Der schwer verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser ist aus der Riesending-Höhle gerettet. Nach zwölf Tagen fällt die Anspannung von den Helfern ab – und am Ende wird sogar die Frage nach den Kosten gestellt.  

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Berchtesgaden - Nach elf Tagen, zehn Stunden und vierzehn Minuten ist es so weit. Johann Westhauser ist wieder an der Erdoberfläche. Mit einem Flaschenzug wird der schwer verletzte Höhlenforscher vorsichtig aus der Riesending-Schachthöhle gezogen. Die Retter nehmen die Trage, in der Westhauser sechs Tage lang aus einem Kilometer Tiefe nach oben transportiert wurde, in Empfang.

Der Bad Cannstatter Höhlenforscher spürt, dass er in einem Spalier von Hand zu Hand gereicht wird, aber er sieht nichts. In den ersten Momenten im grellen Tageslicht schützt nach der ewigen Nacht im Innern der Erde eine Brille seine Augen. Es folgt ein kurzer medizinischer Check, danach gibt der Arzt das Okay zum Abtransport. Keine einhundert Meter sind es bis zum Hubschrauberlandeplatz auf dem Untersberg. Wieder wird Westhauser getragen, in den Helikopter gehoben, der knatternd in Richtung Krankenhaus abhebt. Das letzte Kapitel der dramatischen Höhlenrettung in den Berchtesgadener Alpen ist vorüber.

Alpine Rettungsgeschichte schreibt ein neues Kapitel

„Ich möchte nicht zu pathetisch werden“, sagt Norbert Heiland von der Bergwacht Bayern, „aber hier ist ein neues Kapitel alpiner Rettungsgeschichte geschrieben worden.“ Eigentlich verbietet das funktionale Ambiente im Feuerwehrhaus von Berchtesgaden, wo die frohe Botschaft der wartenden Öffentlichkeit verkündet wird, allzu große Gefühle. Aber in diesem Moment scheinen auch die Retter zum ersten Mal zu realisieren, was sie in den vergangenen Tagen tatsächlich geleistet haben. In sich zusammengesunken sitzen die Leiter der beteiligen Teams aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien und Kroatien vor den Mikrofonen der Journalisten – es sind gestandene, vom Wetter gegerbte Männer, und fast alle haben sie Tränen in den Augen.

Immer wieder loben sie die Solidarität der Helfer, ohne die die Rettung nicht möglich gewesen wäre. Zum ersten Mal seit dem Beginn der schier unglaublichen Aktion sprechen sie aber auch über Zweifel, die sich in Phasen der Ruhe in die Köpfe der Männer und Frauen eingeschlichen haben. Zu tief die Höhle, zu weit der Weg, zu eng die Gänge, zu glatt die Wände. „Manchmal schien diese Rettung schier unmöglich“, sagt Norbert Heiland, aber dennoch habe niemand je den Mut verloren, dem Verunglückten das Leben zu retten.

Kaum einer der Retter konnte sich zu Beginn der Aktion wirklich vorstellen, was auf ihn wartet. Und auch wenn die Männer davon erzählten, schien es, als seien sie in eine völlig irreale Welt hinabgestiegen. Erst kurze Videosequenzen, aufgenommen von einem Helfer mit seiner Helmkamera und kurz vor Ende der Rettung veröffentlicht, machen das Unvorstellbare begreifbar. Die Retter kriechen auf dem Bauch durch die verschlammten Gänge, ziehen die Aluminiumtrage hinter sich her, in der der verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser liegt. „Piano“, ruft einer der Italiener von der Corpo Nazionale Soccorso Alpino e Speleologico, eine Gruppe von Spezialisten, die vor mehr als einer Woche nach Berchtesgaden eingeflogen wurde. Der Mann muss seine Anweisungen brüllen, denn die Trage schabt mit einem infernalischen Geräusch an den Höhlenwänden entlang.

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Auf den schematischen Darstellungen der Höhle sehe der Gang bisweilen sehr einfach und eben aus, wird deshalb Roland Ampenberger nicht müde zu erklären. Er fungierte die vergangenen Tage als Sprecher der Rettungsteams. Und er betont immer wieder: es sei eine unglaubliche Herausforderung, einen Mann in einer Trage durch dieses Höhlenlabyrinth zu ziehen. Allein für die „Lange Gerade“, einen horizontalen Weg von rund drei Kilometern Länge, brauchten die Helfer fast zwei Tage. Doch danach wartete schon die nächste extreme Schwierigkeit: der 900 Meter hohe senkrechte Anstieg in Richtung Tageslicht, mit vielen Engstellen und kaum einer Möglichkeit zu rasten.

Die internationalen Retterteams hatten in den ersten Tagen ihres Einsatzes aber gute Arbeit geleistet. Sie haben die engsten Durchstiege an den entscheidenden Stellen verbreitert, neue Seile über Abgründe gespannt und Tritte gesichert. Und dennoch blieb der Transport eine Tortur, die alle an den Rand der physischen und psychischen Grenze brachte.

Johann Westhauser sollte von diesem Gewaltakt so wenig wie möglich mitbekommen. Er wurde in Schaumstoff eingebettet und mit Gurten fixiert. Zudem bekam der der 52-Jährige, bei dem die Ärzte ein Schädel-Hirn-Trauma diagnostiziert hatten, einen Gehörschutz, damit er die gebrüllten Kommandos nicht zu laut hört, die von den Wänden tausendfach widerhallen.

