, wie sie nur grenzenlose Optimisten haben, weiterhin für uns die Welt, wenn nicht Rupert Neudeck? Wer räumt jetzt stellvertretend für uns mit coolen Sprüchen die Welt auf, wenn nicht Schimmi alias Götz George?

„Und wieder stirbt ein Held meiner Kindheit“ posten oder twittern wir bei solchen Einschlägen in schöner Regelmäßigkeit. Nicht nur wir sind sterblich, auch das Konstrukt, das wir uns für uns selbst zurechtgezimmert haben, ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Der Arzt und Theologe Manfred Lütz hat für die große Verzweiflung, die uns ergriffen hat, eine einleuchtende Erklärung. „Weil der Trost der Religion wegfällt, bleibt nur noch Trostlosigkeit“, hat er jüngst in einem Interview gesagt. Bemühen wir deshalb so verzweifelt das Bild vom Himmel, in dem alles wieder zugeht wie zu Kindertagen? Ein Hauch von Religion und Glauben brauchen wir offenbar doch alle, egal wie weit wir uns auch von der Kirche entfernt haben.

Unsere Welt bröselt. Steinchen für Steinchen bricht aus unserem Daseinsmosaik heraus. Unser Schutz gegen die Garstigkeit da draußen ist nicht mehr da. Unsere Immunabwehr gegen die Wirklichkeit ist dahin. Delegieren geht nicht mehr. Wir müssen jetzt selbst ran.

Aber nicht nur wir selbst sind an einer entscheidenden Wegbiege unserer Biografie angekommen. Wie es scheint, ergeht es dem Weltgefüge nicht anders. Selten hatten wir schon im Moment des Ereignisses das Gefühl, in historischen Zeiten zu leben. Wenn wir es zur Zeit der Wende noch nicht gleich kapieren wollten, heute, wo das Pendel mit Brexit und der Krise Europas wieder in die andere Richtung ausschlägt, realisieren wir es mit jeder Nachrichtensendung: Besser kommt’s nimmer. Da würden ein paar Konstanten des Lebens einfach guttun. Ohne moralische Leitplanken muss man selbst mehr auf den Weg achten.

Wir tragen unsere Kindheit und Jugend zu Grabe

Im Kleinen lernen wir gerade jeder diese Lektion. Die alten Eltern sterben und wir bleiben zurück. Schon dieser Abschied tut weh und führt uns unbarmherzig vor Augen: Der oder die Nächste bist du! Wir rutschen eins hoch in der Generationenfolge. Und immer noch haben wir das Gefühl, dass der Mensch, der uns morgens im Spiegel mit all seinen Lebensspuren und Fältchen anschaut, gar nicht der ist, als der wir uns innerlich fühlen.

Irgendwie muss er es aber doch sein. Es ist offenbar an der Zeit, endlich selbst erwachsen zu werden. Dabei hatten wir uns doch diesen Schutzschild aus virtuellen Verbündeten gebaut. Aus Protest gegen die Etablierten und um unbeschadet durchs Leben zu kommen. Nun sind auch sie weg. Schon allein der Gedanke ist unerträglich. Gerade weil sie nur virtuell zu unserem Leben gehört haben, ist das unvorstellbar. Aber das Sterben entzieht sich unseren Wünschen. Und so tragen wir mit jedem Toten die alte Bundesrepublik, das alte Westberlin, den Startbahn-West und Wackersdorf-Protest zu Grabe – kurz: unsere Kindheit und Jugend.

Zeit des Abschieds von vielen Gewissheiten

Thomas Gottschalk hat das Gefühl in Erinnerung an Götz George und Bud Spencer beschrieben. „Der nachdenkliche deutsche Schauspieler und der fröhliche italienische Haudrauf sind meiner Generation in einem Moment abhandengekommen, in dem wir uns auch von anderen Gewissheiten verabschieden müssen.“

Da bleibt, bevor wir gleich morgen endgültig erwachsen werden, nur der Blick zum Himmel, wo alles gut ist. Und die Frage. „Hat jemand was dagegen, wenn ich 2016 einfach für beendet erkläre, sagen wir bis 2020?“ #jetztreichtesunsaber

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