Joschka Fischer, nach eigenem Bekunden „einer der letzten Live-Rock’n’Roller der deutschen Politik“ plant sein Comeback als Wahlkämpfer. Allerdings wird er nur beratend tätig sein.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Falls jemals ein Historiker die Geschichte der Wahlkämpfe in der Bundesrepublik Deutschland aufschreiben sollte, dann müsste er Joschka Fischer ein eigenes Kapitel widmen. Der frühere Grünen-Minister war auf der politischen Bühne das, was man unfein eine „Rampensau“ nennt. Im Echtzeitdialog mit leibhaftigen Wählern – gerne auch mit denen konkurrierender Parteien – entfaltete er ein Temperament, das als vulkanös noch eher zurückhalten beschrieben wäre. Im Wahlkampf 2005 war das letztmalig zu besichtigen.

Ähnliche Qualitäten als Open-Air-Politiker offenbarte allenfalls der rot-grüne Duzbruder Gerhard Schröder. Der Unterschied zwischen ihren Kampagnen und den Wahlkampfauftritten der aktuellen Kanzlerin ist etwa so wie zwischen Kung Fu und Seniorengymnastik.

„Einer der letzten Live-Rock’n’Roller der Politik“

Einer wie Fischer fehlt den Grünen, da kann sich der amtierende Spitzenkandidat Jürgen Trittin, Joschkas alter Kampfgenosse, noch so abmühen. Gerade in einer Situation wie jetzt, da die Umfragewerte der Grünen schneller schmelzen als die Polkappen, könnten tornadohafte Auftritte, wie sie von Fischer in Erinnerung sind, der Ökopartei frischen Wind in die erschlafften Segel pusten.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht für Fans dieses Exemplars „eines der letzten Live-Rock’n’Rollers der deutschen Politik“ (Fischer über Fischer). Die gute ist: Fischer plant ein Comeback als Wahlkämpfer. Die schlechte: das wird den Grünen am 22. September wenig helfen.

„Dachkamagne“ für Europas Grüne

Ihr ehemaliger Zampano steigt erst zur Europawahl im kommenden Jahr ein. Und dann wird er sich auch nicht selbst ans Rednerpult stellen. Er wird nur im Hintergrund als Ratgeber wirken. Fischer betreibt mit seinem alten Kumpel Dietmar Huber, dem früheren Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, eine Beratungsfirma. Er bietet Hilfen „in allen Fragen der Interaktion zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen“ an. Gemeinsam mit der Berliner Werbeagentur KKLD, die namhafte Firmen wie BMW, Panasonic und Vodafone unter ihren Kunden hat, soll er eine „Dachkampagne“ für die Grünen im Europa-Parlament entwerfen. Für den eigentlichen Wahlkampf sind dann die jeweiligen Parteien in den Ländern zuständig.

Das ist für Anhänger der Grünen womöglich schon wieder eine schlechte Nachricht.