Ramadan in Stuttgart Gastfreundschaft beim Fastenmahl

Von Heidemarie A. Hechtel 

Für Familie Akin ist der Ramadan auch die Zeit der Begegnung zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Gästen.

Familie Akin beim Essen Foto: Lichtgut-Oliver Willikonsky
Familie Akin beim Essen Foto: Lichtgut-Oliver Willikonsky

Stuttgart - Der Ruf des Muezzins ertönt Punkt 21.30 Uhr: Nein, nicht von der nahen Moschee, sondern aus einem eigens programmierten Wecker verkündet er, dass die Sonne nun untergegangen ist. Denn wir sind nicht in Istanbul, sondern in Stammheim. Bei einer Familie, die sich als „echte Stuttgarter mit Leib und Seele“ bezeichnet und versteht. Die aber auch ihren muslimischen Glauben praktiziert und sich eisern dem Fastengebot unterwirft. Jetzt aber bittet die Hausfrau nach 18 Stunden Verzicht auf Essen und Trinken zu Tisch. Zum Iftar, dem Fastenmahl.

Traditionelle Genüsse dürfen nicht fehlen

Erzählt wird von Fastenmählern, die wahre Gelage darstellen: Üppig, fett und schwer. „Man wird bei vielen Einladungen fast gemästet“, bestätigt Elif, eine Freundin der Familie. Ja“, lacht Mummer Akin, „in traditionellen türkischen Haushalten ist das so. Auch bei meinen Eltern.“ Aber für ihn und seine Familie bedeute der Fastenmonat Ramadan eben wirklich Verzicht und die Bereitschaft zu innerer Reflexion, um Körper und Geist auf das Wesentliche, die zwischenmenschlichen Beziehungen, zu konzentrieren und dadurch die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer der Lebewesen zum Ausdruck zu bringen. Darum tischen Anja Akin und die Töchter Enise (17) und Rukiye (21) ein leichtes Menü auf: Suppe, Fisch mit Gemüse und Reis, Salat und zum Dessert eine Quarkspeise mit Erdbeeren. „Man soll den Magen nicht vollstopfen und nur zu zwei Drittel füllen“, erklärt Anja Akin. Die traditionellen Genüsse dürfen dennoch nicht fehlen: Datteln zum Auftakt als Symbol für die ersehnte Süße des Lebens, und schwarzer Tee zum Abschluss. Mit einem Stück Kuchen. Das muss schon sein. Zwischen den Gängen bleibt auch Zeit für das Gebet.

Aber eigentlich, meint Anja Akin, sei das Essen doch nur Nebensache. Viel wichtiger sind ihr und ihrer Familie die Begegnung und Gespräche mit Freunden, Nachbarn und Bekannten. Denn jetzt ist die große Zeit der Einladungen. In die Moschee, wo abwechselnd fürs Fastenmahl gesorgt wird, und in die Familie. Muammer Akin, der sich in der Hausaufgabenhilfe und als einer der Initiatoren der Bil-Schule stets für Integration durch Bildung engagiert hat und jetzt für den Träger von Integrationssprachkursen arbeitet, lädt seit einigen Jahren ganz bewusst auch nichtmuslimische Gäste ein. Wie an diesem Abend Sylvia Kolter, Pfarrerin im Schuldienst, und ihren Mann, den Sozialpädagogen Johannes Ruetz, neben der Schreiberin dieser Zeilen. Dazu als enge Freunde die junge Modedesignerin Elif und ihren Mann, einen Sportlehrer. „Es ist unsere persönliche Antwort auf die regelmäßig aufkommende Diskussion, ob Muslime und der Islam zu Deutschland gehören oder nicht“, sagt Muammer Akin.

Im kleinen Kreis: 250 Gäste bei der Hochzeit?

Eine eindeutige Antwort darauf ist auch das Ehepaar selbst: Muammer Akin kam mit seiner Familie vor 39 Jahren aus der Türkei nach Stuttgart. Und seine Frau Anja ist waschechte Schwäbin. Die beiden lernten sich als Nachbarn im Hallschlag kennen und lieben. Für beide Familien sei das nie ein Problem gewesen: Weder die Heirat noch Anjas Konversion zum Islam samt ihrer ganz persönlichen Entscheidung zum Kopftuch. Die schönen Töchter zeigen lieber ihre Haarpracht: „Das ist allein ihre Entscheidung“, lassen die Eltern keinen Zweifel an ihrer Liberalität.

Ob Muslime wie die Akins mit deutscher Staatsbürgerschaft und Heimatgefühlen für Stuttgart zu Deutschland gehören, wird auch an diesem Abend nicht diskutiert. Viel spannender ist, dass der Sohn Fatih (25), der später dazu stößt, demnächst heiraten wird. Und wie viele Gäste werden kommen? „Nur 250, ich wollte einen kleinen Kreis.“ Klein?

„Ja, normal sind bis zu 1500 Gäste. Dafür treffen sich beim Henna-Abend der Braut vor der Hochzeit an die 400 Mädels.“ Da staunen die nichtmuslimischen Gäste dann doch. Und wer zahlt diese Festivitäten? „Der Vater des Bräutigams.“ Muammer Akin wehrt lachend ab: „Eigentlich finanzieren die Gäste mit ihren Geldgeschenken das Fest.“ In der Türkei kann man erleben, wie einer Braut Geldscheine ans Kleid geheftet werden.

Und dann muss natürlich noch die Frage geklärt werden, wie man das Fasten aushält, von dem in diesem Haus nur Aslan, der prachtvolle schwarze Kater, befreit ist. Er könne diese Frage schon nicht mehr hören, meint der junge und natürlich sehr fitte Sportlehrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aber Muammer Akin räumt ein, dass die Askese in den ersten Tagen des Fastenmonats durchaus schwer fallen kann. Nach dem Motto: Alles Gewöhnungssache. Trotzdem wird beim Fastenmahl nicht durchgefuttert bis zur Morgendämmerung derzeit um 3.45 Uhr, sondern vorher noch ein kleines Frühstück eingenommen: „Nur etwas Obst und ein Fladenbrot“, sagt Anja Akin. Es sei denn man verschläft den letztmöglichen Zeitpunkt, wie es ihrem Mann auch schon passiert ist. Kein Problem, es ist noch keiner verhungert und verdurstet. Trotzdem freuen sich alle auf den Freitag: Dann wird mit dem Ramadanfest das Ende des Fastenmonats gefeiert.

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