Prozess vor dem Landgericht Der Messerangreifer galt als harmlos

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Eine Polizistin erzählt vor dem Landgericht, wie sie einen Messerangriff erlebte – und einen Einsatz überlebte, bei dem sich eine lange Reihe von unglücklichen Zufällen zum größtmöglichen Schaden verkettete.

Als der Angreifer schon reglos am Boden lag, schoss der junge Polizist noch durch die Glastür. Er traf seine schwer verletzte Kollegin. Foto: SDMG/Dettenmeyer
Als der Angreifer schon reglos am Boden lag, schoss der junge Polizist noch durch die Glastür. Er traf seine schwer verletzte Kollegin. Foto: SDMG/Dettenmeyer

Böblingen - Sie haben zweieinhalb Stunden gebraucht, um mich wieder zuzunähen.“ So spricht eine 27-jährige Polizistin vor Gericht über die Notoperation, mit der sie nach einer Messerattacke gerettet wurde. Das war am 4. Juli 2019. Sie ist noch heute krank geschrieben, geht täglich in die Reha. Vor allem versucht sie, wieder fit zu werden für den Dienst. Eine Zeit lang konnte sie nicht durch die Stadt gehen, ohne beim Anblick jedes Menschen darüber nachzudenken, ob er ein Messer bei sich trägt. Die Liste ihrer Verletzungen würde einen Textabsatz füllen. Die schwersten waren ein Stich in den Hals, der die Wirbelsäule knapp verfehlte, und eine zertrümmerte Kniescheibe, „zerbröselt“, sagt die Polizistin. Sie hatte sich im Kampf selbst ins Knie geschossen.

Bei jenem Einsatz an der Bunsenstraße in Böblingen hatte sich eine lange Reihe von Zufällen zum größtmöglichen Schaden verkettet. Die 27-Jährige und ein 21-jähriger Kollege, noch in der Ausbildung, waren wegen einer Ruhestörung angefahren. Eigentlich war der junge Polizist einem anderen Ausbilder zugeteilt. Er hatte an jenem Tag Geburtstag. In dem Wohngebiet war eine Gartenparty in Gang. Nebenbei sollten sie Hinweisen nachgehen, dass in der Nachbarschaft ein Mann randaliere. Er war polizeibekannt, galt als psychisch angeschlagen, aber harmlos. Die 27-Jährige selbst hatte ihn einmal nach Hause gebracht, offenkundig verwirrt. Die Polizisten fanden keinen Hinweis auf Ruhestörung. Sie parkten und klingelten an der Tür des Querulanten.

Der Mann mit dem Stahlhelm stand hinter seiner Mutter

Der Türsummer gab das Schloss frei. Vor der Polizistin stand die Mutter des Mannes, er hinter ihr. Er trug eine schusssichere Weste und einen Stahlhelm. Die 27-Jährige dachte nicht darüber nach. Der Mann stand ohnehin nur stumm im Flur. „Wir haben es ab und zu mit psychisch Kranken zu tun, die sich komisch kleiden“, sagt sie. Die Mutter sagte etwas Entschuldigendes, in etwa: Ihr Sohn habe leider wieder getrunken. Er griff an seinen Rücken. Dass er ein Messer hervorgezogen hatte, sah die Polizistin erst, als sie schon schwer verletzt war, am Kopf, im Gesicht, am Hals. Sie sah ihr Blut strömen, ging in die Hocke, zog ihre Waffe, wollte schießen. Der Mann stach auf ihren Kollegen ein. Die Gefahr, den Falschen zu treffen, war zu groß. Als der Angreifer sich wieder ihr zuwandte, ihr ins Bein stach, drückte sie ab, so oft, bis sie glaubte, das Magazin sei leer. Tatsächlich hatte ihre Pistole nach acht Schuss Ladehemmung. Der Angreifer lag regungslos vor ihr. Sie schob ihre Waffe und das Messer weg, kniete sich auf den regungslosen Mann.

Durch das Glas der Haustür trafen sie Schüsse. Wie ihr Kollege sich ausgesperrt hatte, weiß sie nicht. Sie schrie: „Hör auf, hör auf.“ Weitere Schüsse fielen. Sie kroch zur Tür und öffnete. Ihr Kollege schwankte hinein, weinend, und sackte auf der Treppe zusammen. „Er war absolut aus.“ So beschrieb der Polizist, der nach dem Notruf als erster am Tatort war, den Zustand. Der Angreifer war lebensgefährlich verletzt. Er musste ebenfalls mit einer Notoperation gerettet werden.

Die Staatsanwaltschaft hält den Angeklagten für schuldunfähig, aber gemeingefährlich

Inzwischen sitzt der 24-Jährige auf der Anklagebank des Landgerichts Stuttgart. Er reckt sich, gähnt, döst, während alle anderen Beteiligten am Richtertisch Fotos vom Tatort ansehen. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für schuldunfähig, aber gemeingefährlich. Formal ist er wegen versuchten Totschlags angeklagt, faktisch wird ein Urteil darüber gefällt werden, ob er zwangsweise in die Psychiatrie muss. Er hat die Tat gestanden, das Geschehen dabei so geschildert wie die Polizistin. Er habe angegriffen, weil er glaubte, von Spionen geheimer Mächte verfolgt zu werden. Das Urteil gegen ihn soll am 1. April fallen. Sie sei „trotz allem froh“, dass der 24-Jährige überlebt habe, sagt die Polizistin, „damit hätte ich nicht leben wollen“.

Die 27-Jährige hat Gerichtserfahrung. Im Oktober 2018 saß im Prozess gegen einen Serienkriminellen im Zeugenstand, der wegen Mordversuchs angeklagt war – an ihr. Der Mann hatte auf der Flucht nach einem Diebstahl mit einem Audi eine Polizeisperre durchbrochen. Die Polizistin rettete sich mit einem Sprung davor, überfahren zu werden. Sobald sie fit, vor allem das Knie wieder belastbar ist, will sie zurück in den Dienst. „Am liebsten in den Außendienst“, sagt die 27-Jährige, „ob ich das packe, weiß ich noch nicht“.