Rettungsgrabung in Korntal-Münchingen Auf den Spuren der Merowinger

Das Gerlinger Unternehmen Archaeo BW informiert am Baustellenzaun über die archäologische Ausgrabung. Foto: Jürgen Bach
Das Gerlinger Unternehmen Archaeo BW informiert am Baustellenzaun über die archäologische Ausgrabung. Foto: Jürgen Bach

Im Stadtteil Münchingen von Korntal-Münchingen sind derzeit Archäologen zugange. Sie durchforsten das Gelände an der Ecke Stuttgarter Straße und Kronenstraße nach einem Gräberfeld aus der Merowingerzeit. Was bedeutet das für den geplanten Vollsortimenter?

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Korntal-Münchingen - Wo in wenigen Jahren der in Münchingen lang ersehnte Vollsortimenter Edeka und darüber 65 Wohnungen sein werden, außerdem eine Bäckerei mit Außengastronomie und Ärzte, graben zurzeit Archäologen den Boden um. Hintergrund ist eine sogenannte Rettungsgrabung, denn auf dem Gelände an der Ecke Stuttgarter Straße und Kronenstraße wird ein Kulturdenkmal, konkret: ein merowingerzeitliches Gräberfeld von 450 bis 720 nach Christus vermutet. Darauf hat das im Regierungspräsidium (RP) Stuttgart angesiedelte Landesamt für Denkmalpflege hingewiesen, nachdem der Gemeinderat Ende April den Entwurf des Bebauungsplans beschlossen und den Behörden, sonstigen Trägern öffentlicher Belange sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte. Nun wird Erdschicht um Erdschicht abgetragen und der Untergrund untersucht.

In der Stellungnahme des RP heißt es, im Zuge von Bodeneingriffen in nicht bereits tief greifend gestörten Bereichen sei mit „weiteren frühmittelalterlichen Grabfunden und vorgeschichtlichen Siedlungsbefunden zu rechnen“. Weitere deshalb, weil „östlich des ausgewiesenen Geltungsraums in der ehemaligen Lehmgrube der Ziegelei Nanz Bestattungen eines frühmittelalterlichen Friedhofs und auch Relikte einer Siedlung der Urnenfelder- und Hallstattzeit nachgewiesen“ seien. Bei Bauarbeiten seien im Jahr 1961 weitere Gräber gefunden worden.

Stadt sagt, Funde seien nicht auszuschließen gewesen

Auf Anfrage unserer Zeitung teilt eine Sprecherin des RP mit, dass die Rettungsgrabung, die am Montag startete, voraussichtlich einige Wochen dauere. Daher könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch keine näheren Angaben dazu gemacht werden. Ungewöhnlich ist eine Rettungsgrabung jedenfalls nicht. Die Dokumentation ist dabei ein wesentlicher Bestandteil.

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So war es für die Stadt Korntal-Münchingen keine Überraschung, dass Archäologen anrücken. „Es handelt sich um eine ausgewiesene Verdachtsfläche, insofern waren Funde nicht auszuschließen“, sagt die Rathaussprecherin Angela Hammer. Indizien würden darauf hindeuten, dass es sich unter anderem um ein Frauengrab aus der Merowingerzeit handeln könnte. „Wie aufschlussreich dieser Fund für die Ortsgeschichte ist, wird sich nun in den nächsten Wochen zeigen. Siedlungsfunde sind natürlich generell interessant, da es sich quasi um das „erste Münchingen“ handelt, als es noch nicht Münchingen war.“

Größere Verzögerungen für das Bauprojekt vermieden

Die Stadtverwaltung hofft, dass sich keine Verzögerungen im Bauablauf ergeben. Angela Hammer sagt, da bereits frühzeitig archäologische Sondierungen veranlasst worden seien, könne die Rettungsgrabung nun bereits vor dem Baustart stattfinden. Unmittelbar nach dem bei den Sondierungsarbeiten entdeckten Fund habe man mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt, wie vorzugehen sei. „Die erforderlichen Genehmigungen wurden zügig beantragt und erteilt. Die Stadtverwaltung ist sehr dankbar, dass alle Beteiligten sehr schnell und konstruktiv zusammengearbeitet haben. Nur so war es möglich, größere Verzögerungen für das Projekt zu vermeiden.“

Gleichwohl sei es für das Bauvorhaben „eine weitere Herausforderung“ bei diesem Projekt, die es zu meistern gelte – „wobei von Beginn an klar war, dass das Bauvorhaben sehr herausfordernd werden würde“, sagt Angela Hammer. Umso mehr sei die Stadt froh, dass nach mehreren Jahren harter Arbeit die Ziellinie fast erreicht sei.

Auch hofft die Verwaltung, dass sie der Leonberger Firma Mörk Immobilien noch dieses Jahr die Baugenehmigung erteilen kann. Im September sei der Verkauf der städtischen Flächen an den Investor beurkundet worden. Er will Anfang 2022 losbauen und rechnet mit einer Bauzeit von zwei Jahren.

Weitere Rettungsgrabung im Strohgäu

Momentan gibt es auch in Gerlingen im Baugebiet Bruhweg II eine Rettungsgrabung. Es geht um Spuren aus der Steinzeit. Die großflächige Grabung, für die das Gerlinger Unternehmen Archaeo BW verantwortlich zeichnet, das jetzt auch in Münchingen zugange ist, hat am letzten Tag im Mai begonnen und dauert wohl etwa ein Jahr. Das Gelände liegt größtenteils im Bereich eines Kulturdenkmals, das bereits seit nahezu 100 Jahren bekannt ist.

Laut dem RP sind der Großteil der im Land erfolgenden archäologischen Untersuchungen Rettungsgrabungen. Im Gegensatz zu Forschungsgrabungen, bei denen in der Regel ausreichend Zeit für die Freilegung und Dokumentation der Befunde zur Verfügung stehe, müssten Rettungsgrabungen zum Teil unter erheblichem Zeitdruck stattfinden. Rettungsgrabungen würden unter Abwägung öffentlicher Interessen im Vorfeld von Bauvorhaben dann nötig, „wenn keine Erhaltung der archäologischen Fundstelle gefordert werden kann“. Um dem öffentlichen Erhaltungsinteresse zu genügen und das Bauvorhaben dennoch zu ermöglichen, sollen sie „zumindest den Dokumentwert der zu erwartenden Befunde und Funde für künftige Generationen erhalten“.




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