Release in Stuttgart Eine Lobby für die Suchtkranken

Bernd Klenk, Michael Lohmüller und Ulrich Binder   (v.l.) führen anlässlich des 50-jährigen Release-Jubiläums bei zwei Stadtspaziergängen zu den einstigen Hotspots der Drogenszene in Stuttgart. Foto: /Foto:Lichtgut/Julian Rettig
Bernd Klenk, Michael Lohmüller und Ulrich Binder (v.l.) führen anlässlich des 50-jährigen Release-Jubiläums bei zwei Stadtspaziergängen zu den einstigen Hotspots der Drogenszene in Stuttgart. Foto: / Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Release bietet Hilfen für alle Arten von Suchtmittelabhängigkeiten. Dieses Jahr feiert der Verein sein 50-jähriges Bestehen und blickt mit verschiedenen Aktivitäten auf eine bewegte Geschichte zurück.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Release wandelt auf den Spuren der Drogenszene – und das im wörtlichen Sinn: am 8. und am 15. Juli lädt die Stelle für Beratung und Hilfe bei Suchtproblemen jeweils zu einem Stadtspaziergang kreuz und quer durch die City ein. Besucht werden die Hotspots der Stuttgarter Drogenszene der zurückliegenden Jahrzehnte. Dort waren die Streetworker von Release ausdauernd mit Rat und Tat zugegen: Mit Einmalspritzen, mit Aufklärungs- und Therapieangeboten, und sie haben dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit ein gewisses Verständnis für die Drogenkranken entwickelte. Diese Ziele verfolgt Release seit einem halben Jahrhundert: am 12. Juli 1971 wurde der „Verein zur Bekämpfung des Drogenmissbrauchs“ gegründet. Auch in rund 60 anderen deutschen Städten entstanden – ausgehend durch eine Initiative in London - Release-Vereine. Aber nur hier sowie in Kaiserslautern und im niedersächsischen Weyhe bestehen sie in eigenständiger Form weiter.

Ein Baum für die Drogentoten

In Stuttgart hat Release ein breites Angebot für unterschiedliche Zielgruppen, das sich über die Jahrzehnte immer weiterentwickelt hat. Immer dabei waren die Streetworker. Zwei der ersten Stunde waren Ulrich Binder, Michael Lohmüller und seit vielen Jahren als Streetworker dabei ist auch Rolf Berger. Sie werden zusammen mit Geschäftsführer Bernd Klenk die beiden Stadtspaziergänge begleiten: Die zweistündige Tour führt vom Treffpunkt am Haupteingang der Leonhardskirche zur Esslinger Straße, weiter zum Pusteblumenbrunnen auf der Königstraße und zur Planie, wo es einen Gedenkbaum für die Drogentoten gibt. Weiter geht die Tour zum Rotebühlplatz und zur Paulinenbrücke. An den Stationen berichten die Streetworker über die Veränderungen in der Szene und die damit zusammenhängenden neuen Herausforderungen für ihre Arbeit. „Wir haben das Glück, dass schon unter Oberbürgermeister Manfred Rommel die Politik etwas offener war“, berichtet Klenk. Die Evangelische Gesellschaft und die Jugendhausgesellschaft hätten immer die Hand über Release gehalten und Helga Solinger, die von 1992 bis 1996 SPD-Sozialministerin im Stuttgarter Landtag war, habe viel zur Entkriminalisierung von Suchtkranken beigetragen, so Klenk. Deshalb wird sie ebenso wie der frühere Leiter der Stuttgarter Jugendhäuser und Stuttgarter des Jahres 2019, Walter Häbe, in der Festschrift zum Release-Jubiläum zu Wort kommen.

Insgesamt erzählen 50 Menschen über ihre Erfahrungen mit 50 Jahren Release in dem Band. „Heute steht die Mehrheit im Gemeinderat hinter unserer Arbeit, und wir werden von namhaften Stiftungen unterstützt“, resümiert Klenk. „Natürlich ist Sucht immer ein schwieriges Thema, denn es hat immer etwas mit Leid und Ausgegrenztsein zu tun.“

Die Substitution ändert vieles

Ein Meilenstein war der Start der Substitutionstherapie 1995. Damit verschwanden die klassischen Drogentreffpunkte. „Das war ein Segen, denn die Substitution nimmt die Kriminalität von der Straße“, erklärt der Geschäftsführer. Trotz der immer rascher fortschreitenden Professionalisierung der Beratungsstelle – bereits 1972 wurde die erste Sozialarbeiterin eingestellt – baut Release bis heute auf die Ehrenamtlichen. So wird aktuell Verstärkung für die Öffnung des Café SUB in der Kriegsbergstraße 40 an den Wochenenden gesucht. Bisher ist dieser Treffpunkt unmittelbar bei der Substitutionspraxis nur an den Wochentagen geöffnet.

Einen offiziellen Festakt zum Jubiläum wird es im Herbst geben, sofern es die Coronazahlen zulassen. Und dann werden Musik-und Kunstfans im März kommenden Jahres einen ganz besonderen Leckerbissen entdecken können: In der Tradition der 1970 in London erschienenen Benefiz-LP für Release mit den damaligen Rockstars, wird es ein Stuttgarter Remake geben. Künstler aus der Stadt, die auch in der Musikszene aktiv sind, werden auf der Jubiläums-Vinyl-Platte zu hören sein. Wer genau dabei sein wird, soll zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verraten werden, aber es wird eine illustre Mischung.




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