Puppen-Ausstellung in Wendlingen Was Trachten alles verraten können

Von Gunther Nething 

Eine große Puppenparade im Wendlinger Stadtmuseum verspricht eine interessante Reise um die Welt – Drei Sammlerinnen präsentieren Exemplare aus Europa, Afrika, Asien und Amerika.

Beim bunten Trachtenvölkchen darf auch die Puppenstube nicht fehlen. Foto: Horst Rudel 3 Bilder
Beim bunten Trachtenvölkchen darf auch die Puppenstube nicht fehlen. Foto: Horst Rudel

Wendlingen - In Wendlingen dürften die Menschen vertrauter im Umgang mit Trachten sein als in Kommunen vergleichbarer Größe. Dafür sorgen die Egerländer, deren Patenstadt die Neckargemeinde ist. Alljährlich zieht Ende August im Namen des Heiligen und Märtyrers Vinzenzi das Heimat-, Brauchtums- und Stadtfest Trachtenträger aus nah und fern in die Doppelkommune aus Wendlingen und Unterboihingen. Und wer unter den Einheimischen etwas auf sich hält, dem geht der „Huasnaotoutara“, ein lederner Hosenträger mit drei achteckigen Knöpfen aus feuervergoldetem Messing für die Egerländer Mannestracht, wie geschmiert über die Lippen.

“Puppenmütter“ stöberten im heimischen Fundus

Die Trachtrepräsentanten der „Gmoi“ (Gemeinde), die sich in Puppengröße ständig in Vitrinen des Stadtmuseums in der Unterboihinger Kirchstraße befinden, haben über den Jahreswechsel reichlich Gesellschaft internationaler Provenienz bekommen. Die Devise lautet „Mit Trachtenpuppen die Welt bereisen“. Um diesen Anspruch einzulösen, haben drei Sammlerinnen in ihren Schätzen gestöbert – und dabei den Bogen der schmucken Schöpfungen von der näheren Heimat, weiteren deutschen Landen und Europa bis weit nach Afrika, Asien und Amerika geschlagen.

Gabriele („Gabi“) Rödl, die Frau des Wendlinger Gmoi-Ehrenvorsitzenden Horst Rödl, hat die ständigen Museumsexponate der Egerländer Tracht noch um Puppen aus dem Fundus ihrer Mutter Hedwig Friesch ergänzt. Die Sammlerin Eva Geiger aus Großbettlingen, langjährige Leiterin der Volkstanzgruppen Neckartailfingen und Betzingen (Kreis Reutlingen) hat ebenfalls viele Beispiele beigesteuert, die Dritte im Bunde der „Puppenmütter“, eine gebürtige Berlinerin, überrascht schließlich mit dem Bekenntnis: „Ich war kaum in der Welt unterwegs.“

Trachten verraten Persönliches über ihre Träger

Trachten, das lernt der Besucher im Stadtmuseum recht schnell, leben nicht nur vom Augenschein, sondern sie verraten auch Persönliches über ihre Träger, insbesondere ihre Trägerinnen – das gilt für die Realität, aber auch für die Ebenbilder en miniature. Hierbei rangiert die Übermittlung des Familienstands ganz vornedran, denn wirft sich frau schon fesch in Schale, dann sollen sich von Fall zu Fall die Mühen ja auch lohnen. Sind also etwa bei den Egerländerinnen die Hauben, und bei den Schwarzwälderinnen die Bollenhüte bunt oder gar rot, so sind die Trägerinnen noch zu haben, sind sie aber bereits buchstäblich „unter der Haube“, so zeigt dies ein dunkler Kopfschmuck , bei Witwen dominiert dann definitiv die Farbe Schwarz.

Eine Art höhere Trachtenarithmetik soll gar bei den Bajuwaren im Spiel sein: Je nachdem, wo bei ihr die Dirndlschürze geknotet ist, gibt die Trägerin dem Eingeweihten so einiges preis. Von der Jungfräulichkeit (Knoten vorne in der Mitte) über vorne links (noch zu haben) und rechts (bereits vergeben) schließt sich der Knotenkreis schließlich am Rücken in der Mitte – dann hat man eine Witwe vor sich.

Trachten, und somit auch Trachtenpuppen, entspringen der Fantasie und beflügeln die Fantasie. Einfallsreichtum ist auch gefragt, wenn es bei den Materialien hapert. So sind in Japan etwa Puppenköpfe aus zerriebener Muschelmasse entstanden, in Ecuador hat eine unbekannte Puppenschöpferin ihre Kreation gleich ganz aus Brotteig geformt.

Dauer der Ausstellung im historischen Stadtmuseum

Ein Besuch des Wendlinger Museumsensembles mit dem barocken Pfarrhaus von 1753, den beiden Scheunenklassikern sowie dem Wasch- und Backhäusle ist immer auch ein Ausflug in die Bauhistorie. Und so steht für Peter Hoefer, den Vorsitzenden des Museumsvereins, außer Zweifel, dass das Pfarrhaus mit seinem eindrucksvollen Mansardendach zumindest nach Plänen des renommierten Baumeisters Balthasar Neumann (1687-1753) entstanden ist. Der gediegene Reichtum an Stuckdecken und Malereien, Bodenfliesen und Holzböden sowie antiken Türen und Treppenaufbauen scheint auch die Ausstellungsmacher stets aufs Neue anzuspornen, ihre jeweiligen Themen in spezifische Arrangements zu packen – wie dies wiederum auch bei den Trachtenpuppen überzeugend gelungen ist.

Die Puppenschau im Stadtmuseum Wendlingen, Kirchstraße 4, kann bis zum 2. Februar besucht werden. Öffnungszeiten sind samstags von 14 bis 17 sowie sonntags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr.




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