Regensburger Domspatzen Ein Dreiklang der Brutalität

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Nach zwei Jahren legt Sonderermittler Ulrich Weber seinen Abschlussbericht zum jahrzehntelangen Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen vor. Körperliche, seelische und soziale Gewalt waren demnach „ständig präsent“. Und alle wussten davon.

Rechtsanwalt Ulrich Weber bei der Vorstellung seines Berichts Foto: dpa
Rechtsanwalt Ulrich Weber bei der Vorstellung seines Berichts Foto: dpa

Regensburg - Ein Spitzenchor von Weltformat sollten sie sein, die reine Schönheit geistlicher Musik verbreiten – auf dem Weg dorthin aber wurden sie geprügelt, erniedrigt und missbraucht. Tagtäglich und brutal. Was bei den Regensburger Domspatzen seit 1945 und bis in die neunziger Jahre geschehen ist, lässt sich nun nachlesen in dem 440-seitigen Bericht, den der Rechtsanwalt Ulrich Weber zum Abschluss seiner zweijährigen Ermittlungen am Dienstag in Regensburg vorgelegt hat.

Weber spricht von 547 körperlich und/oder sexuell misshandelten Opfern, deren Berichte er für „hoch plausibel“ hält. An den Gesangsschülern vergangen haben sich demnach 49 Erzieher: Geistliche, Schul- und Musiklehrer, auch Nonnen. Ehemalige Domspatzen, von denen Weber zweitausend bedrückende Erinnerungen auflistet, schildern gerade die Zeit im Grundschulinternat als „Gefängnis, Hölle und KZ“. Und selbst wenn während der fünfziger, sechziger Jahre auch an anderen Schulen geprügelt wurde, resümiert Anwalt Weber: „Das Ausmaß der Gewalt bei den Domspatzen kann nicht mit dem Zeitgeist erklärt werden.“ Sämtliche Taten seien auch nach damaligem Recht strafbar gewesen. Doch heute sei strafrechtlich nichts mehr zu ahnden: alles verjährt.

Kinder sollten gebrochen werden

Der „Perfektion“ des Gesangs, so beschreibt es Weber aufgrund der Zeugenaussagen, sei alles andere untergeordnet worden: Es ging um Auswahl und Förderung einer stimmlichen Elite, dafür sollten die einzelnen „Individuen gebrochen“ werden. „Ein Dreiklang aus Gewalt, Angst, Hilflosigkeit“ bestimmte den Alltag der Domspatzen, und „ein verschachteltes, perfektioniertes System an Isolation, Bestrafung und Drohung mit Entlassung“ sollte sicherstellen, dass nichts von den Geschehnissen nach außen drang. Dabei sieht Weber auch Fehler bei den Eltern: Viele hätten ihren Kindern nicht geglaubt, „Indizien für Gewalt nicht beachtet“ – manche hätten Schläge sogar befürwortet und ihren Kindern gesagt, sie sollten doch froh sein, in so einem Chor mitsingen zu dürfen.

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Schlecht weg kommt unter anderem der Mann, der die Domspatzen von 1964 bis 1994 geleitet hat, in dessen Zeit die gröbsten Auswüchse an Gewalt registriert wurden, und der in Webers Bericht nur als „Domkapellmeister R.“ auftaucht. Es handelt sich um den Bruder von Benedikt XVI., Georg Ratzinger. Ohrfeigen hatte der heute 93-Jährige so nebenbei schon mal eingeräumt, aber dass er mit Schlüsselbunden, Stühlen und Notenständern warf, dass er „ausrasten konnte wie eine Furie“, dass er „bei hoher Emotionalität in vielen Fällen Formen körperlicher und psychischer Gewalt“ anwandte, das fördert jetzt erst Webers Bericht zutage.

Kochende Suppe über die Finger

Mit Gewalt durchgesetzt wurde bei den Domspatzen ein unüberschaubarer Katalog von Regeln, wobei die Erzieher – so Weber – sehr willkürlich vorgingen und „meist ein grobes Missverhältnis zwischen Verstoß und Bestrafung“ bestand. Wer nicht aufaß, bekam laut Zeugenaussagen schon mal die kochend heiße Suppe über die Finger geschüttet oder musste die erbrochene wieder essen. Und die sexuellen Übergriffe reichten reichten bis zur Vergewaltigung.

2015 erst hat Weber, vorgeschlagen vom Opferschutzverband „Weißer Ring“, von der Diözese Regensburg den Auftrag zur systematischen Klärung der Verbrechen bekommen. Bis 2010, so schildert er es, kümmerte sich kein Kirchenmann um die Vorwürfe – obwohl bereits in den fünfziger und sechziger Jahren zwei Priester-Präfekten wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden waren. Und 2010, als die großen Missbrauchsaffären Wellen schlugen, initiierte zwar der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller eine Aufklärung, wollte diese aber auf Einzelfälle beschränken und schon gar nicht mit den Opfern reden. Weber sieht deshalb auch beim späteren Chef der vatikanischen Glaubenskongregation eine „klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen“ – nur die Medien trieben die Aufklärung des Skandals voran. Heute räumt Generalvikar Michael Fuchs für die Diözese ein: „Wir haben alle Fehler gemacht. Wir können nur um Entschuldigung bitten.“

Kann Geld heilen?

Parallel zur Aufklärung hat eine Kommission, in der auch Opfer sitzen, bereits beschlossen: Je nach Schwere der erlittenen Gewalt bekommen Opfer zwischen 5000 und 20 000 Euro zugesprochen; die Diözese werde also – so hieß es am Dienstag – in der Summe 2,5 bis 3 Millionen Euro zahlen. Wobei bisher nur die Hälfte der bekannten Opfer eine Entschädigung eingefordert hat: Die anderen wohl deshalb nicht, so hieß es, weil sie in Geld keine Heilung sehen, weil sie „nach so vielen Jahren nicht mehr an die Sache dranwollen“ – oder einfach: aus Scham.




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