Reform beim ARD-Freitagabendfilm Junge kommen, Alte gehen

Neue Themen: zum Beispiel bei   „Vier kriegen ein Kind“ rund um ein lesbisches Paar Foto: ARD
Neue Themen: zum Beispiel bei „Vier kriegen ein Kind“ rund um ein lesbisches Paar Foto: ARD

Am Freitagabend will die ARD mit jungen Themen und flotten Erzählungen weniger spießig sein als bisher und junge Zuschauer locken. Das verschreckt allerdings das ARD-Stammpublikum.

Stuttgart - Es gab eine Zeit, da traf man freitags ab 20.15 Uhr im „Ersten“ beinahe unweigerlich auf Christine Neubauer. Die von der ARD-Tochter Degeto produzierten Schmonzetten erzählten zuverlässig von Frauen, die vom Leben offenbar nur eins erwarteten: einen Mann. Die Liebesgeschichten, mal dramatisch, mal komisch, waren in der Regel vorhersehbar, die Machart war altbacken, das Ende immer happy. Die meisten Zuschauerinnen waren ältere Frauen, und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: So sahen die Filme auch aus.

Seit einiger Zeit aber weht ein frischer Wind durch den Freitagabend. Bestes Beispiel ist die im März gezeigte Komödie „Vier kriegen ein Kind“, in der sich ein lesbisches und ein schwules Paar um eine Samenspende streiten. Vor fünf Jahren hätte die Degeto-Führung diesen Stoff zu einem eindeutigen Doppel-Happy-End geführt: Die beiden gleichgeschlechtlichen Paare hätten sich über Kreuz verliebt, weil ihre Homosexualität nur eine vorübergehende Verirrung gewesen wäre . Auch ein tragikomisches Drama wie „Mein Sohn Helen“ hätte es früher nicht gegeben: Ein Junge verbringt ein Auslandschuljahr in San Francisco und kehrt als Frau zurück. Kein Wunder, dass Christine Strobl, die im Sommer 2012 die Geschäftsführung der Degeto übernommen hat, sehr zufrieden ist: „Es ist uns innerhalb relativ kurzer Zeit gelungen, deutlich andere Filme zu zeigen, das ist eine großartige Energieleistung der Redaktion.“ Lohn der Mühen ist unter anderem der deutlich gewachsene Zuspruch von Zuschauern unter fünfzig.

Nicht nur deshalb wird die Neuorientierung in der Branche mit großer Sympathie verfolgt. Manches sei aber auch kritisch zu hinterfragen, heißt es. Nur „Hauptsache jünger, Hauptsache anders“, sagt ein Produzent, „wäre mutig bis mutwillig, aber keine zwingend bessere oder zukunftsweisende Strategie.“ Er fordert die Degeto daher auf, sich stärker „am Publikum mit seinen Interessen und Unterhaltungsbedürfnissen“ zu orientieren und auch das zuletzt verschmähte Genre des Heimatfilms wieder in den Kanon aufzunehmen. Es spreche nichts dagegen, klassische Themen mit neuen Gesichtern zu erzählen: „Das ist ein Weg, ein neues Publikum anzusprechen, ohne das alte vom Sofa zu schubsen. Der Markenkern des Sendeplatzes darf nicht völlig verraten werden.“

Die Mahnungen kommen nicht von ungefähr, denn wie bei allen Reformen gibt es auch bei dieser Neuausrichtung ein bisschen Verlust: Teile des Stammpublikums sind verloren gegangen. Das Ziel muss laut dem Redaktionsleiter Sascha Schwingel nun darin bestehen, dieses Publikum „zurückgewinnen, ohne unsere neuen jungen Zuschauer zu verlieren.“ Dass das nicht einfach wird, zeigt das durchwachsene Abschneiden von eher traditionellen Stoffen wie „Alleine war gestern“ (über eine WG mit jungen Alten) oder „Die letzten Millionen“ (eine Tippgemeinschaft aus Senioren gewinnt dreißig Millionen). Für Schwingel beginnt der Erfolg bei 14 Prozent; beide Filme lagen deutlich drunter.

Flotte Komödien allein genügen nicht

Wie unberechenbar die Zuschauer sind, zeigt auch die Resonanz auf die beiden thematischen Ausreißer „Mein Sohn Helen“, der mit zwölf Prozent im guten Mittelfeld liegt, und „Vier kriegen ein Kind“ (8,2 Prozent), der Freitagsfilm mit der bei weitem schlechtesten Resonanz in diesem Jahr. Die Komödie ist jung, flott und unterhaltsam; aber thematisch natürlich Lichtjahre vom Stammpublikum entfernt. Der Kommentar von Volker Krappen, dem Autor und Produzenten des Films, klingt fast resigniert: „Um mit qualitativ starken, berührenden und unterhaltenden Filmen das Publikum breit zu erreichen und zu binden, braucht man Zeit, Geduld und Spielräume.“ Und der „Mein Sohn Helen“-Produzent Ivo-Alexander Beck resümiert: „Eingefahrene Sendeplätze jenseits des Krimis zu modernisieren ist schwierig.“ Trotzdem findet er den neuen Degeto-Ansatz „richtig und wichtig. Den Zuschauern Unterhaltung mit Anspruch und Relevanz zu bieten, kann nicht verkehrt sein.“ Auch Michael Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Hamburg Produktion Gruppe, die zu Zeiten der „alten“ Degeto unter anderem die Reihe „Liebe am Fjord“ beigesteuert hat, hält den Philosophiewandel für aller Ehren wert: „Jahrelang hat man sich in der Branche hinter vorgehaltener Hand über den ‚Süßstoff’ am Freitag mokiert; da sollte man sich jetzt mit negativen Kommentaren zurückhalten, nur weil die mutige neue Philosophie nicht umgehend den gewünschten Erfolg hat.“

Christine Strobl hofft, bis Ende des Jahres auch beim Gesamtpublikum die Akzeptanzzahlen zu erreichen, die ihr vorschweben. Aber selbst wenn das nicht klappen sollte: „Es wird ganz sicher keinen Weg zurück geben.“ Aus Produzentenkreisen ist allerdings zu hören, dass die Degeto nach dem ZDF-Erfolg mit den beiden Heimatreihen „Hanna Hellmann“ und „Lena Lorenz“ ebenfalls nach solchen Stoffen sucht.

Schwingel will das nicht bestätigen, verweist aber auf das Comeback einer Galionsfigur der „alten“ Degeto: Hauptdarsteller eines neuen Krimiformats ist Christian Kohlund, dank der Reihe „Das Traumhotel“ ein Publikumsliebling gerade des älteren weiblichen Teils der Zielgruppe. Schwingels Devise: „Wir erzählen auch weiterhin klassische Geschichten, aber aus unserer Sicht zeitgemäßer.“ Dafür steht in diesem Fall Kohlunds Partnerin bei den Ermittlungen: Sie wird von Katrin Bauerfeind gespielt. Und als wolle der Redaktionsleiter beweisen, dass er keine Berührungsängste hat, wird derzeit auch ein Film mit Christine Neubauer entwickelt.




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