Robert Seethaler: „Der letzte Satz“ Mahlers letzte Reise

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Fliegende Fische und sterbende Schwäne: In seinem neuen Roman begleitet Robert Seethaler den Komponisten Gustav Mahler auf einer Schiffspassage durch sein Leben.

So schön hat Luchino Visconti in „Tod in Venedig“ die letzte Reise eines sterbenden Künstlers inszeniert. In unserer Bildergalerie finden Sie weitere interessante Neuerscheinungen. Foto: imago//Alfa Cinematografica/Warner Bros. 6 Bilder
So schön hat Luchino Visconti in „Tod in Venedig“ die letzte Reise eines sterbenden Künstlers inszeniert. In unserer Bildergalerie finden Sie weitere interessante Neuerscheinungen. Foto: imago//Alfa Cinematografica/Warner Bros.

Stuttgart - Gustav Mahler sitzt an Deck des Ozeandampfers „Amerika“. Ihm geht es nicht gut. Das Herz, die Liebe, der Tod. Er reist gerade zurück von New York, wo er Ärger mit den dortigen Philharmonikern hatte – über vierzig Konzerte, störrische Musiker. Seine Frau Alma treibt sich irgendwo an Deck herum. Hin und wieder fliegt oder watschelt ein unheilschwangerer weißer Vogel vorbei und erinnert an andere Vögel, die Mahler-Motive pfeifen. Und ein properer Schiffsjunge stellt dem „Herrn Direktor“ Fragen: „Was ist das für Musik, die sie machen“. Meistens aber hängt der Komponist so melancholisch wie nur je ein sterbender Künstlerschwan den Gedanken nach und lässt sein ganzes Leben noch einmal an sich vorbeiziehen.

Natürlich muss man nicht so lieblos dahererzählen, was Robert Seethaler in seinem neuen Roman „Der letzte Satz“ zu sagen hat. Und selbstverständlich liest es sich bei ihm viel schöner, die kunstvolle Verknappung von zartbitter gebrochenen Biografien ist das Metier dieses Autors, seit er in „Ein ganzes Leben“ das traurige Lieben und Leiden eines voralpinen Tagelöhners in eine geradezu unheimliche Erfolgsgeschichte überführt hat.

Szenen einer Künstler-Ehe

Aber um herauszufinden, warum man nach Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ noch einmal einer Mahler-Anverwandlung beim Sterben zusehen soll, ist es vielleicht ganz sinnvoll, zunächst von der lakonischen Dekorationskunst des in moribunden Szenerien erprobten Erzählers abzusehen, und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das könnte die Musik sein. Aber was antwortet der „Herr Direktor“ auf die erwähnte Frage des kecken Matrosenknaben? „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ Und wie zum Beweis klingen die Passagen, in denen es Seethaler doch versucht, dann eben so: „Es beginnt mit einem Spaß, einem grausigen Scherz. Ein dummer, gemeiner Ruf aus dem Dunkel, dazu andere Stimmen, noch dümmer und bösartiger, dann Schritte, Tanz- und Marschschritte, ein Trampeln und Taumeln, ein Rennen und Stürmen, ein trunkenes, blindes Sichhineinwerfen in einen Lebensstrudel, der nur zum Abgrund führen kann“. Ganz ok, aber ähnliches über das Scherzo von Mahlers Neunter bietet jeder Konzertführer.

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Die Welt des Komponisten ist zusammengebrochen. Im vergangenen Sommer hat seine Frau ein Verhältnis mit dem jungen Architekten Walter Gropius begonnen. Durch einen irrtümlich an ihn adressierten Liebesbrief erfährt Mahler davon und ist am Boden seines Toblacher Komponierhäusls zerstört. Drei Jahre zuvor ist seine ältere Tochter gestorben. Die Fakten des Erinnerungsstroms auf dem Sonnendeck der „Amerika“ kann man bei Wikipedia mitlesen. Wie man sich das aber bei Mahlers zuhause vorstellen muss, vergegenwärtigt Seethaler in Dialogen wie diesen: „,Du kommst spät‘, sagte sie. ,Die Suppe ist kalt.‘ ,Das macht nichts‘, sagte er und setzte sich. ,Ich mag sie auch so.‘ ‚Du mochtest deine Suppe noch nie kalt.‘ ‚Die Suppe ist weder heiß noch kalt. Sie ist genau richtig.‘“

Fein ausgeleuchtete Weltschmerz-Atmosphären

In seinem Weltjammer sucht Mahler schließlich Rat bei Sigmund Freud, Seethaler-Lesern seit dessen „Trafikanten“ schon ein alter Bekannter. Und hier kommt man vielleicht tatsächlich langsam zum unbewussten Kern der ganzen Geschichte: Denn die triftigste Motivation, all dies noch einmal zu erzählen, scheint der wohlkalkulierte Versuch zu sein, an Bestsellerbewährtes anzuknüpfen. In der Kunst, berühmte Leute in fein ausgeleuchteten Weltschmerz-Atmosphären zum Sprechen zu bringen, beweist sich die Doppelbegabung des Autors und Schauspielers.

Doch diese Schiffspassage zieht sich. Adagio – sehr langsam. Darauf muss sich einstellen, wer auf dem Sonnendeck der „Amerika“ mit dem versonnen Dahinsiechenden nach fliegenden Fischen Ausschau halten möchte. Was Mahlers Musik aber kritisch von ästhetischem Schein und Fin-de-siècle-Firlefanz trennt, ist auf dieser gepflegten letzten Reise nicht zu erfahren. Als imaginärer Soundtrack für melancholisch-schicken Bildungsnippes taugt sie nicht.

Robert Seethaler: Der letzte Satz. Roman. Hanser Berlin. 128 Seiten, 19 Euro.




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