InterviewRemsecker bei schwuler Datingshow „Prince Charming“ So traurig war das Coming-Out des Kandidaten Alexander Gutbrod

Von Sabrina Höbel 

Am Mittwoch startet Deutschlands erste schwule Datingshow „Prince Charming“. Alexander Gutbrod aus Remseck ist als Kandidat mit dabei. Bis zu seinem Coming-out war es ein langer Weg, denn Gutbrod wuchs unter Zeugen Jehovas auf und war auch schon mit einer Frau verheiratet.

Alexander Gutbrod aus Remseck am Neckar outete sich mit 28 Jahren. Zehn Jahre später ist er Kandidat bei „Prince Charming“. Foto: TVNow 5 Bilder
Alexander Gutbrod aus Remseck am Neckar outete sich mit 28 Jahren. Zehn Jahre später ist er Kandidat bei „Prince Charming“. Foto: TVNow

Stuttgart - Die neue Datingshow „Prince Charming“ aus dem Hause RTL klingt zunächst wie ein altbekanntes Format: 20 Männer ziehen in eine Villa in traumhafter Lage und kämpfen darum, als Letzter übrig zu bleiben. Nur werden bei der Kuppelshow Krawatten statt Rosen verteilt und das Ziel der Begierde ist nicht etwa eine Rosendame, sondern Prince Charming Nicolas Puschmann.

Am Mittwoch, 30. Oktober, startet die Show, die auf dem Streamingportal TV Now wöchentlich zu sehen ist. Alexander Gutbrod aus Remseck am Neckar (Kreis Ludwigsburg) ist als Kandidat mit dabei. Um seine Homosexualität so offen wie heute ausleben zu können, nahm der 38-Jährige viel auf sich. Bei der Sendung macht er auch mit, damit andere Jugendliche es später einmal einfacher haben.

Prince Charming ist die erste schwule Datingshow aus Deutschland. Was bedeutet das für die Gay-Community?

Eine Gay-Datingshow war schon längst überfällig. Ich finde es einfach gerecht, dass es alles, was es für Heterosexuelle gibt, auch für Homosexuelle gibt. Ob sich jetzt eine Frau in einem Mann verliebt, ein Mann in einen Mann oder zwei Frauen ineinander ist doch ganz egal. Es ist Liebe und das ist immer ehrlich und sollte nicht bewertet werden. Es geht darum, zu zeigen, dass Schwulsein etwas Normales ist. Hoffentlich haben dadurch auch schwule Jugendliche zukünftig weniger Stress, sei es auf dem Schulhof oder in der Familie.

Sie selbst wuchsen als Sohn streng gläubiger Zeugen Jehovas auf. Wussten Sie schon in Ihrer Jugend, dass Sie schwul sind?

Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass da irgendetwas ist. Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Alle meine Verwandten sind Zeugen Jehovas und da wird Homosexualität nicht geduldet. Ist man schwul, darf man nicht mehr Teil der Gemeinde sein. Wenn man so manipuliert wird und so viel Druck von außen kommt, kann man es tatsächlich schaffen, alle Anzeichen zu ignorieren.

Das ging so weit, dass Sie sechs Jahre lang mit einer Frau verheiratet waren.

Ich dachte, mit der Ehe würde sich das Thema Homosexualität erledigen. Ich habe meine damalige Frau kennengelernt und wir haben uns auch echt ineinander verliebt. Ich bin mit Optimismus in die Ehe gegangen, denn ich wusste, wenn ich mich oute, werde ich alles verlieren. Wir haben dann aber irgendwann festgestellt, dass wir emotional nicht glücklich sind in der Beziehung und nach sechs Jahren haben wir uns getrennt. Wenn man schwul ist, merkt das der Partner irgendwie. Es war nie so, dass wir vorsätzliche eine Ehe gespielt hätten. Es war einfach diese Naivität zu denken, dass man seine sexuelle Orientierung verändern kann, wie es die Zeugen Jehovas ja auch erwarten.

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Geoutet haben Sie sich erst zwei Jahre nach der Trennung, mit 28 Jahren. Wie war das für Sie?

Es war sehr zwiespältig. Das Outing an sich und dass man endlich zu sich findet war ein Befreiungsschlag. Auf der anderen Seite war die Konsequenz, dass alles, was man bis dato lieb gehabt hatte, als Preis dafür einfach weg war. Ich habe fünf Geschwister, eine große Verwandtschaft und viele Freunde aus dem Kreis der Zeugen Jehovas, die von einen Tag auf den anderen weg waren. In ihrem Glauben ist verankert, dass sie zu Personen, die sich geoutet haben, keinen Kontakt mehr haben dürfen und offiziell darf man auch nicht miteinander gesehen werden. Ich habe ein paar meiner Geschwister jahrelang nicht gesehen oder gehört. Vor der Show habe ich meine Familie informiert, dass ich als Kandidat mit dabei bin. Von den meisten habe ich keine Antwort bekommen. Es ist sehr traurig und ich habe immer wieder die Hoffnung, dass sich irgendetwas ändert. Es geht ja nicht darum, jemanden schlecht zu machen, sondern einfach, die Familie Familie sein zu lassen.

Was hat Ihnen in der Zeit nach dem Outing geholfen?

Ich habe mein Leben so aufgebaut, wie ich es immer wollte. Ich habe angefangen mit dem Modeln, bin auf eine Schauspielschule gegangen und habe mein Diplom für Moderation gemacht. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt und parallel dazu meinen Freundeskreis aufgebaut. Heute bin sehr stolz auf meine Ersatzfamilie. Sie hat mir über die Jahre viel Kraft gegeben, meinen Weg zu gehen.

Am Mittwoch sehen wir, wie Sie das erste Mal Nicolas Puschmann kennenlernen. Wie war Ihr erster Eindruck?

Ich war sehr überrascht, im positiven Sinne. Ich bin da eigentlich etwas schwierig und mir gefällt nicht jeder. Aber Nicolas ist ein sehr emotionaler und selbstbewusster Mann. Das hat mein Interesse voll gefunden.

Erfahrungsgemäß sind die meisten Beziehungen, die aus Datingshows hervorgehen, nicht von langer Dauer. Erst kürzlich trennten sich die Bachelorette Gerda Lewis und Keno Rüst, der Gewinner der letzten Staffel. Ist das für Sie Grund zur Sorge?

Sich im Fernsehen zu verlieben ist eine größere Herausforderung als im Alltag, weil da natürlich nicht ein Kamerateam daneben sitzt und sich zwanzig Männer um denselben Mann schlägern. Aber ich bin der Meinung, dass es immer wieder außergewöhnliche Chancen im Leben gibt und dass die Show eine Chance mehr ist, sich zu verlieben. Außerdem lernt man ja nicht nur einen Mann kennen, sondern ganz viele. Es besteht also generell auch die Gefahr, sich in einen Mitstreiter zu vergucken.




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