Eines der größten Probleme bestand am Anfang der Rettungsaktion darin, kompetente Einsatzkräfte zu finden. So gibt es in Europa nur eine Handvoll Ärzte, die sich in Höhlen von solchen Ausmaßen bewegen können. Dazu gehört der Notfallmediziner Michael Petermeyer. Er bereitete die Teams am Höhleneingang auf die Rettung des Verletzten vor. Auch er sagt, dass es eine unglaubliche Herausforderung sei, in solch eine Tiefe abzusteigen. Diese spezielle Situation von bedrückender Enge und ewiger Dunkelheit gehe schnell an die Substanz eines Menschen. Die Psyche schlage unter solchen Extrembedingungen Kapriolen.

Mehr als 200 Männer und Frauen waren im Einsatz

Wegen dieser enormen Anstrengungen wurden die Helferteams im Laufe der Tage ständig ausgewechselt. Mehr als 200 Männer und Frauen waren im Einsatz, um Johann Westhauser aus rund 1000 Meter Tiefe zu bergen, sagt der Bergwachtmann Norbert Heiland. „Mehr als 700 Retter waren es im Umfeld.“ Es sei eine ungeheuere Logistik nötig gewesen, um den Forscher aus der Riesendinghöhle zu bergen.

Der war mit zwei Begleitern am Pfingstwochenende in die von ihm vor zwölf Jahren entdeckte Höhle gestiegen, um sie weiter zu erkunden. Am Sonntagmorgen gegen 1.30 Uhr überrascht ein Steinschlag die kleine Gruppe. Ein Fels trifft den 52-Jährigen am Kopf. Auch der Helm kann den Schlag nicht abfangen. Einer der Freunde kämpft sich aus der Riesendinghöhle zurück und alarmiert die Bergwacht. Damit beginnt eine der größten Rettungsaktionen, die die Alpen je gesehen haben.

Die Einwohner der kleinen Stadt Berchtesgaden nahmen das Spektakel anfangs noch mit wohlwollendem Interesse zur Kenntnis. Der Landeplatz der Hubschrauber auf einer Wiese zwischen Berchtesgaden und Marktschellenberg wurde zu einer Art Touristenattraktion. Doch im Laufe der Zeit wuchs auch der Unmut. Hinter der Hand wurde die Frage nach den Kosten gestellt, und manche Leute regten sich über den Trubel auf, den die Rettung verursachte und der dem Kurort nicht zuträglich sei.

Ein Mann aus Berchtesgaden echauffiert sich in der Leserbriefspalte der Lokalzeitung über die nächtliche Lärmbelästigung. Um 3.15 Uhr am Samstagmorgen sei der Helikopter über sein Haus geflogen, notiert er. Das Fazit des Wutbürgers: „Das muss doch nicht sein!“ Doch, das muss, antworteten ihm am folgenden Tag mehrere Leserbriefschreiber empört. Die Einsätze der Bergrettung würden Leben retten, so der Tenor, da könne man „nicht auf nächtliche Flüge verzichten, nur weil sich Vereinzelte in ihrem Schlaf gestört fühlen“. Das Urteil über den schlaflosen Zeitgenossen war schnell gefällt: „Schämen Sie sich!“

Bayerns Innenminister will den Eingang zur Höhle sperren lassen

Aber selbst der Innenminister Bayerns, Joachim Herrmann, hat sich über die negativen Folgen der Rettung so seine Gedanken gemacht. Doch ihn kümmern nicht die Hubschrauberflüge, ganz im Gegenteil, das alles zeige doch, wie schnell und kompetent die Berg- und Höhlenretter selbst solche unglaublich komplizierten Einsätze mit Bravour meistern. Herrmann befürchtet, dass nach der spektakulären Rettung eine Art Katastrophentourismus einsetzen könnte. Dass Menschen, die weder körperlich noch psychisch dazu in der Lage seien, auf die Idee kommen könnten, in die Höhle einzusteigen. Aus diesem Grund will er den Eingang zur Riesending-Schachthöhle sperren lassen. „Wir werden dafür sorgen, dass der Zugang in Zukunft nur für spezielle Leute möglich ist“, verspricht der Politiker in Berchtesgaden.

Fast eine Stunde werden die Retter im Feuerwehrhaus von Berchtesgaden gelobt, es taucht sogar der Gedanke auf, ob man diesen mutigen Männern und Frauen nicht eine Auszeichnung des Landes Bayern verleihen sollte. Dann wird die Frage gestellt, die während des gesamten Einsatzes kaum jemand zu formulieren wagte, aber dennoch immer im Raum stand: Wer bezahlt das alles? Die unzähligen Hubschrauberflüge, den Verdienstausfall der Retter, das Bereitstellen der Infrastruktur?

Doch weder die Retter noch der Minister wollen eine Zahl nennen, die die Höhe des Einsatzes auch nur annähend beziffern würde. „Wir werden in Rechnung stellen, was an Kosten anfällt“, sagt Joachim Herrmann. „Die Verwaltungsfachleute haben in den kommenden Wochen genügend Zeit, das alles auszurechnen.“ Und er versichert in jovialem, aber bestimmtem Ton: „Wir werden da eine Lösung finden.“