RAF-Terror im Südwesten Polizisten erinnern an den Terror im Südwesten

Wolfgang Seliger (oben) hat die dramatischen Ereignisse in Singen nicht vergessen. Foto: SWR
Wolfgang Seliger (oben) hat die dramatischen Ereignisse in Singen nicht vergessen. Foto: SWR

Ein Polizist robbt angeschossen hinter ein Auto. Ein Terrorist verfolgt ihn, schießt. Was klingt wie die Szene aus einem Thriller, ist Wolfgang Seligers passiert. Er war der Beamte am Boden, auf den RAF-Terrorist Günter Sonnenberg schoss.

Lokales: Christine Bilger (ceb)
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Stuttgart - Ein Polizist robbt angeschossen hinter ein Auto. Ein Terrorist verfolgt ihn, schießt auf den am Boden liegenden Mann, bis das Magazin leer ist. Was klingt, wie die Szene aus einem Thriller, ist der Film, der vor Wolfgang Seligers geistigem Auge abläuft, wenn er sich ins Jahr 1977 zurückversetzt. Er war der junge Beamte am Boden, den sieben Schüsse trafen. Abgefeuert hatte sie der Terrorist Günter Sonnenberg.

Die Terroristin Verena Becker (unten) wurde bei der Festnahme verletzt. Foto: Action Press
Es war einer dieser Momente, in denen man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören, als Wolfgang Seliger am Donnerstagabend im Haus der Geschichte erzählte, wie er „Im Fadenkreuz der RAF“ war, so der Titel des Gesprächs im Rahmenprogramm der Sonderausstellung „ RAF – Terror im Südwesten“. Die Repräsentanten der Staatsgewalt als Feindbild der Roten Armee Fraktion, das war kein Randaspekt der Geschichte des Terrors, wie der Moderator Werner Birkenmaier deutlich machte. Ein Drittel der Opfer waren Polizeibeamte, sagte Birkenmaier, der in jenen Jahren für die Stuttgarter Zeitung über den Terror in der Republik berichtete.

„Im Café sitzen zwei Terroristen“

„Soll ich weitererzählen?“ fragte Wolfgang Seliger in die Runde, nachdem er berichtet hatte, wie er mit sieben Kugeln im Körper ins Krankenhaus kam und „mit viel Glück, unzähligen Schutzengeln und hervorragender medizinischer Betreuung“ überlebte. Ein Kollege und Seliger wollten die Personalien von Sonnenberg und Verena Becker kontrollieren, weil eine Bürgerin gemeldet hatte: „Im Café sitzen zwei Terroristen.“ Auf dem Weg zum Wagen, wo angeblich die Papiere lagen, schossen die Terroristen die Beamten nieder. Auch wenn man es sich aus heutiger Sicht nicht vorstellen kann, aber eine psychologische Betreuung habe er nie erfahren, so Seliger: „Das gab es einfach nicht.“ Nach einer Kur, in der Ärzte und Pfleger nicht gewusst hätten, was sie mit ihm anfangen sollten, habe es für ihn nur einen Weg gegeben: „Sofort zurück ins Revier und weitermachen.“

Was die Zeit des RAF-Terrors für Stuttgart bedeutete, erzählte Michael Kühner. „Wir waren darauf ja nicht vorbereitet. Die Polizei hatte bis 1970 auf einer Insel der Glückseligen gelebt. Ein bisschen den Verkehr überwachen, das war es ja fast schon“, sagte Kühner, der 1969 den Dienst in Stuttgart antrat und bis zum Amt des Ständigen Vertreters des Polizeipräsidenten aufstieg. Was Kühner erzählte, klingt mitunter witzig, war es aber nicht. „Es gab ja noch keine Einsatzhundertschaft, keine MEKs oder SEKs“, fasste er zusammen. Schutzpolizisten sahen sich unvorbereitet der Situation ausgeliefert. Als die Studentenproteste, in deren Hochzeit die RAF entstand, Stuttgart erreichten, „hatten wir zwar einen Mannschaftsbus. Aber wenn da alle Mann einstiegen, blieb der gleich wieder liegen. Nur das Blaulicht lief weiter.“ In den Jahren nach der Terrorzeit sei die Ausrüstung dann stetig verbessert worden. Dennoch sei die Bedrohung sehr abstrakt gewesen: „Es war nicht so, dass man immer mit Angst in den Streifenwagen eingestiegen wäre.“

Briefe mit Bombendrohungen

An einen Tag erinnerten sich sowohl der frühere StZ-Redakteur als auch der pensionierte Polizist lebhaft. Es waren in Stuttgart Briefe mit Bombendrohungen aufgetaucht. Am 2. Juni 1972 sollten in der Stadt Autos in die Luft fliegen. Zwar habe das Bundeskriminalamt auf einen Trittbrettfahrer getippt. Die Stadtverwaltung und die Polizei gingen dennoch auf Nummer sicher. Werner Birkenmaier berichtete von einer gespenstisch leeren Innenstadt und von Schülern, die nach Hause geschickt worden waren, sich aber in der Stadt herumtrieben, statt sich in Sicherheit zu begeben. Auch von Lesern, die anriefen und sich über lästige Polizeikontrollen beschwerten, erzählte er. Einem Hochzeitspaar hätten Beamte die Vorfreude auf die Geschenke verdorben, fügte Kühner hinzu. Die Polizei machte alle Päckchen auf. Ob man nicht auf das BKA hätte hören sollen, fragte Birkenmaier. „Was aber wäre gewesen, wenn wir nichts gemacht hätten, und es wäre etwas passiert?“ Mit dieser Gegenfrage brachte Michael Kühner die Stimmung jener Jahre auf den Punkt.




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