Radverkehr wächst rasant Stuttgarts Radler auf Rekordkurs

Von Jürgen Löhle 

Die Stuttgarter radeln fleißig. In diesen Tagen wird an der Zählstelle König-Karls-Brücke der einmillionste Radler 2019 gezählt. Die Infrastruktur hinkt allerdings hinterher.

In wenigen Tagen ist die Million Radpassagen bei der Zählstelle der Hauptradroute 1 auf der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt voll. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
In wenigen Tagen ist die Million Radpassagen bei der Zählstelle der Hauptradroute 1 auf der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt voll. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - In den nächsten Tagen werden Stuttgarts Radfahrer wieder einmal eine Duftmarke setzen. Voraussichtlich am kommenden Montag wird an der Zählstelle auf der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt der 1 000 000. Radfahrer in diesem Jahr passieren und damit einen Rekord aufstellen. So viele Velofahrer wurden dort in einem Jahr noch nie gezählt. Das passiert aber im Stillen: die Millionenfrau oder der Millionenmann bleiben anonym, da die Zählstelle nur die aktuelle Tageszahl und die Zahl des Vorjahres anzeigt.

Der Radverkehr in der Stadt wächst weiter rasant, auch wegen den attraktiven Pedelcs. Seit dem Jahr 2014 steigt die Zahl der Radfahrten im Schnitt um acht Prozent pro Jahr. 2019 hat bereits jetzt das Vorjahr getoppt, als die Zahl der Radfahrer wegen des langen und trockenen Sommers sprunghaft um stolze 21 Prozent angestiegen war.

Die Stuttgarter entdecken das Rad

Diese Zahlen belegen, dass die Stuttgarter fleißig dabei sind, den politischen Willen auch des OB nach einem Radverkehrsanteil von 25 Prozent zu realisieren. Derzeit sind es elf Prozent. Allerdings wächst diese Zahl deutlich schneller als die Verkehrsflächen, die solche Mengen aufnehmen könnten. Das Angebot an Radwegen ist bereits jetzt zu Berufsverkehrszeiten zum Beispiel im Unteren Schlossgarten grenzwertig belastet. Bei 25 Prozent Verkehrsanteil würde der Radverkehr auf der Hauptradroute 1 zumindest im Park kollabieren. Nachholbedarf sieht auch Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne): „Im Moment sind wir mit dem Bau von Radwegen hinterher.“

Am Geld liegt es nicht. Im Doppelhaushalt 2020/21 stehen mit den Personalkosten für neue Radverkehrsplaner 12,4 Millionen Euro im Jahr für die Entwicklung des Radverkehrs zur Verfügung. Aber die Mittel werden nicht ausgeschöpft. 2018 wurden nur etwa 25 Prozent des Geldes, das für den Ausbau des Radwegenetzes zur Verfügung steht, ausgegeben. Auch 2019 wird der Etat nicht aufgebraucht. Pläne gibt es genug, allein die Umsetzung gehe zu langsam, wie auch der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC Stuttgart, Cornelius Gruner, immer wieder moniert.

OB Kuhn strebt 25 Prozent Radanteil an

Ein Grund für die zähe Entwicklung liegt kurioserweise darin, dass sich die Stadt im Frühjahr die Ziele des Radentscheids Stuttgart mit einem Grundsatzbeschluss zu eigen gemacht hat. Nach dem Beschluss sind die Qualitätsansprüche an neue Radwege so hoch, dass knapp zehn Kilometer zum Teil bereits beschlossene Projekte in die Neuplanung kommen. Zum Vergleich: in den vergangenen beiden Jahren wurden etwa 2,5 Kilometer neue Radstrecken realisiert. Der Leiter der Abteilung Verkehrsplanung, Stephan Oehler, erklärt aber, dass man versuche, dies in einigen Fällen rückgängig zu machen.

Ein weiterer Grund für die Langsamkeit liegt darin, dass man sich mittlerweile einig ist, neue Radstrecken vom Fußgängerverkehr zu trennen. „Wir wollen, dass die Radler ausschließlich auf der Straße oder auf Radwegen fahren“, sagt Peter Pätzold, „alles andere macht keinen Sinn.“ Aktuell herrscht in Stuttgart noch auf 258 der 336 Kilometer so genannter Radverkehrsanlagen Mischverkehr mit Fußgängern; auf 141 Kilometer müssen Radler sogar Schrittgeschwindigkeit fahren.

Mehr Radverkehr, weniger Parkplätze

Der Wille, dem Radverkehr Raum zu schaffen, kreiert das größte Problem die Planungen. Den Raum für exklusiven Radverkehr muss man im dicht besiedelten Stadtbereich vielerorts anderen wegnehmen, in der Regel dem geparkten oder fahrenden Autoverkehr. Das schafft Widerstand. Baubürgermeister Pätzold weist darauf hin, dass in der Industriestraße in Vaihingen 130 Parkplätze für den Rad- und Busverkehr weichen müssen – und dass das auch funktioniere. An anderer Stelle gibt es Widerstand, wie zum Beispiel bei der Hauptradroute 2 zwischen dem Stuttgarter Osten und Hedelfingen. Auch dort will man in Wangen Parkplätze opfern, was im Bezirksbeirat nicht nur Beifall findet, „Demokratie braucht eben ihre Zeit“, sagt Pätzold. Das führt dazu, dass der Zeitpunkt für die Fertigstellung der Strecke Stuttgart-Ost – Hedeflingen in das Jahr 2023 gelegt wurde. Bisher sollte der Abschnitt bereits 2020 fertig sein.

Der Radverkehr wird also wohl auch in Zukunft schneller wachsen als die Infrastruktur. Verkehrsexperte Oehler verweist darauf, dass die Planungsprozesse überall aufwendig seien. Er sieht aber auch Licht am Horizont. „In den kommenden zwei Jahren, werden die Projekte purzeln.“




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