Prostituiertencafé feiert in Stuttgarts Altstadt Straßenstrich ist zurückgedrängt

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (links) und Wirtin Laura Halding-Hoppenheit beim Sommerfest des Prostituiertencafé La Strada auf der Leonhardstraße. Foto: Andreas Engelhard 7 Bilder
Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (links) und Wirtin Laura Halding-Hoppenheit beim Sommerfest des Prostituiertencafé La Strada auf der Leonhardstraße. Foto: Andreas Engelhard

So bunt, entspannt und fröhlich ist Stuttgarts Altstadt nicht immer. Wenn zwei Cafés für Sexarbeiter auf der Straße feiern, vereint das Viertel Gegensätze. Für ihr Engagement für Huren ist Maria Kaiser vom katholischen Bischof geehrt worden.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Man konnte fast die Uhr nach ihm stellen. Immer am Donnerstagabend lief ein älterer Herr am Prostitutiertencafé La Strada im Leonhardsviertel vorbei, in dem sich Maria Kaiser seit 16 Jahren ehrenamtlich engagiert. Irgendwann sprach sie ihn an. Was er denn immer zur selben Zeit hier zu tun habe, wollte die gelernte Bankkauffrau wissen. Der abendliche Rotlichtgänger redete nicht groß drumherum. „I ko no“, antwortete er, „mei Frau mag net – und donnerstags hat se Turna“.

Mit solchen Anekdoten sorgt Maria Kaiser für Schmunzeln. Viele Geschichten, die sich im ältesten Kern von Stuttgart ereignen, sind jedoch traurig, trostlos – und sie machen wütend. Wütend auf Menschenhändler, die Frauen aus bettelarmen Ländern mit falschem Versprechen nach Deutschland locken. Wütend auf Freier, denen die Not der Huren egal ist.

„Männer sind Schweine“

„Wen man da alles sieht“, sagt die La-Strada-Helferin Maria Kaiser, „Schüler, Studenten, Blaumann- oder Anzugträger, Rentner“. Wenn die resolute Frau über Freier spricht, schaut sie uns Männer streng an. „Männer sind Schweine“, entfährt es ihr, „würdet ihr euch anders verhalten, wäre unsere Arbeit überflüssig“.

Überflüssig dürfte die Anlaufstelle für weibliche und männliche Sexarbeiter (das Café La Strada nur für Frauen wird an manchen Tagen zum Café Strich-Punkt für junge Männer, die anschaffen) noch lange nicht werden. An diesem Abend wird draußen auf der Straße mit Ehren- und Hauptamtlichen, mit Nachbarn, Spendern und Lokalpolitikern traditionell das Sommerfest gefeiert.

La Strada heißt die Straße. Straßenmädchen, so nannte man die Prostituierten früher. Zwar ist der Straßenstrich im Städtle zurückgedrängt, was Maria Kaiser auf OB Fritz Kuhn zurückführt. Doch das Elend hinter den mit rotem Licht beschienenen Wänden habe keineswegs nachgelassen. Mit etwa 20 Mitstreiterinnen will sie den Alltag der Huren, die überwiegend aus Rumänien kommen, erleichtern und deren Ausstieg fördern.

Die Frauensolidarität ist groß

Maria Kaiser, die Sprecherin der Ehrenamtlichen vom La Strada, ist so alt wie Mick Jagger. Und wie der Stones-Sänger ist sie äußerst agil. Die 74 Jahre sieht man ihr nicht an. Herzlich, offen, hilfreich – die Großmutter ist das, was man „ gute Seele“ nennt. Beim Sommerfest steht sie ständig auf, um den Gästen etwas zu bringen. Selten herrscht so eine Vielfalt im Viertel. Vom katholischen Stadtdekan bis zum Immobilienhändler, der Zimmer an Prostituierte vermietet – beim Feiern kommt man sich näher. Auch Schwester Margret ist da, die das La Strada 1996 als Rückzugsort für Frauen mitgegründet hat.

Die Frauensolidarität ist groß. Maria Kaiser, die vom katholischen Landesbischof Gebhard Fürst für ihr Engagement im Rotlichtviertel die Martinusmedaille erhielt, sammelt Geld- und Sachspenden, begehrt sind etwa Kleider, Kosmetika und Schmuck. „Es ist klasse, dass so viele ehrenamtlich mitmachen“, sagt die 74-Jährige. Eine von ihnen ist Schauspielerin Monika Hirschle, die für die Sexarbeiterinnen kocht. Die Wirtin und Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit finanziert sogar eine Arbeitskraft im La Strada.

Ein Verbot der Prostitution fordert sie nicht

Angst hat Maria Kaiser nachts im Rotlichtviertel nicht. Unangenehm werde es höchstens, wenn sie ein ihr bekanntes Männergesicht sieht. Einige Male habe sie sich versteckt. Für ein Verbot der Prostitution, für das die mitfeiernde Sozialarbeiterin Sabine Constabel kämpft, tritt Maria Kaiser nicht ein. „Man muss realistisch bleiben“, sagt sie und steht auf, weil bei ihren Gästen am Tisch ein Glas leer ist.




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