Rapper Bartek von den Orsons veröffentlicht EP Erdbeersaison in der Bibliothek

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Als letztes der vier Orsons-Mitglieder veröffentlicht Bartek Nikodemski an diesem Freitag sein Solo-Werk. Produziert wurde die EP von Jonas Lang alias DJ Jopez. Der darf seit kurzem gemeinsam mit den Jugglerz für Grammy-Produzenten arbeiten.

Ungewöhnliche Maskierung in der Stadtbibliothek: Rapper Bartek beim Studium der Sekundärliteratur. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ungewöhnliche Maskierung in der Stadtbibliothek: Rapper Bartek beim Studium der Sekundärliteratur. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Eines der besten Formate des Musikfernsehsenders MTV hieß einst schlicht „Cribs“. In dieser Reality-TV-Serie stellten die Stars der amerikanischen Pop-Industrie ihre bescheidenen Hütten vor. Bei MTV „Cribs“ erfuhr man in einer voyeuristischen 3-D-Variante von „Schöner Wohnen“ einiges über den Innenausstatter von Marilyn Manson oder darüber, wie bescheiden Mariah Carey ihr Penthouse in New York eingerichtet hat.

Der Rapper Bartek Nikodemski, Mitglied der Orsons, Stuttgarts derzeit erfolgreichster Rap-Formation, bittet angesichts seiner ersten Solo-Veröffentlichung „Servuslichkeiten“ zum Gespräch in die Stadtbibliothek und stellt dabei sofort die Cribs-Tauglichkeit des Ortes heraus: „Für MTV hätte ich das Gebäude gerne als mein eigenes verkauft und die Zuschauer in aller Bescheidenheit darauf hingewiesen, dass ich ganz gerne lese“, erklärt Nikodemski.

Bartek Nikodemski: Zwischen Pumuckl, Otto Waalkes und Gertrude Stein

Diese unbescheidene Ansage am imposanten Ort sagt viel über das Wesen des Rappers aus: Bartek Nikodemski pendelt erfolgreich zwischen den Polen Größenwahn – charmant interpretiert –, Literatur als Quelle der Inspiration und einem Humor, der irgendwo zwischen Dada, Pumuckl und dem frühen Otto Waalkes zu verorten ist. Für das Fotoshooting zieht Nikodemski ohne Vorwarnung eine handgefertigte Erdbeermaske aus seinem Rucksack, die Teil eines Ganzkörpererdbeerkostüms ist, das er sich für sein erstes Solowerk hat schneidern lassen.

In der Stadtbibliothek scheint man wegen all der hippen Instagrammer, die das Gebäude aus allen Perspektiven ablichten – bei der Fotoplattform Instagram ist die Bibliothek als Fotomotiv beinahe beliebter als der Fernsehturm – mittlerweile etwas abgehärtet: Das nicht angemeldete Erdbeer-Shooting interessiert tatsächlich niemanden. Bartek spult mit der einen Hand routiniert ein paar Rap-Gesten ab, während er in der anderen Sekundärliteratur zu Botho Strauß hält.

Vitaminreicher Rap: Nikodemski macht immer wieder Obst zum Thema

Strauß hat es dem Rapper genauso angetan wie Max Frisch oder Gertrude Stein, deren Tautologie „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, die Generationen von Literaturstudenten an den Rande des Nervenzusammenburchs geführt hat, Bartek zum Spiel mit der Erdbeere inspirierte, denn: Eine Erdbeere ist eine Erdbeere ist eine Erdbeere. Eine als Handgranate stilisierte Frucht ziert das Cover von „Servuslichkeiten“. Im Song „Erdbeeren Baby“ philosophiert er über das Wesen von zornigem Obst, was nur konsequent ist, schließlich trat Nikodemski bereits in einem frühen Song mit dem Titel „Der Apfelschnitzschneider“ als Fruchtfreund in Erscheinung.

In dem Video zu der ersten Single der EP „Whipsch Du’s A Lot?“ („Hast du den Schneid“ in Bartek-Sprache) versucht er sich als die schwäbische Antwort auf Beyoncé im Erdbeerkostüm tanzend. Musikalisch gibt er dabei den deutschen Busta Rhymes auf einem Elektro-Beat, der nach Ketamin im Club klingt. Für Bartek Nikodemski ist die EP in einer ­weiteren Beziehung ein künstlerisches Ausrufezeichen: Erstmals tritt er auch als Produzent in Erscheinung. Alle Skizzen sind von ihm.

Die EP ist satt produziert – auch dank Jonas Lang

Im Stück „Wer hat den Woddich?“, eine Liebeserklärung an Wodka, hat er Alltagsgeräusche gesampelt. Zum Beispiel nahm er den Ton auf, den eine Flasche erzeugt, die in den Feuersee geworfen wird („Das war eine sich selbst auflösende Recycling-Flasche, also nicht wirklich Umweltverschmutzung“). Veredelt wurden die Skizzen von Jonas Lang alias DJ Jopez, der schon am „Raop“-Album von Cro mitgearbeitet hat.

Der satte Sound der EP, die in London aufgenommen wurde, zeigt wieder einmal, in welche Sphären Jonas Lang als Produzent vorgedrungen ist. Am Rotebühlplatz arbeitet er mit dem Tontechniker Jens Baumgart zusammen, der auch als Tourmanager der Orsons fungiert. Im Studio nebenan treiben die Jugglerz ihr Unwesen. Gemeinsam mit Stuttgarts erfolgreichstem Dancehall-Projekt hat Jopez jetzt auch international auf sich aufmerksam gemacht: Der Bartek-Produzent unterschrieb einen Vertrag bei Jerry „Wonda“ Duplessis. In dessen Platinum-Studios in Manhattan entstand unter anderem das „The Score“-Album der Fugees. Der dreifache Grammy-Gewinner Duplessis produzierte aber auch Shakiras „Hips Don’t Lie“. Jopez und die Jugglerz sollen künftig für Duplessis Künstler produzieren.

Am Freitag wird die Veröffentlichung bei verschiedenen Anlässen gefeiert

Zurück zu Bartek Nikodemski: Der 1983 im polnischen Breslau geborene und in Ludwigsburg aufgewachsene Rapper stellt seine Veröffentlichung am Freitag in einem Ein-Mann-Pop-up-Store-Gesamtkunstwerk im Stuttgarter Westen vor. Tagsüber kann man sich im Warteraum von I love Sushi unter dem Motto „Erbeeren statt Fisch“ mit dem Künstler auseinandersetzen, nachts soll die EP im Club Schräglage gefeiert werden.

Vom Club noch ein letztes Mal in das schönste Gebäude des Europaviertels: Bei aller Liebe zur Stadtbibliothek als Ort der Literatur – Nikodemski hat mit dem Konzept der Leihbibliothek wieder Schluss machen müssen. „Zweimal habe ich mir einen Ausweis gemacht, zweimal habe ich vergessen, die entliehenen Bücher wieder zurückzugeben. Das war am Ende teurer, als die Bücher zu kaufen.“ Ein Rapper mit Bibliotheksausweis – diese Geschichte war aber auch einfach zu schön, um wahr zu sein.