Protest in Stuttgart Freunde von Maria Kolesnikowa kämpfen weiter

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Stuttgarter Künstler setzen sich für die Freilassung der belarussischen Oppositionellen Maria Kolesnikowa ein. Sie arbeitet als Flötistin in Stuttgart.

Unterstützer der Stuttgarter Künstlerin und belarussischen  Oppositionellen Maria Kolesnikowa fordern ihre Freilassung aus der Haft. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Unterstützer der Stuttgarter Künstlerin und belarussischen Oppositionellen Maria Kolesnikowa fordern ihre Freilassung aus der Haft. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Hände zu einem Herzen geformt, ein strahlendes Lächeln im Gesicht, so kennen nicht nur Zeitungsleser die belarussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa von Fotos über die Krise in Belarus.

Ihre Kollegin Natasha López vom Stuttgarter Gesangstrio „Vis-à-vis“ erzählt, dass Kolesnikowa sich auch in Stuttgart oft verabschiedet hat, wie es nun von ihr bei den Demonstrationen in Belarus gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko zu sehen ist: mit einem aus ihren Händen geformten Herzen und einem Lächeln.

Herzen schickten sich Kolesnikowa und ihr Stuttgarter Dozent für Traversflöte an der Musikhochschule, Hans-Joachim Fuss, auch per Smartphone hin und her, als Kolesnikowa im August bereits Alexander Lukaschenkos prominenteste Gegnerin in Belarus war

Kolesnikowa verschwand spurlos

Die Sängerin López, der beim Trio „Vis-à-vis“ spielende Cellist Hugo Rannou und der Musikdozent Fuss bangen seit dem 7. September um ihre langjährige Kollegin und Freundin. An diesem Tag verschwand Kolesnikowa nach wochenlangen Protesten gegen einen mutmaßlichen Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen am 9. August spurlos. Einen Tag später wurde klar, was geschehen war. Die belarussischen Sicherheitsbehörden hatten die Oppositionelle mit dem modischen Kurzhaarschnitt in der Hauptstadt Minsk festgenommen. Ihr Plan war ebenfalls verhafteten Mitstreitern zufolge, sie gegen ihren Willen in die benachbarte Ukraine abzuschieben.

Nach Angaben ihrer Unterstützer weigerte sich Kolesnikowa aber, ihr Land zu verlassen. Nun ist sie in Untersuchungshaft. López, Rannou und Fuss gehören zu den Künstlern, die in Stuttgart regelmäßig Demonstrationen für Maria Kolesnikowa organisieren. Am 13. September gab es die erste Kundgebung.

Die Versammlungen sollen daran erinnern, dass die belarussische Oppositionelle auch eine zentrale Figur der Kulturszene Stuttgarts ist, sagt Hugo Rannou. „Wir können in Stuttgart nicht auf sie verzichten.“

Behörden wollten sie abschieben

Im vergangenen Jahr traten Kolesnikowa und Natasha López in der Improvisations-Performance „No voice – no body“ auf. Darin geht es nach den Worten von Rannou um die Freiheit. „Wir wollen das Stück im November in Stuttgart noch mal aufführen und es Mascha widmen“, sagt der aus Frankreich stammende Cellist.

Rannou bezeichnet Kolesnikowa als enge Freundin. 2016 habe er sich mit der Belarussin und der Spanierin López zu dem Trio „Vis-à-vis“ zusammengefunden. „Wir kannten uns aber schon alle durch das Studium an der Musikhochschule“, erzählt Rannou.

Kolesnikowa gilt als robust

Er beschreibt Kolesnikowa als Frau, die sich nicht leicht unterkriegen lasse. Auch die Spanierin López schildert die Flötistin als von robuster Natur. „Wir sind freischaffende Künstlerinnen. Wenn es mit einem Förderantrag nicht geklappt hat, blieb sie locker und meinte, wir versuchen es woanders“, erzählt die Sängerin.

Ihr Dozent Fuss beschreibt seine ehemalige Schülerin als einen Wirbelwind. Fuss lernte Kolesnikowa in Minsk kennen und holte die ehrgeizige Studentin 2007 nach Stuttgart. „Sie hat damals in einer Bäckerei den Boden geschrubbt, um Geld für das Studium zu verdienen“, erinnert sich Fuss.

Die Künstlerin arbeitet in Stuttgart und Minsk

In den vergangenen Jahren sei Kolesnikowa zwischen Stuttgart und Minsk gependelt, erzählt er. Sie koordinierte in der belarussischen Hauptstadt die Kulturarbeit für den Geschäftsmann und Bankier Viktor Babariko. „Gleichzeitig setzte sie auch alle ihre Projekte in Stuttgart fort“, erzählt er.

Als Viktor Babariko angekündigt hat, gegen Lukaschenko bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten, saß Kolesnikowa wegen der Coronakrise in Minsk fest. Sie entschied sich, ihm im Wahlkampf zu helfen. Nachdem ihr Chef im Juni verhaftet wurde, tat sich Kolesnikowa dann mit den beiden Ehefrauen zweier weiterer verhafteter Kandidaten zusammen. Wann aus der Künstlerin, die in Stuttgart alle als „Mascha“ kennen, eine Schlüsselfigur im Kampf gegen Alexander Lukaschenko wurde, können ihre drei Freunde nicht sagen.

Der Kontakt wurde rarer

Pandemie, Wahlkampf, dann die Proteste und Repressionen – der Kontakt zu ihrer Freundin im Auge des Sturms wurde rarer. „Das Ganze passt zu Mascha. Sie war noch nie ein Mauerblümchen“, kommentiert ihr Lehrer Fuss den Wandel seiner ehemaligen Schülerin zur Ikone eines friedlichen Aufstands.




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